Kristina Hölzel: Regionale Geschichte (12): Das Rätsel
28. Juni 1913 – Der Haus- und Grundbesitzerverein hatte beschlossen, am Sonntag, dem 13. Juli, ein Sommerfest in Gestalt einer Wagenpartie stattfinden zu lassen. Start und Ziel war der „Weiße Rabe“ in Neu-Seegefeld. Das oben abgebildete Foto aus dem Historischen Kalender 2021 von Foto-Kohn stellte viele Falkensee-Interessierte und auch mich vor ein Rätsel. Niemand der fleißig Rätselnden ahnte, dass man dieses inzwischen liebevoll restaurierte Gebäude in Falkensee, genauer gesagt in Neu-Seegefeld, noch immer bewundern kann.
Nun kam mir beim Recherchieren ein Zufall zu Hilfe. Ein Arbeitskollege ist tatsächlich ein Nachfahre der damaligen Besitzerin des kleinen Wirtshauses. Er legte mir sogar das Original-Foto vor und konnte so manche Geschichten erzählen. Mit seiner Erlaubnis erfahren Sie nun davon.
In Neu-Seegefeld, das bis 1927 noch zum Gutsbezirk Seegefeld gehörte und südlich der Bahnlinie Berlin-Hamburg liegt, siedelten sich ab 1901 vor allem Arbeiter und Angestellte an. Die kleinen Leute eben. Die Grundstücke waren durch die Deutsche Ansiedlungsbank nach dem Erwerb vom letzten Gutsherren Ehlers rasch parzelliert worden. Allerdings nicht so großzügig wie in der Kolonie Neu-Finkenkrug.
Die Straßen waren zwar angelegt, aber größtenteils nicht gepflastert. Die Kolonie Neu-Seegefeld war geboren. Wo zuvor jahrhundertelang weites, meist unbesiedeltes Land, durchzogen von Wegen, Gräben und angelegten Pfuhlen für die Weidetiere, lag, schlug nun der Mensch seine Pfähle in die Erde, um zu bleiben. Dieses Land sollte bewirtschaftet werden und nicht Spekulationszwecken dienen. In Berlin und den Vorstädten herrschte große Wohnungsnot. Wer es sich leisten konnte, wollte „int Jrüne“.
Ein kleiner Bauboom begann mit einigen größeren Mietshäusern und weiteren genossenschaftlichen Doppelhäusern im Bereich der damaligen Schillerstraße (ab 1928 Elsterstraße) und zwischen der Gartenstraße und der heutigen Döberitzer Straße.
Die Versorgung mit Brot und Lebensmitteln konnte durch einen bescheidenen Einzelhandel gesichert werden. Der Enge der Stadt entronnen, ließ es sich hier gut leben. Ob nun Bauherren, Mieter oder nur Kleingärtner, alle wollten nach getaner Arbeit den Feierabend genießen. Um auszuspannen, gab es zunächst die „Elsterklause“, heute in der Elsterstraße/Ecke Lerchenstraße, die „Sportlerklause“ in der Hertzstraße Ecke Straße der Einheit und eben auch den „Weißen Raben“ in der heutigen Nachtigallstraße.
Das Gebäude, wie es hier auf dem Foto zu sehen ist, wurde bereits im Jahr der Erstbesiedlung 1902 errichtet. Die damals frisch gesetzten Linden mussten inzwischen weichen. Die rührige Besitzerin versorgte in den 1920ern die Sportler des nahegelegenen Fichteheimes, das als Treff der Arbeiterbewegung und speziell der jungen Kommunisten galt, und das der Kommunist Oskar Sander aus Barackenteilen des damals in Abriss befindlichen Heerlagers Döberitz gemeinsam mit Freunden errichtet hatte. Ob nun diese kleine Restauration an den Spätfolgen der Hyperinflation gelitten hatte oder aus Altersgründen aufgegeben wurde, konnte mir der Nachfahre auch nicht sagen.
Während in der Elsterklause heute die Gäste mit italienischen Speisen bewirtet werden und in der Sportlerklause indische Mahlzeiten angeboten werden, dient das Haus vom „Zum weißen Raben“ nun schon lange ausschließlich Wohnzwecken. Kein Schild weist auf die ehemalige Nutzung hin. (Kristina Hölzel)
Dieser Artikel stammt aus „Unser Havelland“ Ausgabe 239 (2/2026).
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