Vorerntegespräch mit Landwirten in Lietzow: Bauern derzeit ohne Perspektive!
Beim Vorerntegespräch, zu dem der Kreisbauernverband Havelland e.V. alljährlich mitten aufs grüne Feld einlädt, wird normalerweise lautstark über das Wetter geschimpft, über die Bürokratie gemeckert und darüber lamentiert, dass neue Verordnungen und Bestimmungen den Landwirten das Leben schwer machen. In diesem Jahr ist aber kaum noch Energie für ein verbales Aufbegehren vorhanden. Trotz einer guten Ernte sehen die Bauern keine Perspektive mehr für sich. Preissteigerungen bei Diesel und Dünger sowie immer niedrigere Verkaufserlöse wegen steigender Importe aus dem Ausland sorgen für die Aussage: Im nächsten Jahr wird sich die Landwirtschaft im Havelland nicht mehr lohnen.
Der Raps und die Wintersaaten stehen aktuell sehr gut da. Dank der im Frühjahr reichlich gefallenen Niederschläge wird die Ernte im Havelland zufriedenstellend ausfallen.
Jannik Karle von der Agrargenossenschaft Friesack eG: „Auch beim Grünland war uns das Wetter gewogen. Wir bewirtschaften unser Grünland ausschließlich extensiv, also ohne Dünger und ohne Pflanzenschutz. Wir haben gutes Heu gemacht.“
Nur bei den Sommerkulturen, zu denen etwa das Sommergetreide und der Mais gehören, fehlt dringend Wasser. Im Juni seien in Nauen bis zum 22. Juni nur 11,7 Liter pro Quadratmeter gefallen, die vierfache Menge wäre aber vonnöten gewesen. Sagt Dirk Peters von der Agro-Farm Nauen und Vorsitzender des Kreisbauernverbands Havelland e.V.: „Bei der Trockenheit zeichnen die Kulturen bereits, so nennen wir das. Der Mais rollt sich ein, und der Hafer wird vor seiner Zeit gelb.“
Die erste Ernte war gut, und der Regen könnte ja noch kommen. Das hört sich doch zunächst alles ganz gut an. Es gab schon Jahre im Havelland, da gab es nach lange anhaltender Dürre deutlich mehr Grund zum Lamentieren. Doch beim diesjährigen Vorerntegespräch mit der Presse ist die Stimmung deutlich gedrückt. Die Landwirte tragen gelbe Protest-T-Shirts mit dem Aufdruck: „Danke. Jetzt reicht’s.“
Zunächst einmal: Das Vorerntegespräch hat Tradition, es findet jedes Jahr statt – immer auf einer anderen landwirtschaftlichen Fläche im Havelland. Dieses Mal traf man sich am 22. Juni auf einer Grünlandwiese mit Streuobstbäumen direkt vor dem Ortseingang von Lietzow. Neben Dirk Peters und Jannik Karle nahmen auch die Landwirte Stefan Wensche und Lars Schmidt – beide aus Lietzow – an der Gesprächsrunde teil. Für die Moderation sorgte Johannes Funke, Geschäftsführer des Kreisbauernverbands Havelland e.V. (www.kbv-havelland.de).
Das große Problem der Landwirte ist in diesem Jahr nicht die Ernte. Es geht auch nicht um die ewig überbordende Bürokratie. Auch wenn das natürlich weiter ein Thema ist. Es geht schlichtweg darum, dass es sich nicht mehr lohnt, im Havelland Landwirt zu sein. Das hat leider gleich mehrere Gründe.
Dirk Peters: „Unsere Kosten explodieren. Der Preis für Dünger hat sich in diesem Jahr um 60 Prozent erhöht. Viele Landwirte haben das in diesem Jahr noch abfedern können, weil sie Vorverträge (Kontrakte) zu den alten Preisen hatten. Die Teuerung wird aber im nächsten Jahr voll durchschlagen. Und wir Landwirte sind voll vom Diesel abhängig. Und da kommen ja die 17 Cent wieder drauf, die uns die Regierung gerade erlassen hat. Damit rechnen sich unsere Erzeugerpreise nicht mehr.“
Hinzu kommt, dass die Großhändler, die landesweit die deutschen Ernten einkaufen, so wenig Geld wie schon lange nicht mehr für Getreide bezahlen wollen. Die Händler können jederzeit auch billiges Getreide aus der Ukraine beziehen.
Jannik Karle: „Da jetzt dieser Hebel mit billigem Getreide aus der Ukraine besteht und dieses Getreide quasi in unbegrenzter Menge zur Verfügung steht, können die ortsansässigen Landwirte in Preise gedrängt werden, für die man eigentlich gar nicht produzieren kann. Wenn man sich die aktuellen inflationsbereinigten Getreidepreise ansieht, dann ist Getreide so billig wie nie zuvor.“
Dirk Peters: „Wir produzieren so teuer wie noch nie und verkaufen so billig wie noch nie.“
Jannik Karle: „Und trotzdem sind die Lebensmittelpreise im Supermarkt so hoch. Da kann man schlussfolgern, dass die Lebensmittelverbraucherpreise im Laden nichts mit den Einkaufspreisen beim Landwirt zu tun haben; sie sind längst entkoppelt. Das bedeutet auch: Von dem Geld kommt leider nichts beim Landwirt an.“
Ein echtes Problem ist, dass immer mehr landwirtschaftliche Erzeugnisse aus dem Ausland kommen. Raps kommt in großer Menge aus Australien, heißt es. Und nun wird auch noch der Zucker in großen Mengen importiert. Dirk Peters: „Die Verträge für die Abnahme von Zuckerrüben hat man uns gekündigt, im kommenden Jahr wird man im Havelland wohl keine Rüben mehr auf dem Feld sehen.“
Jannik Karle zeigt auf, was sich derzeit überhaupt noch im Anbau lohnt: „Selbst der Raps ist inzwischen nicht mehr wirtschaftlich. Wirtschaftlich gesehen rechnet sich nur noch der Anbau von Mais. Wir können und wollen aber nicht nur Mais anbauen, wir möchten ja gern eine vielfältige Fruchtfolge haben und alles anpflanzen, was wir brauchen. Aber es ist eben wirtschaftlich gesehen nicht mehr sinnvoll. Uns geht es nicht um Gewinnmaximierung, sondern darum, überhaupt noch Geld zu verdienen. Wir sind in einer Situation, in der es sich eher lohnt, zu Hause zu bleiben, als noch einmal etwas auszusäen.“
Dirk Peters macht klar, dass die Landwirte, mit denen er spricht, mit den Nerven am Ende sind: „Die Stimmung schwankt zwischen aggressiv und depressiv.“ Und auch Johannes Funke sagt: „Die psychischen Beschwerden bei den Landwirten nehmen deutlich zu.“
Ein Aufgeben kommt für die Landwirte aber trotz aller Widrigkeiten nicht infrage. Jannik Karle: „Ein Landwirtschaftsbetrieb ist fast immer ein über Generationen vererbter Betrieb, den kann man nicht einfach aufgeben. Ich denke, der Großteil der Landwirte würde lieber auf seinem Betrieb untergehen, als den jemals aufzugeben.“ Aber wie soll man weitermachen, wenn kein Geld mehr da ist?
Dirk Peters: „Von Körnern können wir Landwirte nicht mehr leben. Viele Menschen schimpfen mit uns, wenn wir unseren Acker für das Aufstellen von Solarpaneelen verpachten. Aber das ist für uns oft die einzige Chance. Da bekommen wir wenigstens zwanzig Jahre lang sicheres Geld bezahlt. Und irgendwo muss der Strom ja herkommen.“ (ϑ Text/Fotos: CS)
Dieser Artikel stammt aus „Unser Havelland“ Ausgabe 244 (7/2026).
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