Scheibes Glosse: E-Tanken mit Problemen
Ein E-Auto vor der eigenen Haustür ist schon eine echt tolle Sache. Es lässt sich jederzeit für kleines Geld an der hauseigenen Wallbox aufladen – und fährt einen dann elektrisch summend durch den ganzen Tag. Schweißperlen zeigen sich erst dann auf der Stirn des elektrischen Fahrers, wenn eine Reise ansteht.
Inzwischen ist es eine Tatsache. Wer mit dem E-Auto in Deutschland unterwegs ist, darf darauf vertrauen, dass sich rechts und links neben der Autobahn jede Menge Ladesäulen in ausreichender Anzahl finden lassen. Anhalten, Strom tanken, weiterfahren – mehr ist dabei gar nicht mehr zu beachten.
Theoretisch.
Uns hat es über Silvester nach Wangerooge in der Nordsee verschlagen. Das sind von Falkensee aus 376 Kilometer, das Navisystem gibt für die Strecke eine Fahrtzeit von vier Stunden und 31 Minuten aus. Die letzten paar hundert Meter saust dann der Inselflieger über das Meer zur Insel hinüber: Das Auto darf in der Zeit bis zur Wiederkehr an der Flugplatz-Ladesäule Strom naschen.
Wir haben für die Fahrt zwei Ladepausen eingeplant, immer so, dass wir während des Vorgangs irgendwo einkehren, einen Kaffee trinken und Karten spielen können.
Das kleine höllische Detail, das uns in die Katastrophe führen sollte: Meine Strom-Tankkarte, die ich seit Jahren benutze, hat eine neue Betreiberfirma bekommen – und lässt ein Laden ab sofort nur noch an den eigenen Säulen zu, nicht aber mehr an denen der Konkurrenz.
Auf dem Weg nach Wangerooge wurde der erste Tankstopp planmäßig nach etwa 150 Kilometern durchgeführt. Meine alte Ladekarte – funktionierte nicht mehr. Doch am Terminal gab es zum Glück eine aufgeflanschte Box für das Bezahlen per Kreditkarte. Kreditkarte vorgehalten – los ging es mit dem Laden.
Der Schock: Die Säule gab fröhlich bekannt, dass der Ladevorgang knapp zwei Stunden dauern sollte. Zwei Stunden? Das hätte unsere Reiseplanung komplett zerstört, mussten wir doch am frühen Nachmittag den allerletzten Inselflieger erwischen, um noch vom Festland auf die Insel zu gelangen.
Tatsache ist, dass unser Kona Electric auch bei modernen Schnellladestationen mit 200 bis 400 kW Ladeleistung maximal nur mit 100 kW tanken kann: Mehr schafft das Auto einfach nicht. An der ausgewählten Tanksäule zeigte das Display aber nur knappe zehn kW Leistung an. Viel zu wenig.
Völlig geknickt setzten wir uns in das Schnellrestaurant neben der Ladesäule – und bliesen Trübsal. Vielleicht sollten wir uns lieber doch noch im Handy einen Platz auf der Fähre buchen?
Doch die Erleichterung folgte auf dem Fuße: Die Ladeleistung schnellte plötzlich in die Höhe, wie wir in der Auto-App verfolgen konnten. Auch kam heraus, dass die Säule die Zeit bis zur vollständigen Aufladung der Autobatterie kalkuliert hatte – und nicht bis zur Standardgrenze von 80 Prozent. Denn bis zur 80-Prozent-Grenze wird die Batterie sehr schnell geladen, danach nur noch äußerst zögerlich. Ein Abbruch zur rechten Zeit – und wir konnten halbwegs pünktlich weiterfahren.
Doch bereits beim zweiten Stop eskalierte die Situation. Meine Ladekarte wurde wieder abgelehnt – und dieses Mal gab es keine Möglichkeit, mit der Kreditkarte zu bezahlen. Ich solle doch eine App herunterladen und mit der bezahlen, hieß es auf dem Display. Bei Minustemperaturen und klirrendem Eiswind versuchte ich im Smartphone eine neue App zu installieren, was bei nur einem Balken Mobilnetz ewig dauerte: Bitte vergeben Sie ein Passwort. Bitte registrieren Sie sich. Haben Sie eine Mail bekommen? Nach gefühlten 30 Minuten war ich fertig: „Danke. Sie können nun den neuen Vertrag für Ihren Hausstrom nutzen.“ Hausstrom? Wer will denn Hausstrom?
„Scannen Sie einfach den kleinen QR-Code direkt über dem Ausgang vom Schnellladekabel“ riet uns ein hilfreicher Autofahrer. Das funktionierte wunderbar. QR-Code scannen, PayPal aktivieren, Ka-klick, schon lud das Auto. Im Display des Handys zeigte sich ein dicker Button „Ladevorgang beenden“.
Nach einer dreiviertel Stunde war die Batterie wieder zu 80 Prozent voll. Wunderbar. Leider hatten wir aber beim Warten im Handy aus Versehen die Seite mit dem Button geschlossen. So konnten wir den Ladevorgang nicht mehr selbst beenden. Sobald wir aber den QR-Code an der Säule neu fotografierten, hieß es: „An dieser Säule wird bereits Strom geladen. Nutzen Sie bitte eine andere Säule.“
Um unser Auto abkoppeln zu können, mussten wir erst bei einer Hotline anrufen: „Wenn Sie im Eisregen stehen und ganz dolle frieren, drücken Sie bitte die Drei“. Nach endlosen Minuten erbarmte sich ein Hotline-Mitarbeiter im fernen Indien und beendete den Ladevorgang aus der Ferne, sodass sich der Tankstutzen abziehen ließ. Puhhh…
Wir hatten darüber aber ordentlich Zeit verloren. Das Navisystem gab bekannt, dass wir genau in der Minute am Flugplatz ankommen würden, in der der letzte Flieger des Tages abheben sollte. Ich rief vor Ort an, um um Gnade zu winseln. Die Inselflieger gaben sich völlig entspannt: „Wir warten. Nur eine kurze Frage: Sind Sie vielleicht mit dem E-Auto unterwegs? Diese Fahrer kommen gern einmal in letzter Sekunde bei uns an.“
Auf Wangerooge installierten wir vorsorglich eine universelle Lade-App mit Paypal-Verknüpfung. Mit ihr gestaltete sich die Heimfahrt völlig problemlos. Man muss eben nur gut vorbereitet sein. (Carsten Scheibe)
Dieser Artikel stammt aus „Unser Havelland“ Ausgabe 239 (2/2026).
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