Ich wohnte im Hexenhaus: Julia Menzel ist im Hexenhaus aufgewachsen!
Heute wird im Falkenseer Hexenhaus auf höchstem Niveau gekocht. Das war aber nicht immer so. Früher war das einzigartige Haus, das 1904 für den Berliner Geschäftsmann Alexander Steinmetz aus Eichenstämmen samt Rinde errichtet wurde, ein ganz normales Wohnhaus. Cornelia Kotzian hat hier als Kind von 1956 bis 1979 gewohnt. Wer hat wohl nach ihr im Hexenhaus gelebt? Julia Menzel, Ergotherapeutin in Falkensee, hat sich bei „Unser Havelland“ gemeldet: Ab 1980 war es ihre Familie, die das urige Haus bewohnt hat.
Julia Menzel, heute 48 Jahre alt und Inhaberin der Ergotherapiepraxis Menzel (www.ergotherapie-falkensee.de) in Falkensee, erinnert sich: „Meine Familie ist 1980 ins Hexenhaus gezogen, da war ich gerade einmal zwei Jahre alt. Mein Vater ist hier noch bis Ende der 90er Jahre wohnen geblieben. Nachdem er ausgezogen war, stand das Haus kurze Zeit leer und wurde dann an einen Herren aus Monaco verkauft.“
Dieser Herr, das war seinerzeit der Entrepreneur Lothar Hardt, der seinen Freund Edmund Becker dazu überredet hat, seine Reisen um die Welt zu beenden, um nach Falkensee zu ziehen. Ihm wurde die Chance gegeben, in dem architektonischen Unikat ein Restaurant mit einer französisch-deutschen Fusionsküche zu eröffnen.
Julia Menzel: „Damals, als wir noch im Hexenhaus gewohnt haben, war der Eingang vorne, zur Straße hin. Die berühmte Tür mit dem schwarzen Hirschkäfer und den beiden Eichhörnchen war damals noch weiß – die Eichhörnchen hatte meine Mama braun gemalt, so sahen sie natürlicher aus. Durch die Tür kam man in die Garderobe, dahinter lag das Musizierzimmer, dort stand das Klavier.“
Julias Mutter Marion Menzel unterrichtete Musik an der Schule im Poetenweg und gab zu Hause Gitarrenunterricht.
„Bei uns wurde viel musiziert“, sagt Julia Menzel. „Der große Raum war das Wohnzimmer, dahinter kam die Küche und ganz hinten in der Ecke war mein Kinderzimmer. Vor der Tür, die heute dort hinten über die Treppe nach draußen führt, war mein Spielzeugregal in die Nische gebaut. Oben im Dach lag das Schlafzimmer der Eltern. Die Dachterrasse gab es damals schon, sie hatte aber noch kein Geländer.“
Der Keller war noch nicht ausgebaut. „Da standen Kisten und Möbel, es gab einen Kohlekeller mit Kohle und Holz und einen Raum für die Heizung. Und dort, wo heute Edmund kocht, lagerte all das, was bei anderen Leuten auf dem Dachboden steht.“
Mit fünf Jahren bekam Julia Menzel ihre Schwester Anna dazu.
Wie war es wohl, im Hexenhaus aufzuwachsen? Julia Menzel: „Für mich war das ganz normal, ich kannte es ja nicht anders. Es war eben so. ‚Hexenhaus‘ – der Name hat mich schon gegruselt. Erst später war ich stolz darauf.“
Das Grundstück war weitläufig, mit einem kleinen Wäldchen, den vielen alten Eichen, die es schon damals gab, und einem Teich. „Bis ans Ende des Grundstücks habe ich mich erst getraut, als ich größer wurde.“
In den Teich ist Julia Menzel als Kind einmal hineingefallen: „Da war eine alte Eiche, die schon Jahre vorher umgestürzt war und nun halb im Wasser lag. Ihren Stamm konnte man wie einen Steg verwenden. Irgendwann bin ich darauf abgerutscht, da war ich fünf Jahre alt. Ich hatte ja öfter Dinge ausprobiert, aber dann wirklich hineinzufallen, war ein Schreck. Der Teich war nicht ausgebaggert, das Wasser war modrig. Da habe ich ganz schön geweint.“
Respekt hatte die junge Julia vor der schmalen, steilen Stiege in den Keller – dort, wo heute Edmund kocht: „Die Toilette war damals schon da unten, wo sie auch heute noch ist – man musste also durch den Keller. Fenster gab es dort höchs-tens ganz kleine, und die Lampe war öfter kaputt, weil die Leitungen noch die originalen waren. Besonders hell wurde es aber auch mit der Lampe nicht. Abends war das sehr gruselig. Ich habe mich nie getraut, alleine runterzugehen, ich wurde sogar manchmal hingetragen.“
Überhaupt war das Haus ein lautes Haus. Julia Menzel: „Es knackte ständig in den Balken, es hat immer irgendwo Geräusche gemacht. Und in einem Hexenhaus stellt man sich dazu natürlich die gruseligsten Sachen vor – besonders, wenn es still wird.“
Viel zu Hause war die Familie aber nicht: Julias Eltern hatten eine Band, es gab Proben und Auftritte, die Mutter leitete zudem einmal wöchentlich einen Chor in Nauen, und man war ständig bei der Familie zu Besuch. „Mir kam es gar nicht so vor, als wären wir viel zu Hause gewesen.“
Mitten im Wäldchen hinter dem Hexenhaus hatten Julias Eltern eine Lichtung: „Da stand eine große Feuerstelle – jedenfalls kam sie mir als Kind riesig vor. Und wir hatten sehr viele Klappstühle, wie sie damals viele hatten. Dreißig Stück bestimmt. Da wurden Feste gefeiert, ich erinnere mich bewusst an drei oder vier, und die fand ich als Kind immer toll. Als das Restaurant eröffnet wurde, bin ich noch einmal in den Wald gelaufen, um die Lichtung zu suchen. Sie war nicht mehr da. Dabei hatte ich sie so groß in Erinnerung.“
Dort, wo heute Edmunds Zelte stehen, gab es einen Hundezwinger, den Julias Vater Gerhard Bauer gebaut hatte. Julia Menzel: „Mein Vater hatte eine echte Hundeleidenschaft. In meiner Zeit war es der Riesenschnauzer Ali, mit ihm bin ich aufgewachsen.“
Das Haus und der Vorgarten waren übrigens auch Drehort: Im Kinofilm „Männerpension“ von Detlev Buck mit Til Schweiger in der Hauptrolle ist das Hexenhaus zu sehen – der Hundezwinger wurde für die Dreharbeiten versteckt.
Und dann stand irgendwann der Auszug an. Julia Menzel: „Meine Eltern haben sich scheiden lassen. Meine Mutter, meine Schwester und ich sind aus dem Hexenhaus ausgezogen. Ich war danach aber noch oft zu Besuch bei meinem Vater.“
Und dann wird aus dem alten Familienhaus plötzlich ein Restaurant. War das ein komisches Gefühl, dass das alte Zuhause plötzlich allen Menschen offensteht?
Julia Menzel: „Ja, das war total komisch. Es war aber auch meine Chance, das Haus wieder zu besuchen. So war das einfacher, als bei neuen Mietern zu klingeln und denen zu erklären, wer man ist. Hier bricht man ja nicht in die Privatsphäre fremder Menschen ein und kann einfach überall herumschauen.“
Als das Hexenhaus nach dem Auszug des Vaters leerstand, ist Julia Menzel als Jugendliche noch einmal mit Freunden eingestiegen: „Ich wusste, der Keller ist offen, da hatten sie inzwischen auch die Heizung geklaut. Ich habe meine Freunde durch das verlassene Haus geführt und noch eine Wandvertäfelung geöffnet und dahinter tatsächlich meine Wickelunterlage gefunden. Hinter der Vertäfelung gab es viele Fächer, lau-ter Nischen, in denen man Geheimnisse verstecken konnte.“
Vielleicht gibt es ja auch heute noch ein Geheimnis im Hexenhaus! Julia Menzel: „Mein Vater hat erzählt, dass es eine kleine Metalldose mit lauter kleinen Utensilien von allen Mitgliedern unserer kleinen Familie gibt. Und diese Dose hat er irgendwo ins Mauerwerk vom Hexenhaus eingebaut. Mit etwas Glück ist sie immer noch da – eine Zeitkapsel von damals.“ (ϑ Text/Porträts: CS / altes Foto: Familie Menzel)
Dieser Artikel stammt aus „Unser Havelland“ Ausgabe 246 (9/2026).
Vor Julia Menzel hat Cornelia Kotzian im Hexenhaus gewohnt. Hier ist ihr Bericht dazu.
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