Kino-Filmkritik: Normal
Bob Odenkirk ist wieder da. Nachdem sich der absolut durchschnittlich wirkende Normalo, der sich unter Extrembedingungen leicht in einen bedingungslos eskalierenden Wüterich verwandeln kann, bereits in den „Nobody“-Filmen zwei Mal durch die halbe Nation gemordet hat, folgt nun ein neuer Action-Film: „Normal“ geht im Kino an den Start. Regisseur Ben Wheatley verfilmt hier ein Drehbuch von Derek Kolstad (dem Kopf hinter „John Wick“) und Bob Odenkirk höchstpersönlich – und es entsteht eine sehr blutige und zum Teil äußerst schräge Action-Posse.
Ulysses (Bob Odenkirk) reist im neuen Film in die Kleinstadt Normal im US-Bundesstaat Minnesota. Sie ist absolut unscheinbar. Mit ihren knapp 2.000 Einwohnern ist Normal nur ein Fliegendreck auf der Landkarte, in wenigen Minuten ist man durch den Ort hindurchgefahren. Aber Sheriff Chief Gunderson ist unter äußerst merkwürdigen Bedingungen verstorben – und Ulysses soll als Stellvertreter seinen Posten übernehmen, bis in ein paar Wochen ein offizieller Nachfolger gewählt wird.
Ulysses flieht vor einer kaputten Beziehung und einem Trauma aus seiner eigenen Vergangenheit. Er möchte die Stadt Normal eigentlich am Ende nur so an seinen Nachfolger übergeben, wie er sie am Anfang vorgefunden hat.
Der Film „Normal“ beginnt wunderbar ruhig. Er lässt sich Zeit, um die sehr schrulligen Bewohner von Normal vorzustellen, darunter den jovialen Bürgermeister (ich liebe ihn: Henry Winkler) und die nette Barkeeperin (Lena Headey). Ulysses ist zunächst voll und ganz damit beschäftigt, Akten zu unterschreiben und kleine Probleme der Bürger zu lösen – etwa der Besitzerin vom Strickladen, die empörterweise Wolle in der falschen Farbe geliefert bekommen hat.
Die Dinge eskalieren aufs Heftigste, als das trottelige Pärchen Keith und Lori (Brendan Fletcher und Reena Jolly) beschließt, ausgerechnet die Bank in Normal zu überfallen. Denn die japanische Yakuza nutzt gezielt den Tresorraum in der unauffälligen Kleinstadt, um für sie wichtige Dinge einzulagern. Klar, dass ein Überfall auf die Bank nicht nur bei der Polizei den Alarm klingeln lässt.
An dieser Stelle wird der Rotanteil auf der Leinwand massiv nach oben geschraubt. Die Freigabe „ab 18 Jahren“ ist absolut gerechtfertigt, denn es wird nun aus allen Kalibern geballert, mit Messern gefuchtelt und mit zweckentfremdeten Alltagsgegenständen wie etwa einem Fleischklopfer um sich geschlagen. Hinzu kommen eine Menge skurriler Sekundärschäden in der Bevölkerung, die bei den Kämpfen auf der Leinwand den Bodykill immer wieder erhöhen – was aufgrund des schrägen Humors immer wieder für spontane Lacher im Publikum sorgt.
Bob Odenkirk gibt im Film wieder den normalsterblichen 08/15-Bürger, der in einer plötzlich eskalierenden Situation über sich hinauswächst und zum Actionhelden mutiert, der jeden Kampf überlebt – einfach, weil er sich weigert zu sterben. Der Film spielt hier immer wieder mit den Klischees des Genres und verdreht und überspitzt sie massiv.
Die Actionszenen haben es allesamt in sich. Hier merkt man die Handschrift von John-Wick-Spezi Derek Kolstad. Der Film scheitert allerdings an einigen Brüchen im Drehbuch, das wirkt, als sei es ein allererster Entwurf, den man etwas voreilig verfilmt hat. Manche Handlungsentwicklungen ergeben überhaupt gar keinen Sinn oder sind so an den Haaren herbeigezogen, dass man fast etwas die Lust am Film verliert.
Was auffällt, ist auch die schwache Charakterzeichnung. Was die Figuren bewegt und antreibt, wird nie aus der Handlung heraus deutlich, sondern einfach schnörkellos in einer Lebensbeichte auf der Leinwand erzählt: So macht man sich das Erzählen im Film etwas zu einfach und richtet sich gezielt an die TikTok-Generation, die eh beim Filmegucken aufs Handy schaut.
Trotz allem macht „Normal“ sehr viel Spaß. Man hätte den Film nur leicht noch viel besser machen können. (CS / Verleih: Leonine)
Wertung: ♠♠♠♠/♠ (4 von 5)
FSK: 18 – Dauer: 90 Minuten
Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=WoYd4C_jREI
Dieser Artikel stammt aus „Unser Havelland“ Ausgabe 242 (5/2026).
Kennen Sie schon unsere Gratis-App?
Apple – https://unserhavelland.de/appapple
Android – https://unserhavelland.de/appandroid
Anzeige
