Jürgen von der Lippe: Mit seinem Programm „Sextextsextett“ zu Besuch in der Falkenseer Stadthalle!
Am Sonntag, dem 6. September, war der bekannte Sänger, Fernsehmoderator und Buchautor Jürgen von der Lippe zu Gast in der Falkenseer Stadthalle. Hier gab er vor einer voll besetzten Halle sein Programm „Sextextsextett“ zum Besten. Feine Stilübungen mit den Fallstricken der deutschen Grammatik gaben sich ein amüsantes Stelldichein mit sexuell ausformulierten derben Scherzen und schlauen Beobachtungen über das Fehlverhalten der Menschheit im alltäglichen Detail. Insbesondere die Frauen im Publikum fanden regen Gefallen an den gonadenorientierten Verbalspielereien.
Sonntag, früher Abend, 19 Uhr. Der Saal in der Veranstaltungshalle der Falkenseer Stadthalle ist gefühlt bis auf den letzten Platz belegt. Das Publikum vor Ort hat die zweite Lebenshälfte bereits lange erreicht. Es möchte gern den Mann live und in Farbe sehen, der es bereits seit über 50 Jahren zuverlässig unterhält: Jürgen von der Lippe.
Jürgen von der Lippe (78) wurde 1948 in Bad Salzuflen geboren. Er wuchs in Aachen auf und lebt seit den 1970er-Jahren in Berlin. Hier war er, was viele nicht wissen, Mitbegründer der Musiktruppe „Gebrüder Blattschuss“, die mit „Kreuzberger Nächte“ einen riesengroßen Kneipenhit hatten.
Schon bald ging der Vollblutentertainer eigene Wege. Er eroberte sich die große Fernsehbühne. In stets äußerst bunten Hemden moderierte er Kultsendungen wie „Geld oder Liebe“, „So isses“ oder „Donnerlippchen“. Schon damals fiel dem Publikum seine Liebe zu fein ziselierten und akrobatisch ausformulierten Moderationen auf. Kult wurden seine ausufernden, liebevoll gedrechselten Anmoderationen der auftretenden Musikacts.
Apropos Musik. Jürgen von der Lippe stand sein Leben lang breitbeinig auf den verschiedenen Bühnen des Lebens. So blieb er auch der Musik treu. „Guten Morgen, liebe Sorgen“, „Dann ist der Wurm drin“, „Is was“, der „Beamtenrap“, „Hubert Lippenblüter“ und „Der Blumenmann“ waren Lieder, die über die langen Jahre im Volksgedächtnis hängen blieben.
Die Liebe zu schlau ausformulierten Texten führte Jürgen von der Lippe schließlich auch zu den Büchern. So moderierte er im Fernsehen Sendungen wie „Was liest du?“ oder „Lippes Leselust“.
Und wurde schlussendlich selbst zum Buchautor. In seinen Büchern wie „Sex ist wie Mehl“ oder zuletzt „Sextextsextett“ sammelt er amüsante Beobachtungen, Glossen und kurze Texte, die allesamt einen humorvollen Blick auf die Absonderlichkeiten des Lebens enthüllen. Vor allem der geschlechtliche Stacheldraht-Zaun, der Männer und Frauen immer wieder aneinander verzweifeln lässt, macht Jürgen von der Lippe sehr viel Freude. „Wenn die Bluthunde der Fleischeslust nur noch ganztägig vor dem Kamin dösen“ wurde passend zum Thema „Sex im Alter“ zu einem geflügelten Zitat.
Aber wir schweifen ab.
Die Menschen, die am 6. September im Publikum saßen, kennen Jürgen von der Lippe, „ihren“ Jürgen, sehr gut. Er hat sie durch ihr ganzes Leben begleitet, in etwa so wie Karl Dall, Thomas Gottschalk oder Mike Krüger. Das ist niemand mit einem Heiligenschein, aber definitiv jemand, mit dem man gern einen amüsanten Abend verleben möchte.
Jürgen von der Lippe hat auf der Bühne einen Schreibtisch zu stehen. Darauf eine Tischglocke, ein paar Zettel. Eine Gitarre lehnt am Tisch. Der Entertainer betritt die Bühne gemächlich, in sich ruhend und entspannt. Er setzt sich, schaut ins Publikum und sagt, er würde gern einen Witz erzählen. Ob denn die Falkenseer auch so eine rivalisierende Stadt hätten wie die Kölner mit Dortmund. Wie aus einem Mund ruft es aus dem Publikum: „Nauen“. Ja, was haben denn die Falkenseer gegen die Nauener? Die Antwort: „Da stinkt es!“ Ein Gast klärt auf: „Da wurde früher Seife gemacht, da hat es immer gestunken.“
Damit ist schon einmal Stimmung in der Bude. Jürgen von der Lippe erzählt seinen Witz und nimmt die Nauener hopps. Danach arbeitet er sich durch seine Zettelwirtschaft. Zeitungsausschnitte sind seine Passion. Er stellt ein Artikelthema vor, kaut einen Moment darauf herum, schießt eine Pointe ab und wechselt zum nächsten Thema. So kommt er auch auf die Horoskope in der Zeitung. Er erfindet eine Frau, die aufgrund der Sternzeichen eine Partnerschaft mit einem Mann ausschließt: „Wir passen nicht zusammen. Ich bin ein Zwilling, du ein Arschloch.“
Der Bühnenprofi nimmt die rauchende und saufende Jugend ins Visier: „Rauchen verengt die Arterien. Aber wenn man genug säuft, erweitern sie sich wieder.“ Jürgen von der Lippe hat selbst mehrfach mit dem Rauchen aufgehört: „Da nimmt man sofort zehn Kilo zu. Jedes Mal.“
Und auf geht es in die Vergangenheit: „Ich war eine Zangengeburt. Da habe ich sicherlich zerebrale Schäden zurückbehalten. Das konnte man auf dem Zeugnis sehen. Das hat mir die kompletten Naturwissenschaften zerstört.“
Bei aller Zotigkeit zeigt Jürgen von der Lippe immer wieder ein extrem starkes Gefühl für die deutsche Sprache. Mit großer Freude streicht er ganze Sätze aus vorgelesenen Artikeln, weil sie komplett überflüssig sind. Und moniert, dass man seine Texte im Vorfeld überdenken sollte: „Meine Blähungen sind wie weg, heißt es in der Werbung. Das bedeutet aber übersetzt – sie sind noch da. Und wenn mir jemand sagt: Wollen Sie ein Foto von mir sehen, auf dem ich jünger bin? Dann sage ich: Auf jedem Foto, das Sie mir zeigen, sind Sie jünger. Zeigen Sie mir lieber ein Foto, auf dem Sie älter sind.“
Aber im vergnügten Monolog auf der Bühne geht es immer wieder zurück zu den geschlechtsspezifischen Zotigkeiten, die vor allem bei den Frauen im Publikum hervorragend ankommen und mit lauten Lachern belohnt werden: „Opa, wird der Penis im Alter kleiner oder länger? – Er bleibt länger kleiner.“
Jürgen von der Lippe stellt sich auch an die Seite von Micky Krause, der für sein Lied „Finger im Po, Mexiko“ von der mexikanischen Regierung angezählt wurde. Um keine fernen Länder mehr zu beleidigen, schlägt er eine lokale Alternative vor: „Finger im Po, Gütersloh.“
Zahllose kleine Scherze, Anekdoten, Erzählungen und Gedankenspiele reihen sich aneinander. Der Abend vergeht wie im Flug, Jürgen von der Lippe weiß, wie er die Pointen setzen muss. Erst zum Schluss greift er zur Gitarre und singt gereimte Launigkeiten in vier Zeilen, die er im Wechsel mit seiner Frau geschrieben hat.
Nach über zwei Stunden reiner Bühnenzeit ist das Programm zu Ende. Im Foyer signiert der Meister der gedrechselten Pointe seine Bücher. Es gibt eine lange Schlange, die Besucher wollen einen Nachschlag für zu Hause. (ϑ Text/Fotos: CS)
Dieser Artikel stammt aus „Unser Havelland“ Ausgabe 247 (10/2026).
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