Entdeckung in Falkensee: Der Waschbär im Kirschbaum
Ach, guck doch mal, wie niedlich: Da klettert ein Waschbär im Kirschbaum, um sich an den süßen Früchten sattzufressen. Der Waschbär lässt sich im urbanen Raum immer häufiger entdecken. Kein Wunder: Er passt sich mit Intelligenz und Einfallsreichtum an alle nur erdenklichen Problemlagen an. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass der Waschbär eine „gebietsfremde Tierart“ ist. Hierzulande kennt er keine natürlichen Feinde – und richtet großen Schaden im Ökosystem an.
Der Waschbär ist eigentlich in Nordamerika heimisch. 1934 wurden in Hessen zwei Waschbärenpaare in die Freiheit entlassen – für die Jagd. 1945 entkamen weitere Tiere aus einer Pelztierfarm in Brandenburg.
Das kleine putzige Tier erwies sich schnell als ebenso anpassungsfähig wie vermehrungsfreudig. Inzwischen gilt der Waschbär als „eingebürgert“. Erwünscht ist er damit aber noch lange nicht. Vor allem, weil er keine natürlichen Feinde kennt, sich ungehindert ausbreitet und dabei für zwei echte Probleme sorgt. In der Natur ernährt er sich etwa von vielen seltenen Tierarten – und schädigt somit das Ökosystem. Hinzu kommt, dass er sich gern in den Dächern der Wohnhäuser einrichtet und hier große Schäden verursachen kann.
Claus Zidek ist stellvertretender Vorsitzender des Jagdverbandes Nauen e.V. (www.jagdverband-nauen.de). Er erklärt: „Der Waschbär ist ein Neozoon. Er hat bei uns keine natürlichen Feinde. Bei der maximalen Populationsgröße spielt eine Revierverfügbarkeit keine Rolle, da sich Waschbären auch zu Trupps zusammenschließen können. Der Allesfresser ernährt sich von Amphibien, Reptilien, Vögeln und deren Eiern, aber auch von Insekten. In der Nähe der Menschen nascht er Obst und Gemüse in den Gärten und bedient sich auf dem Kompost, in den Abfalltonnen oder beim für die Freigänger auf der Terrasse aufgestellten Katzenfutter. Seine große Lernfähigkeit stellt Naturschützer vor Probleme. Bei der jährlichen Amphibienwanderung wandern die Waschbären inzwischen gezielt die Schutzzäune ab und holen sich die Frösche aus den Eimern. Im Norden Brandenburgs werden die wenigen noch verbliebenen Exemplare der Europäischen Sumpfschildkröte vom Waschbären bedroht. Der Einfluss des Waschbären als Prädator mit hoher Reproduktionsrate darf nicht unterschätzt werden. Aus meiner Sicht ist die Bejagung des Waschbären als Neozoon zwingend erforderlich.“
Wie geht eine Stadt wie Falkensee mit dieser Problematik um? Yvonne Zychla, Sprecherin der Stadt, gibt folgende Auskunft weiter: „Die Stadt Falkensee betreibt im innerstädtischen Bereich ein umfangreiches Wildtiermanagement. Es werden große Bemühungen unternommen, um u.a. den Bestand an Waschbären, und die Schäden, die durch die Tiere entstehen, zu minimieren. Die Stadt verfügt über einen Tierbeauftragten, der im Rahmen des Wildtiermanagements tätig ist und sich um entsprechende Anliegen kümmert.“
Sie stellt auch klare Verhaltensregeln vor: „Waschbären dürfen nicht auf eigene Faust gefangen werden. Auch das Füttern der Tiere ist nicht erlaubt. Der Waschbär stellt in Brandenburg eine zunehmende Herausforderung dar. Neben den kommunalen Maßnahmen sind nach Einschätzung der Stadt auch weitergehende Strategien auf Landesebene erforderlich.“
Claus Zidek erklärt, dass Waschbären sehr gern die Nähe des Menschen suchen, weil es hier für sie leichter ist, an Nahrung zu gelangen, und weil es ein besseres „Wohnraumangebot“ gibt: „Um auf das Dach und damit am Ende auch auf den Dachboden eines Hauses zu gelangen, benötigt der ausgezeichnete Kletterer keine besonderen Aufstiegshilfen, wie etwa einen über das Dach ragenden Ast. Ihm reichen die Fallrohre der Dachentwässerung aus. Den Zugang zum Dachboden verschafft sich der Waschbär nicht selten selbst, indem er geschickt einen Dachziegel aus dem Verbund löst. Hat es der Waschbär erst einmal auf das Dach geschafft, wird es schnell teuer. Oft zerstört er die Dämmung, um es sich mit dem Material gemütlich einzurichten. Seine Ausscheidungen sammeln sich oft an einer Stelle. Sie können die Substanz von Böden und Decken schädigen.“
Hausbesitzer sollten mitdenken und dem Waschbären erst gar keine Chance einräumen, es sich im eigenen Dach gemütlich zu machen.
Claus Zidek: „Man kann etwa einen Kletterschutz an den Fallrohren oder an den Hausecken anbringen, die auch gern zum Klettern verwendet werden. Bäume und Sträucher direkt am Haus, die als Kletterhilfe dienen können, sollten zurückgeschnitten werden. Außerdem sollte man die eigene Mülltonne sichern, keine Essensreste auf den Kompost werfen und die eigene Katze lieber im Haus füttern. Das alles macht das eigene Haus für die Kleinbären unattraktiver. Es wirkt dann nicht mehr wie eine All-inclusive-Hotelanlage.“
Es gibt viele Tierfreunde, die jedes verwaiste Kleintier mit großer Geduld aufziehen. In diesem Kontext kommt auch die Meinung auf, dass der Waschbär bereits so lange in Deutschland heimisch ist, dass man ihm doch bitte das ungeliebte Etikett des Neozoons abziehen sollte. Claus Zidek: „Für viele Menschen ist der Waschbär mit seiner Gesichtsmaske, dem Fell und seinem niedlichen Verhalten ein Tier, das einen ganz ungefährlichen Eindruck vermittelt.“
Je weiter man in den ländlichen Bereich vordringt, umso pragmatischer wird allerdings der Umgang mit dem amerikanischen Eindringling in den deutschen Lebensraum. Dann hängt auf einem Dorffest am Wurst- und Fleischstand auch schon einmal ein Ring mit hausgemachter Waschbärsalami.
Ist das vielleicht eine Lösung für das Problem – den Waschbären einfach aufessen? Claus Zidek: „Eine Verarbeitung des Fleisches von Waschbären ist aufgrund ihrer Lebensweise und ihrer Nahrung nicht ganz so einfach wie etwa beim Reh. Als Allesfresser ist das Fleisch des Waschbären, wie das auch beim Wildschwein der Fall ist, trichinenschaupflichtig. Man muss bedenken, dass die Untersuchung auf Trichinen durch das Veterinäramt zeitaufwendig ist und Geld kostet. Dann gibt es beim Waschbären auch immer nur eine geringe Fleischmenge pro Tier. Und beim Arbeiten am Tier muss man auch noch mögliche Krankheiten im Auge haben. Auch die Verwertung des Fells etwa für Mützen ist extrem aufwendig.“
Als Jäger und Naturschützer plädiert Claus Zidek dafür, den Waschbären aktiv zu bejagen: „Die Natur ist nie einfach, sondern immer komplex. Mal ist sie wunderschön und mal sehr hart. Wir Menschen müssen zusehen, dass wir es nicht noch schlimmer machen, sondern versuchen, Fehler aus der Vergangenheit zu beheben.“ (ϑ Text/Fotos: CS)
Dieser Artikel stammt aus „Unser Havelland“ Ausgabe 245 (8/2026).
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