Generalsanierung Berlin – Lehrte: Landrat, Bürgermeister und Amtsdirektoren unterschreiben Brandbrief in Rathenow – Liebe Bahn, SO geht das aber nicht!
Das Havelland hat gerade erst die Generalsanierung der Bahnstrecke Berlin-Hamburg „überstanden“, da stehen auch schon die nächsten Baumaßnahmen an: Die Bahn möchte nun auch die Strecke Berlin-Lehrte sanieren. Bislang war geplant, während der Arbeiten die alte Lehrter Stammbahn für den Regionalverkehr freizugeben. Das klappt nun doch nicht. Die Folge: 14 Monate lang werden keine Regionalzüge zwischen Wustermark, Rathenow und Stendal fahren. Landrat Roger Lewandowski zeigte sich entsetzt. Zusammen mit 13 Bürgermeistern und Amtsdirektoren hat er einen Brandbrief an die Deutsche Bahn aufgesetzt.
Die Deutsche Bahn möchte pünktlicher werden und zugleich den Sanierungsstau auf der Strecke reduzieren. Die Lösung sind Generalsanierungen, bei denen große Streckenabschnitte unter Vollsperrung grundlegend erneuert werden. Insgesamt sind bis Mitte der 2030er Jahre an die 40 dieser Sanierungsmaßnahmen im großen Stil geplant.
Wie das funktioniert, hat man bereits bei der gerade abgeschlossenen Generalsanierung der Strecke Berlin-Hamburg sehen können. In den zehn Monaten der Sanierung hieß es für viele tausend Pendler im Havelland, langfristig große Umwege in Kauf zu nehmen.
Nun geht es gleich weiter. Die Strecke Berlin-Stendal soll generalsaniert werden. Auf einer Länge von 227 Kilometern erneuert die Bahnleute „rund 216 Kilometer Gleise, tauschen 149 Weichen aus, arbeiten an Brücken und Durchlässen und an der Oberleitung sowie an der Leit- und Sicherungstechnik. 13 Kilometer Lärmschutzwände werden erneuert und 25 Bahnhöfe entlang der Strecke zu Zukunftsbahnhöfen entwickelt.“
Auf der Strecke sind ansonsten täglich über 400 Züge des Nah- und Fernverkehrs unterwegs, hinzu kommen pro Tag etwa 90 Güterzüge.
Vom 2. Oktober an soll diese Bahnstrecke für volle 14 Monate komplett gesperrt werden. Fernzüge, die sonst von Berlin aus nach Hannover fahren, werden umgeleitet. Sie fahren über Braunschweig und Magdeburg, was die Fahrtzeit um 80 Minuten verlängern soll, so die Bahn.
Der Regionalverkehr zwischen Berlin und Stendal sollte zunächst nur bis Dezember 2026 unterbrochen werden (www.lehrte-berlin.deutschebahn.com) – übrigens schon von Spandau aus, was auch Dallgow-Döberitz betrifft. Anschließend sollten die Regionalzüge aber über die genau parallel zur Strecke verlaufende eingleisige Lehrter Stammbahn geschickt werden. Dafür hätte die Lehrter Stammbahn aber neu elektrifiziert werden müssen. Das sei nicht rechtzeitig gelungen, sodass die Lehrter Stammbahn nun als Ausweichstrecke entfällt. Im Umkehrschluss heißt das: Auch der Regionalverkehr soll nun volle 14 Monate lang nicht rollen – jedenfalls ab Wustermark. Betroffen sind die Bahnlinien RE4, RB21 und RB34.
Der Landkreis Havelland und die Kommunen haben von dieser Planänderung erst Anfang September etwas erfahren. Das Entsetzen ist groß, denn der Wegfall der Bahnverbindung Wustermark-Rathenow bis Dezember 2027 wird als echte Katastrophe bewertet.
Roger Lewandowski, Landrat vom Landkreis Havelland, hat deswegen zusammen mit den Bürgermeistern und Amtsdirektoren aus 13 betroffenen Städten, Gemeinden und Ämtern ein Protestschreiben aufgesetzt, das am 28. September öffentlichkeitswirksam vor dem Bahnhof Rathenow unterschrieben und anschließend an die Bahnspitze, den Bundesminister und an den Landesminister für Verkehr geschickt wurde.
In dem Protestschreiben heißt es: „In einer Videokonferenz am 9. September 2026 wurden der Landkreis Havelland sowie Vertreterinnen und Vertreter der betroffenen Kommunen durch den Baulastträger DB InfraGO darüber informiert, dass über einen Zeitraum von nunmehr insgesamt 14 Monaten kein Bahnverkehr auf der Strecke Berlin – Lehrte zwischen den Bahnhöfen Wustermark und Rathenow stattfinden soll! Als Begründung wurden Verzögerungen bei vorbereitenden Bauarbeiten angeführt. Nach der bereits oben erwähnten zehnmonatigen Streckensperrung der Hamburger Bahn ist die nun avisierte von 14 Monaten eine nicht hinnehmbare Zumutung!“
Und: „Zu erwarten ist in diesem Zusammenhang außerdem ein Ausweichen vieler Pendlerinnen und Pendler auf den fahrzeuggebundenen Individualverkehr. Für Kommunen mit Bahnhöfen an dieser Trasse, wie etwa Nauen, Brieselang und Falkensee, stellen die aktuellen Planungen eine zusätzliche erhebliche Belastung dar. Durch die zu erwartende stärkere Nutzung dieser Bahnhöfe ist mit erheblichen und nur schwer steuerbaren zusätzlichen Verkehrsströmen zu rechnen. Bislang ist durch die Planungsgruppe zudem unbeantwortet geblieben, ob und in welchem Umfang zusätzliche Parkmöglichkeiten an diesen Bahnhöfen geschaffen werden sollen.“
Die Forderung am Ende: „Die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner dieses Schreibens fordern Sie dazu auf, eine tragfähige und akzeptable Lösung für die umfangreichen Infrastrukturmaßnahmen auf der Strecke zu entwickeln! Eine Vollsperrung der Lehrter Bahn, wie sie im Raum steht, über einen Zeitraum von 14 Monaten muss unter allen Umständen verhindert werden!“
Unterschrieben haben den Brief u.a. die Gemeinden Schönwalde-Glien, Brieselang und Milower Land, die Städte Rathenow, Ketzin/Havel und Nauen sowie das Amt Rhinow und das Amt Friesack.
Besonders betroffen von der langen Bahnsperrung ist vor allem das westliche Havelland, also Rathenow und Umgebung – sie werden 14 Monate lang vollständig von der Bahn abgehängt, sollten die Pläne nicht doch noch einmal geändert werden.
Wustermark hat „Glück“, weil die Verbindung nach Dallgow-Döberitz und vor allem nach Berlin hin nach zwei Monaten wieder offen ist. Aber die Verbindung nach Rathenow ist für über ein Jahr komplett blockiert. Bürgermeister Holger Schreiber: „Ganz viele Arbeitskräfte, die etwa im GVZ Wustermark arbeiten, kommen aus dem Westhavelland zu uns. Das sind viele Menschen, die nun ein großes Problem haben, wie sie morgens pünktlich zu ihrer Arbeit gelangen sollen. Wustermark ist eben ein ganz starker Einpendlerstandort, was unsere Arbeitskräfte betrifft.“
Dallgow-Döberitz braucht sich auch nur auf eine zweimonatige Komplettsperrung der Bahnstrecke einzustellen, danach fahren die Züge wieder nach Berlin und auch nach Wustermark. Bürgermeister Sven Richter: „Das ist für unsere Dallgower, die nach Berlin einpendeln, eine deutliche Erleichterung, weil wir erst davon ausgegangen sind, dass die Sperrung für 14 Monate auch uns betrifft. Aber wir haben zusätzlich auch noch die Situation mit der B5, die in unserem Abschnitt kernsaniert wird. Da konnten wir zum Glück erreichen, dass die Bauarbeiten erst einmal an der Stadtgrenze beginnen, sodass wir einen Mörderstau innerhalb der Ortslage verhindern können.“
Bei den Amtsdirektoren und Bürgermeistern ist vor allem die Kommunikation mit der Deutschen Bahn ein Problem. Heiko Richter, Bürgermeister von Falkensee: „Als die Sperrung der Bahnverbindung Berlin-Hamburg noch einmal verlängert wurde, haben wir das auch nur über die Presse erfahren. Und jetzt geht das schon wieder los. Unsere Bahnverbindung ist zwar nicht betroffen, aber die Umleitungsverkehre werden uns auch sehr beschäftigen.“
14 Lokalpolitikerinnen und Lokalpolitiker brüllen nun also im Protestbrief wie ein Löwe mit einer gemeinsamen Stimme. Viel Hoffnung, dass sich dadurch noch etwas ändert, haben die Würdenträger allerdings nicht. (ϑ Text/Fotos: CS)
Dieser Artikel stammt aus „Unser Havelland“ Ausgabe 248 (11/2026).
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