Scheibes Glosse: Nix drin in der Paketbox
Wir bestellen viel zu oft im Internet. Damit wir nicht bei jedem Paketboten zur Tür rennen müssen, haben wir eine Paketbox in unseren Zaun integriert. Da lassen sich alle Pakete deponieren. Der Zulieferer muss nur einen Knopf einrasten lassen, damit niemand mehr ohne Schlüssel die Box öffnen kann. Das funktioniert normalerweise wunderbar. Doch eines Tages teilt uns ein Online-Dienst per Mail mit: Ihr Paket wurde zugestellt. Zu dumm: Die Paketbox ist leer.
Wir staunen. Online sieht man bei der Paketverfolgung ein Foto vom Zusteller, das klar belegt, wie unsere Bestellung in der Paketbox vor unserer Tür gelandet ist. Aber einmal mehr hat der Zusteller die Paketbox nur zugemacht, dabei aber nicht den Mechanismus ausgelöst, der die Box dauerhaft verschließt, bis wir mit dem Schlüssel kommen. Als wir später die Box öffnen, ist sie – leer.
Ja, kein Problem, denken wir. Der Zusteller ist als generös bekannt. Er wird uns bestimmt die Bestellung noch einmal zusenden. Allerdings – wir finden keinen Button, der uns dabei hilft, den Vorfall zu melden.
Stattdessen landen wir nach einigem Suchen bei einem KI-Chatbot, der uns einfach nicht verstehen möchte, uns dafür aber fast ein Jahresabo Waschpulver angedreht hätte – mit drei Prozent Ersparnis gegenüber dem Einzelkauf.
Der Chatbot zeigt sich sehr verwirrt und versteht einfach nicht, was eine Paketbox ist. Ob wir lieber mit einem menschlichen Kollegen sprechen möchten, der unsere Sprache spricht? Eine vortreffliche Idee.
Wir landen in einer Warteschleife, in der uns Fahrstuhlmusik aus der Hölle vorgespielt wird. Eine synthetische Stimme erzählt uns, dass wir gleich an der Reihe sind. Nur noch einen Moment. Im Hintergrund glaube ich, jede Menge Relais klackern zu hören, während unser Anruf einmal um die halbe Welt in ein Callcenter umgeleitet wird, das ebenfalls aus der Hölle zu kommen scheint.
„Hallo, hier spricht. Was kann ich für Sie?“ Den Dialekt kann ich keiner Nation direkt zuordnen. Es ist aber ganz bestimmt keine deutsche Mundart. Und es fehlen Wörter.
„Wir haben bei Ihnen etwas bestellt. Das wurde uns gestern in die Paketbox gelegt. Heute wollten wir es herausholen, es war aber nicht mehr da.“
„Alles klar. Vielen Dank. Bitte warten Sie einen.“
Wir warten. Und hören Fahrstuhlmusik aus der Hölle.
Dann ist er wieder da. Er fragt nach unserem Namen.
„Ah ja, ich sehe die Bestellung. Gefallen Ihnen die Sachen nicht?“
„Das wissen wir noch nicht“, antworten wir. „Sie sind ja nicht da.“
„Ja, wo sind sie denn?“
„Na, sie waren einmal in unserer Paketbox. Aber anscheinend hat der Paketzusteller die Box nicht richtig abgeschlossen und jemand hat das Paket gestohlen.“
„Alles klar. Vielen Dank. Bitte warten Sie.“
Wir warten. Und hören Fahrstuhlmusik aus der Hölle.
„Alles klar. Hat der Zusteller das Paket auf die Straße geworfen? Oder in den Garten?“
„Nein, nein. Wie wir bereits sagten, war das Paket, wie das Foto eindeutig zeigt, bereits in unserer Paketbox. Nun ist es aber weg.“
„Alles klar. Habe ich verstanden. Bitte warten Sie. Ich muss etwas.“
Wir warten. Bei Musik, die meine Gehörgänge wie mit Säure verätzt.
„Alles klar.“ Da ist er wieder. „Ich habe jetzt einen Vermerk im System hinterlegt, dass der Zusteller Pakete immer ausschließlich in die Paketbox legt und sie nicht auf Straße wirft. Sie sollen diese schlimme Erfahrung nie wieder.“
Wir merken an, dass der Zusteller das Paket ja sehr wohl in die Box gelegt, diese aber nicht verschlossen hat. Und dass wir eigentlich anrufen, um eine Erstattung oder eine erneute Zusendung zu erwirken.
„Alles klar. Das habe ich verstanden. Ich muss telefonieren. Moment.“
Die Musik wird nicht besser. Wir warten. Und hätten in der Zeit vielleicht lieber einen Spielfilm gesehen. In Überlänge.
„Da bin ich wieder. Sicherlich kommt das Paket morgen an. Es kann ja nicht weg sein.“
Wir sagen, dass dies wenig wahrscheinlich ist, denn wir sehen ja in der Paketverfolgung das Foto, wie das Paket bereits in unserer Paketbox lag. Der Zusteller wird es ja nicht aus der Box genommen haben, um es Tage später neu zuzustellen.
„Wissen Sie was“, sagt unser neuer Freund: „Wenn Sie wieder ein Problem haben, rufen Sie mich doch gerne an. Auf.“ (ϑ Carsten Scheibe)
Dieser Artikel stammt aus „Unser Havelland“ Ausgabe 245 (8/2026).
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