Rund um den Nymphensee: Wanderung im Rahmen des Natura-2000-Tages!
Das Gebiet rund um den Brieselanger Nymphensee gehört zum Fauna-Flora-Habitat (FFH) Gebiet „Brieselang und Bredower Forst“. Hier gibt es eine artenreiche Pfeifengraswiese, ein letztes Rückzugsgebiet für den seltenen Kammmolch und zu bestimmten Jahreszeiten sogar die Möglichkeit, Urzeitkrebse zu finden. Am 31. Mai gab es passend zum Natura-2000-Tag eine geführte Wanderung durch das Gelände, organisiert und mit kleinen Fachvorträgen garniert vom Natura-2000-Team West und dem NABU Osthavelland.
Damit nicht aus der letzten artenreichen Wiese ein Parkplatz aus Beton gemacht wird, muss unsere Natur geschützt werden. Nur wenn die entsprechenden Lebensräume bewahrt werden, haben seltene Tier- und Pflanzenarten noch eine Zukunft.
In der Europäischen Union wurde für diesen Zweck das größte Schutzgebietnetz der Welt aufgespannt. Unter den Begriff „Natura 2000“ fallen schützenswerte Biotope, die in der Folge unter besonderer Aufsicht stehen. In der EU gibt es inzwischen 27.000 dieser Natura-2000-Schutzgebiete, in Deutschland sind es 5.000 und in Brandenburg etwa 600.
Eines dieser Fauna-Flora-Habitate (FFH) ist rund um den Nymphensee in Brieselang zu finden; es ist an die eintausend Hektar groß und umfasst Wiesen, Feuchtgebiete, Mischwälder und Laubwälder.
Obwohl der offizielle Natura-2000-Tag bereits am 21. Mai stattgefunden hat, luden das Natura-2000-Team „Brandenburg West“ (Christoph, Carlotta, Sven und Kim, www.natura2000-brandenburg.de) und der vor Ort mit Pflege und Hege aktive NABU Osthavelland (Fred, Heiko und Andreas – www.nabu-osthavelland.de) am 31. Mai zu einer geführten Wanderung durch das Gebiet am Nymphensee ein. Die Nachfrage nach der kostenlosen Führung war sehr groß: An die 50 Personen fanden sich am Sonntagmorgen um zehn Uhr ein, um gemeinsam durch Wiesen und Wälder zu streifen.
Nur ein paar Schritte vom Nymphensee entfernt läuft man an einer besonderen Wiese vorbei – einer Pfeifengraswiese, die oft im wechselfeuchten Gelände liegt. Dies ist ein besonders geschütztes Biotop, da sich auf dem nährstoffarmen Wiesenboden sehr viele seltene Pflanzen und auch Insekten finden lassen. Tatsächlich zählen Pfeifengraswiesen zu den artenreichsten Lebensräumen Mitteleuropas. Hier findet man das Schopfige Kreuzblümchen ebenso wie den Weidenblättrigen Alant, die Gewöhnliche Natternzunge oder die Prachtnelke, allesamt Pflanzen, die in Deutschland als gefährdet gelten.
Christoph Buhr vom Natura-2000-Team: „Das ist ein Hotspot der Artenvielfalt“.
Früher gab es gerade im feuchten Brandenburg sehr viele Pfeifengraswiesen. Christoph Buhr: „Wirtschaftlich sind die Pfeifengraswiesen leider nicht zu verwerten. Das getrocknete Heu dieser Wiesen ist als Futter etwa für Kühe minderwertig. Ein moderner Landwirt, der Tiere zu versorgen hat, kann mit dem Schnittgut nichts anfangen. Die Landwirte haben diese Wiesen also gedüngt, was die begehrten Süßgräser fördert, die sehr hoch wachsen können. In ihrem Schatten gedeiht aber nichts anderes mehr. Und viele bedrohte Pflanzenarten sind eben auch sehr klein.“
In der Folge kümmert sich das Team vom NABU Osthavelland zweimal im Jahr um eine besonders schonende Mahd – im Juni und Ende August. Dabei werden die Pfeifengraswiesen auf besondere Art „gemäht“, wobei Insekten und andere Tiere gezielt geschont werden.
Die Experten vom NABU passen dabei genau auf, dass bestimmte Pflanzen nicht gemäht werden – etwa die Futterpflanzen für Schmetterlingsarten wie den Kaisermantel, den Dukatenfalter oder den Großen Feuerfalter. Fred Meister: „Wir sehen zu, dass wir auch das Mädesüß stehenlassen. Der Mädesüß-Perlmuttfalter ist stark gefährdet in Brandenburg. Und der Falter legt seine Eier im Sommer am Mädesüß ab – und die Eier überwintern an der Pflanze. Würden wir die Wiese komplett mähen, würden wir auch die Eier zerstören. Der Kaisermantel liebt dafür den Wasserdost. Wir müssen also gut aufpassen, wann wir die Mahd durchführen und wo. Auf der Pfeifengraswiese haben wir zwanzig Rote-Liste-Arten an Schmetterlingen.“
Eine Kuriosität: Auf den Pfeifengraswiesen wächst die hoch aufschießende Wiesen-Schwertlilie, die sehr schön blau blüht. Christoph Buhr: „Diese Blume des Jahres 2010 war einmal weit verbreitet, früher hat man aus dem Zug geschaut und die Wiesen waren blau.“ In früher Vergangenheit sind aber gewiefte Leute mit Karren auf die Wiesen gegangen, haben die Wiesen-Schwertlilie in Massen abgeschnitten, um sie in der Stadt als Schnittblume zu verkaufen. Das hat dem Bestand nicht gut getan.
Sven Lintow ist der Vogelexperte des Teams. Während der Wanderung hielt er immer wieder inne und lauschte in den „Buschfunk“ der Natur. Unzählige Vogelstimmen waren zu hören, die er sofort der richtigen Art zuordnete: „Da ist der Pirol zu hören, ein wunderschöner gelber Vogel, der übrigens im Wappen von Vicco von Bülow alias Loriot auftaucht. Der Künstlername Loriot ist der französische Name für den Pirol. Der Zilpzalp singt seinen eigenen Namen. Und der Zaunkönig ist sicherlich der lauteste Vogel. Er kann so laut singen wie eine Kettensäge.“
Auf der Wanderung durch das Gelände konnte auch eine Waldeidechse beobachtet werden, die vor den herannahenden Menschen in ein Versteck huschte. Die etwas kleinere Schwester der bekannteren Zauneidechse ist braun gezeichnet, sehr scheu und als Besonderheit lebendgebärend – die Jungen schlüpfen sofort nach der Eiablage. Die Wandertruppe stieß auch auf zwei tote Waldeidechsen, deren Leichen aufgrund chemischer Prozesse eine intensiv blaue Färbung aufwiesen.
Kim Fromm: „Manche Reptilien, Eidechsen ebenso wie Frösche, nehmen nach dem Tod eine typische Blaufärbung an, die zu Lebzeiten nicht sichtbar war.“
Mitten im Bredower Forst und noch im FFH-Schutzgebiet gibt es mehrere Waldtümpel, die in der Vergangenheit ganzjährig Wasser geführt haben. Sie sind wichtig für viele seltene Amphibien, die zwar ihr Leben außerhalb des Wassers verbringen, zur Paarung und Eiablage aber stehende Gewässer aufsuchen.
Kim Fromm: „Wir haben hier die Erdkröte, den Grasfrosch, die Knoblauchkröte und den Teichmolch. Leider sind die meisten dieser kleinen Gewässer in diesem Jahr bereits trockengefallen. Ein kleines Gewässer gibt es aber noch, und das ist schon recht besonders, weil es hier den seltenen Kammmolch gibt. Er wird auch Wasserdrache genannt, weil er mit 18 Zentimetern Größe ziemlich imposant ist und die Männchen zur Paarungszeit mit ihrem großen Rückenkamm schon ziemlich wild aussehen. Leider wird auch dieses Gewässer immer flacher. Der Kammmolch hat aber eine Vorliebe für etwas tiefere Gewässer. Und er braucht eine gute Wasservegetation, um hier seine Eier abzulegen. Gemeinsam mit dem NABU möchten wir u.a. auch dieses Gewässer wieder frisch machen, indem wir mit Baggern anrücken und den Schlamm entfernen, der sich hier über die Jahrzehnte angesammelt hat. Auch wollen wir das Gewässer etwas von Gehölzen freistellen, damit wieder mehr Sonne aufs Wasser fällt und nicht so viel Laub hineinfällt. Auch der Flächeneigentümer, der Landesforst, befürwortet dieses Projekt, das wir noch in diesem Jahr, spätestens aber im nächsten angehen wollen.“
Auch eine weitere Besonderheit im Forst konnte angesprochen, nicht aber gezeigt werden. In mit Regenwasser gefüllten Fahrspuren kann man vor Ort noch immer Urzeitkrebse entdecken. Deren Dauerstadien schlummern im Erdreich und werden durch die Ausbildung von Pfützen im Frühjahr zum Schlüpfen gebracht. Binnen weniger Tage entwickelt sich eine Flut an Urzeitkrebsen. Im Forst kommen der Frühjahrs-Schildkrebs und der Frühjahrs-Feenkrebs vor. Diese Tierchen werden zu Recht als Urzeittiere bezeichnet: Es gibt sie seit 200 bis 300 Millionen Jahren. (ϑ Text/Fotos: CS)
Dieser Artikel stammt aus „Unser Havelland“ Ausgabe 244 (7/2026).
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