Scheibes Glosse: Wie alles einmal anfing
Wie kommt man eigentlich auf die Idee, einen Großteil des eigenen Lebens an der Schreibmaschine und später vor dem Bildschirm des Computers zu verbringen? Bei mir war es klar: Die Leidenschaft war von Anfang an da. Dass sich das Engagement mit dem Alphabet am Ende auch finanziell auszahlen würde, hat natürlich niemand ahnen können. Das ist dann einfach nur eine glückliche Fügung.
Das allererste Magazin, das ich als Chefredakteur betreut habe, hieß „Stöpsel„. Es hatte eine recht kleine Auflage; es gab immer nur ein Exemplar pro Ausgabe. Dafür erschienen manchmal gleich mehrere Ausgaben am Tag. Damals muss ich wohl noch in der Grundschule gewesen sein. Stöpsel bestand aus einer gefalteten A4-Seite, sodass ein echtes Magazin mit vier Seiten entstand. Hier klebte ich Witze aus den Illustrierten meiner Eltern hinein.
Im Juli 1985 entstand noch im Gymnasium das gelbe Magazin „Fandhome Rezessiv„, das ich zusammen mit einem Schulfreund herausgegeben habe. Es wurde im Copycenter vervielfältigt und hatte eine Auflage von knapp hundert Heften. Rotzfrech rezensierten wir damals Romane, Comics und Brettspiele, die wir allesamt als kostenlose Rezensionsexemplare von den Verlagen zugeschickt bekamen. Damals lasen wir bis zu drei Bücher in der Woche – und schrieben noch beim Lesen die euphorische oder vernichtende Kritik im Kopf. Krass: Damals sind die Magazine auf der Typenrad-Schreibmaschine entstanden. Man musste beim Tippen bereits die Buchstaben der nächsten Wörter zählen, um mit ein paar zusätzlichen Leertasten einen Blocksatz zu erzwingen.
In dieser Zeit ging es los mit dem Computer. Mein erster war ein klobiges Notebook mit 256 Graustufen im Display und einer 20-Megabyte-Festplatte. Damals gab es noch kein Internet. Beliebt waren Shareware-Disketten mit coolen Spielen wie „Duke Nukem“ oder „Commander Keen“, die man sich für kleines Geld bei einem Diskettenhändler per Postzusendung bestellen konnte. Das Shareware-Prinzip: Man durfte eine Software testen, musste sie aber im Nachgang bezahlen, um den vollen Funktionsumfang freizuschalten.
Auch diese Disketten wollte ich gern kostenfrei beziehen – und schlug einem Händler aus Karlsruhe vor, sie in meinem Magazin zu rezensieren. Das klappte auch.
Zu meiner „Betreuerin“ Anita hatte ich einen sehr guten Draht. Und irgendwann sprach sie die magischen Worte. Der Firma gefielen meine Rezensionen. Ob ich nicht Lust hätte, ihr Hausmagazin zu schreiben und zu gestalten, das sie regelmäßig allen Diskettenbestellungen beilegen wollten. So entstand im Januar 1991 der „CDV Express„, der monatlich mit einer Auflage von 5.000 Heften an den Start ging. Und nach einem Jahr schon aussah wie ein richtiges Magazin.
Immer weiter, immer mehr, immer größenwahnsinniger. Ich hatte am Erfolg geschnuppert und wollte mehr. Shareware war damals in der noch jungen Computerszene ein sehr heißes Thema – und es gab viel zu wenig Spezialisten dafür. Am Kiosk fanden sich zwei auflagenstarke Magazine, die sich mit dem Thema befassten: die „PC Praxis“ und die „DOS Shareware„. Ich rief bei beiden Redaktionen an, empfahl mich als Experte und gab jeweils die andere Zeitung als Referenz an. Beide wollten mich am Ende haben – so wurde mein dreistes Schwindeln zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung.
Einige Jahre später studierte ich bereits Biologie. In mein Labor an der FU Berlin hatte ich mir von der Uni ein eigenes Telefon legen lassen, um meine Schreibaufträge abzuwickeln. Irgendwann klingelte es, und ein Redakteur der „WIN“ war dran. Ein Mitarbeiter hatte hier einen vierseitigen, monatlichen Workshop zur „Shareware des Monats“ verantwortet, war aber wegen Unzuverlässigkeit gefeuert worden. Man bot mir den Auftrag an, falls es mir gelänge, binnen 24 Stunden zu liefern.
Das Schreiben war kein Problem, aber damals gab es noch kein Internet. Wie bekommt man nun aber Word-Datei und Screenshots ohne Schneckenpost von Berlin nach München? Ich nutzte ein zwitscherndes Uni-Modem, um die Dateien in eine sogenannte Mailbox zu übertragen, die in einem Rechner in der Redaktion eingerichtet wurde. Die Übertragung dauerte Stunden, aber den Job hatte ich danach für viele Jahre.
So fing alles an, und ich durfte in den kommenden Jahren auch für die „Berliner Morgenpost“, „STERN.de“ und „Spektrum der Wissenschaft“ schreiben. (ϑ Carsten Scheibe)
Dieser Artikel stammt aus „Unser Havelland“ Ausgabe 244 (7/2026).
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