Fachgespräch mit Dr. Antonia Stahl aus Falkensee: Abnehmen mit der Spritze!
Ganz egal, ob Currywurst, Streuselschnecke oder Pasta mit Sahnesoße: Was wir uns täglich auf die Gabel packen, hat viel zu viele Kalorien. Die Folge: Das eigene Gewicht legt zu, die Waage ächzt. Viel zu viele Menschen in Deutschland sind bereits adipös, haben einen Body-Mass-Index (BMI) von über 30 und gelten damit ganz offiziell als fettleibig. Früher setzte man in dieser Situation auf Sport und Diäten, heute kommt stattdessen die Abnehmspritze zum Einsatz. Dr. Antonia Stahl, Hausärztin in Falkensee, kennt sich mit dem Thema bestens aus.
Die Idee klingt perfekt: Zeigt die Waage zu viele Kilos, setzt man sich eine Abnehmspritze – und das lästige Übergewicht schwindet sozusagen über Nacht.
Eine solche Idee hätte man noch vor einigen Jahren als extrem unrealistische Science-Fiction-Fantasie abgetan. Doch die Utopie ist längst zur Gegenwart geworden – und verschafft der Pharmaindustrie sprudelnde Milliardeneinnahmen. Die Spritze lässt Stars und Sternchen vor den Augen der Welt abmagern, und auch beim Nachbarn kommt die Spritze bereits hinter verschlossenen Türen heimlich zum Einsatz.
Dr. Antonia Stahl (39), Allgemeinmedizinerin mit Praxen in Falkensee und Brieselang (www.astado-gesundheit.de), hat tagtäglich mit der Abnehmspritze zu tun und kann Fragen zum Thema bestens beantworten.
Doch zunächst einmal die Fakten. Die beiden Abnehmspritzen Ozempic und Wegovy setzen beide auf den Wirkstoff Semaglutid. Er zählt zur Gruppe der Inkretin-Rezeptoragonisten und imitiert die Wirkung der körpereigenen Darmhormone. Diese werden normalerweise nach dem Essen ausgeschüttet. Sie regen die Insulinausschüttung an, verlangsamen die Magenentleerung und wirken im Gehirn appetithemmend.
Seit dem Jahr 2022 gibt es auch noch die Mounjaro-Spritze mit dem Kombiwirkstoff Tirzepatid. Dieses Mittel wirkt zweigleisig und beeinflusst zusätzlich auch noch den Fettstoffwechsel. Die beiden Wirkstoffe sind dazu in der Lage, adipösen Patienten dabei zu helfen, 15 bis 20 Prozent des eigenen Körpergewichts in kurzer Zeit zu verlieren.
Dr. Antonia Stahl: „Die Abnehmspritze gibt es bereits seit ein paar Jahren. Und es ist wirklich so: Die Anzahl der Menschen, die die Spritze benutzen, steigt stetig an. Es wird zunehmend normaler, zur Spritze zu greifen.“
Inzwischen gibt es sogar Online-Angebote, die es den Abnehmwilligen sehr einfach machen, die Abnehmspritze ganz simpel per Mausklick im Internet zu bestellen.
Antonia Stahl: „Da gibt es zwar formal auch einen kurzen Arztkontakt per Video, aber das reicht in meinen Augen einfach nicht aus. Es gibt Patienten, die dürfen die Abnehmspritze nämlich überhaupt nicht verwenden. Das sind vor allem Menschen, die bereits eine Erkrankung der Bauchspeicheldrüse oder der Leber haben. Auch bestimmte Autoimmunerkrankungen spielen eine Rolle. Und Patienten, die nicht ausreichend übergewichtig sind, sollten das Medikament auch nicht bekommen, weil die Abnehmspritze ein echtes Medikament ist und durchaus auch Gefahren birgt. Besser ist es so: Hat ein Patient von mir den Wunsch, die Abnehmspritze zu nehmen, dann führen wir ein Gespräch, ich schaue mir die aktuellen Blutwerte an, habe ein Auge auf den BMI – und entscheide dann. Patienten, die gesund sind und einen BMI über 30 haben, dürfen die Spritze bekommen. Bestimmte Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind übrigens ein Extragrund, die Abnehmspritze zu nehmen, da sich in Studien eine zusätzliche positive Wirkung gezeigt hat.“
Kann man sich „seine“ Spritze eigentlich aussuchen?
Antonia Stahl: „Ozempic ist nur für Diabetes-Patienten zugelassen – und nicht für Patienten, die Gewicht verlieren wollen. Der gleiche Wirkstoff ist aber in der Wegovy-Spritze enthalten – und diese ist für die Gewichtsabnahme zugelassen. Neu ist Mounjaro, das ist das wirksamste und teuerste Medikament zurzeit. Damit erzielen wir die besten Ergebnisse. Es sind auch neue Produkte in der Entwicklung, die laut Studienlage eine noch bessere Wirkung versprechen, aber sie sind noch nicht zugelassen. Es wird auch eine Abnehmpille kommen, die man nur noch schlucken muss wie eine Aspirin.“
Die Abnehmspritzen sind technische Wunderwerke. Man bekommt sie auf Rezept in der Apotheke. Die Spritzen werden vor der ersten Benutzung gekühlt, anschließend können sie optional auch bei Zimmertemperatur aufbewahrt werden. Jede Spritze hält einen Monat lang vor, sie enthält vier Wochendosen. Man schraubt vor jedem Einsatz eine neue, ganz dünne Kanüle auf die Spritze auf, stellt die gewünschte Menge mit einem Drehrädchen ein, drückt sich die Nadel in die Haut (Bauch oder Oberschenkel) und drückt auf einen Knopf. Das Mittel wird automatisch injiziert.
Antonia Stahl: „Die Spritzen sind selbsterklärend. Die Nadel ist so dünn, dass man sie gar nicht merkt. Und die Anleitung ist so formuliert, sodass man bei der Anwendung eigentlich keinen Fehler machen kann. Ich empfehle immer, sich die Spritze vor dem Wochenende zu setzen. Gibt es Nebenwirkungen, kann man diese am Wochenende auskurieren und muss das nicht auf der Arbeit erdulden.“
Nebenwirkungen? Was denn für Nebenwirkungen?
Antonia Stahl: „Nebenwirkungen haben fast alle, die die Spritze nehmen. Das muss man ganz deutlich und ehrlich sagen. Häufig sind Magen-Darm-Beschwerden wie Durchfall, Verstopfung, Völlegefühl, Aufstoßen, Bauchschmerzen und Sodbrennen. Hinzu kommen Symptome wie Übelkeit, Kopfschmerzen oder eine starke Müdigkeit. Oft ist das aber nur am Anfang so oder beim Erhöhen der Dosis. Bei manchen Patienten bleiben die Symptome leider bestehen. Das muss man dann erdulden. Oder man wechselt zu einer anderen Spritze. Gerade Symptome wie Kopfschmerzen oder Müdigkeit sind aber mitunter nur die Folge davon, dass man viel zu wenig trinkt oder isst.“
Patienten, die die Abnehmspritze nehmen, sind sehr schnell satt und haben auch keinen „food noise“ mehr im Kopf, denken also nicht mehr ständig ans Essen. Während die Pfunde purzeln, haben sie aber dennoch genug Energie. Bleibt das so?
Antonia Stahl: „Bei übergewichtigen Menschen hat der Körper ja sehr viele Reserven. Wenn man ausreichend trinkt und nebenbei die Mikronährstoffe abdeckt, kann man recht lange von diesen Reserven leben. Es kommt aber zwangsläufig der Moment, wo die Reserven nicht mehr ausreichen und man plötzlich deutlich weniger Energie hat, weil der Körper in eine Art Notprogramm umschaltet. Dann fährt der Stoffwechsel herunter. An diesem Punkt würde man die Kalorienzufuhr etwas erhöhen oder die Dosis der Spritze reduzieren. Meist reicht es in dieser Situation aus, die aktuelle Dosis etwas länger als geplant beizubehalten. Denn der Körper gewöhnt sich an die Spritze, sodass man die Dosis im Verlauf der Abnehmreise oft erhöhen muss.“
Wenn die Abnehmspritze so gut funktioniert, werden dann alle Fitnessstudios arbeitslos?
Antonia Stahl: „Nein, ganz bestimmt nicht. Ich sage meinen Patienten immer, dass sie gerade bei der Verwendung der Abnehmspritze ein echtes Krafttraining einplanen sollen, gern zwei bis dreimal in der Woche. Es geht hier darum, die eigene Muskulatur zu bewahren. Denn beim Abnehmen schmilzt nicht nur das Fett. Auch die Muskulatur schwindet, weil sie vom Körper als Brennstoff verwendet wird. Durch den Muskelreiz beim Sport wird dem Körper gesagt: Lass die Muskulatur in Ruhe, die brauche ich noch. Wichtig ist, dass man passend dazu auch genug Eiweiß zu sich nimmt, das ist ein essenzieller Baustoff für die Muskeln.“
In den Medien wird täglich etwas Neues über die Abnehmspritze berichtet. An dem einen Tag heißt es, dass sie mehrere Krebsarten verhindern soll, dann könnte sie aber vielleicht die Osteoporose begünstigen. Wo liegt denn da die Wahrheit?
Antonia Stahl: „Die Wahrheit ist: Wir haben Daten aus den letzten fünf oder zehn Jahren. Wir kennen die Abnehmleistung, die von der Spritze erzielt wird, und wir kennen die unmittelbaren Nebenwirkungen. Wir wissen schon so einiges. Aber wir wissen eben noch nicht, was mit einem Patienten in 30 Jahren passiert, wenn er einen signifikanten Teil seines Körpergewichts mit der Spritze reduziert hat und dann auch bei der Spritze geblieben ist. Natürlich hängen Spätnebenwirkungen auch davon ab, wie lange ich das Medikament nehme. Wer die Spritze nur sieben Monate verwendet, wird ein anderes Risiko für langfristige Nebenwirkungen haben als jemand, der die Spritze fünf Jahre nimmt.“
Was passiert eigentlich, wenn das persönliche Wunschgewicht erreicht ist, der BMI wieder im grünen Bereich ist und es gar nicht mehr notwendig ist, die Spritze zu nehmen?
Antonia Stahl: „Wie bei jeder anderen Abnehmmethode auch wartet am Ende der Spritzenbehandlung der sogenannte Jojo-Effekt. Die Spritze ändert ja nichts im Körper und sie wirkt nur so lange, wie man sie nimmt. Auch der Magen passt sich schnell an die neu aufgenommene Nahrungsmenge an, er dehnt sich einfach wieder etwas aus. Setzt man die Spritze ab, kehren Hunger und Appetit schnell wieder zurück. Wenn man also während der Behandlung seine Ernährung und seine Lebensgewohnheiten nicht verändert hat, wird man wieder zunehmen. Man muss die Zeit wirklich nutzen, um sich gesünder und kalorienärmer zu ernähren.“
Möchte ich die Spritze gezielt zum Abnehmen verwenden, muss ich sie privat bezahlen, oder? Die Krankenkassen übernehmen das nicht?
Antonia Stahl: „Das ist der Punkt. Die Krankenkassen sehen Adipositas noch immer als eine Lifestyle-Erkrankung an. Lifestyle-Medikamente werden nicht von der Krankenkasse übernommen. Bei Ozempic ist das anders, weil Ozempic ein Medikament ist, um bei Typ-2-Diabetes-Patienten den Blutzuckerspiegel zu verbessern. Das Abnehmen ist hier nur eine Nebenwirkung. Meine Einschätzung ist, dass sich an dieser Regelung auch in den nächsten Jahren nichts ändern wird. Jedenfalls nicht, solange die Medikamente noch so teuer sind.“
Bei Wegovy müssen die Patienten mit 170 Euro im Monat rechnen, bei Mounjaro sind es über 200 Euro – bei den Einstiegsdosen.
Antonia Stahl: „Auch die Abnehmpillen werden nicht deutlich günstiger werden. Hier liegen nämlich Patente auf den Wirkstoffen, die bezahlt werden müssen. Sie gelten meist für 20 Jahre. Erst wenn die Patente ablaufen, wird es günstigere Generika geben.“
Als Ärztin: Wie fällt denn die fachliche Einschätzung zur Abnehmspritze aus?
Antonia Stahl: „Ich persönlich bin der Meinung, dass die Abnehmspritze eine der besten medizinischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte ist. Sie revolutioniert unsere Therapie der Adipositas. Man muss aber auch sagen: Die Spritzen kann man nicht mit einer Handvoll Smarties vergleichen. Das sind echte Medikamente mit teils anhaltenden Nebenwirkungen. Man muss wirklich überlegen, für wen das geeignet ist und für wen nicht. Und es ist wichtig, das koordiniert mit dem Hausarzt zu tun, der immer wieder die Blutwerte überwachen kann. Wichtig ist noch, klar herauszustellen, dass Adipositas eine der wenigen Erkrankungen ist, die unglaublich viele Folgeerkrankungen auslöst. Mir fallen sofort mehr als zwanzig Erkrankungen ein, die mit Adipositas vergesellschaftet sind. Wir reden hier von Diabetes, Bluthochdruck, Herzerkrankungen, Depressionen, Schlafapnoe, einer Fettleber, Allergien und sogar Asthma.“
Was mache ich eigentlich mit der Spritze, wenn ich in den Urlaub fliege?
Antonia Stahl: „Man kann die Spritze während der Urlaubszeit auch zu Hause lassen und die Behandlung pausieren. Das sollte man aber immer mit seinem Arzt besprechen. Aber wie soll ich die Spritze in der Südsee kühlen? Und oft ist es so, dass man in fremden Ländern mitunter ein ärztliches Attest vorzeigen muss, das belegt, warum man das Medikament nimmt – wenn es bei einer Kontrolle gefunden wird und Fragen aufkommen. Tatsächlich habe ich Patienten, die sich von mir so ein Attest ausstellen lassen.“ (ϑ Text/Fotos: CS)
Dieser Artikel stammt aus „Unser Havelland“ Ausgabe 245 (8/2026).
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