Gifthaare in unseren Eichen: Der Eichenprozessionsspinner ist unterwegs!
Man sagt, eine Eiche bietet Lebensraum für über eintausend Tierarten, die auf diesem einen Baum leben. Eine davon macht den Menschen zurzeit ganz große Sorgen. Die Raupen des Eichenprozessionsspinners sind gefühlt an fast jedem Baum zu finden. Ihre Brennhaare sind gefürchtet und können schwere Hautirritationen hervorrufen. Hier sind die Profis gefragt, die die Raupennester mit dem passenden Equipment absaugen und vernichten.
Der Falter Eichenprozessionsspinner (Thaumetopoea processionea) erlebt immer wieder einmal ein Jahr, in dem er sich publikumswirksam in Massen vermehrt. Dann finden sich die gut vier Zentimeter langen, haarigen Raupen in sehr großer Anzahl an den Stämmen der Eichen.
Die Natur regelt das in der Regel auf ihre Art, sodass die Intensität des Raupenbefalls in den Folgejahren wieder spürbar sinkt. Der Klimawandel steht aber ganz auf der Seite des Nachtfalters: Seine Raupen lieben es warm und trocken.
Der Nachtfalter legt seine Eier bereits im Herbst. Die Eier überwintern und schlüpfen im Frühjahr. Erst ab dem dritten Larvenstadium zeigen sich die feinen Brennhärchen auf den Raupen. Diese Härchen brechen leicht ab und werden vom Wind meterweit getragen. So muss man die Raupen nicht einmal selbst berühren, um mit den Brennhaaren in Kontakt zu kommen.
Die Brennhaare sind innen hohl und enthalten ein Eiweiß namens Thaumetopoein. Dieses Gift sorgt für schmerzhafte und lang anhaltende Hautirritationen, es kann auch zu heftigen allergischen Reaktionen kommen. Das sorgt dafür, dass der Eichenprozessionsspinner nicht eben gern gesehen wird.
Die Raupen des Eichenprozessionsspinners legen ein einzigartiges Verhalten an den Tag. Tagsüber kommen sie alle in einem gesponnenen Ruhenest am Baumstamm zusammen, in dem sie sich auch häuten und verpuppen. Nachts verlassen die Raupen in einer geordneten Prozession das Nest und fallen gemeinsam über einen Ast mit Eichenblättern her, um nach dem Fressgelage wieder den Rückweg ins Nest anzutreten. Ende Juni verpuppen sich die Raupen im Nest, nach drei bis sechs Wochen schlüpft der Falter – das ist im August. Er lebt nur wenige Tage.
Im großen Stil bekämpfen kann man die Raupen, wenn sie noch ganz klein sind und keine Brennhaare ausgebildet haben. Dann sprüht man etwa von Hubschraubern aus biologische Präparate und Biozide, um die Raupen zu töten. Dabei wird oft das Bodenbakterium Bacillus thuringiensis verwendet, dessen Toxin die Raupen sterben lässt. Das flächendeckende Sprühen hat aber zuletzt nur noch vereinzelt stattgefunden.
Der Eichenprozessionsspinner hat durchaus auch natürliche Feinde, darunter Vögel, Fledermäuse, Schlupfwespen, Raupenfliegen, Laufkäfer und Raubwanzen. Bei starkem Befall können diese Gegenspieler die Ausbreitung jedoch meist nur noch begrenzt eindämmen.
Thomas Zylla von der Stadt Falkensee: „In diesem Jahr ist wieder eine erhöhte Zahl an Nestern des Eichenprozessionsspinners zu beobachten. Im Durchschnitt kommt es bei uns täglich zu fünf bis zehn Meldungen bzw. Sichtungen durch Stadtmitarbeitende im öffentlichen Raum. In den vergangenen Jahren war der Befall nach der Teilnahme an der chemischen Bekämpfung durch den Landkreis Havelland deutlich geringer, sodass nur vereinzelte Nester registriert wurden.“
Während die Raupen des Eichenprozessionsspinners im Havelland bereits in sehr großer Zahl gemeldet werden, eskaliert die Lage im nahen Berlin vollständig. So schlimm war es laut Aussage von Experten noch nie.
Dominik Richter ist der „Baumrichter“ (www.baumrichter.de). Zurzeit ist ein Team seiner Dallgower Firma nur damit beschäftigt, im Auftrag von Privatleuten, von Firmen oder von der öffentlichen Hand die entdeckten Nester zu entfernen: „In Berlin sehen wir zurzeit Nester, die so groß wie ein Fußball sind, da sind Hunderte Raupen enthalten. Wir haben auch schon Bäume gesehen, die hatten über hundert Nester auf einmal. Und es gibt Quartiere in Berlin, wo wirklich jede einzelne Eiche befallen ist.“
Auch der „Baumkletterer“ Konstantin Wilde aus Falkensee (www.baumpflege-havelland.de) ist zu dieser Jahreszeit ganz auf den Eichenprozessionsspinner fokussiert: „Aktuell ist auf jeden Fall die absolute Hochzeit, die ersten Trauben gab es bereits Mitte Mai – und jetzt sind so ziemlich alle Raupen geschlüpft. Insbesondere bei den Objekten, in denen ich schon sehr früh im Mai war, musste ich teilweise noch einmal erneut anreisen, um neue Nester zu entfernen, da im Juni noch einmal Raupen nachgeschlüpft sind. Ich würde sagen, dieses Jahr ist es noch einmal deutlich schlimmer als im letzten Jahr. Ich behandele deutlich mehr Bäume, die befallen sind, manche auch zum allerersten Mal. In Falkensee stelle ich dieses Jahr einen vermehrten Befall fest, allerdings noch nicht ganz so stark wie in Potsdam oder West-Berlin.“
Thomas Zylla sagt für die Stadt Falkensee: „Auf den städtischen Liegenschaften sowie auf Flächen, die in den Zuständigkeitsbereich der Stadtverwaltung fallen, werden regelmäßige und sorgfältige Kontrollen durchgeführt. Meldungen über Nester prüfen unsere Baumkartierer umgehend direkt vor Ort. Werden entsprechende Vorkommen oder Gefahrenstellen festgestellt, sichern wir die betroffenen Bereiche umgehend. Gleichzeitig veranlassen wir die erforderlichen Maßnahmen zur Beseitigung der Nester. Derzeit erfolgt die Bekämpfung ausschließlich mechanisch.“
Und: „Sichtungen von Nestern an Bäumen auf öffentlichen Flächen können dem Fachbereich Grünflächen jederzeit per E-Mail an gruenflaechen@falkensee.de gemeldet werden. Die Stadtverwaltung kümmert sich umgehend um die Entfernung und reagiert direkt auf bekannte Befälle.“
Private Hausbesitzer, die auf ihrem Grundstück ein Nest an einer Eiche entdecken, überlegen schon einmal, das Gespinst mit den Raupen einfach in Eigenregie abzufackeln.
Bloß nicht, sagt der Baumrichter: „Durch die Hitzeentwicklung werden die Härchen nur noch mehr aufgewirbelt. Durch die warme Luft verteilt sich das sogar noch besser.“
Konstantin Wilde: „Wir übernehmen die Entfernung mit der Hebebühne und saugen die Nester ab. Ist keine Zufahrt mit der Hebebühne möglich, entfernen wir die Nester auch manuell mit Kletter-Technik. Da ich auch Kindergärten, Schulen und Wohnanlagen betreue, werden diese bei den Einsätzen natürlich bevorzugt behandelt.“
Dominik Richter geht bei der Entfernung der Raupennester sehr umsichtig vor, da man die Brennhaare in der Luft nicht sieht. Deswegen schlüpft er vorher in einen Ganzkörperschutzanzug, nutzt Einmalhandschuhe und setzt eine Schutzmaske auf: „Wir nutzen einen speziellen Sauger, der mit sehr starken Filtern arbeitet, sodass die Brennhaare nicht in die Luft gelangen können. Ein Hautkontakt ist schon schlimm. Aber noch fataler ist es, wenn man die Brennhaare einatmet. Die Nester landen bei uns am Ende in einem Beutel, den wir später in die Sonderentsorgung geben. Er landet später in der Müllverbrennung. Bei sehr großen Nestern arbeiten wir auch mit Feuer, weil das Nest dann nicht mehr in den Sauger passt, aber dabei sind wir eben auch besonders geschützt.“
Aus dem Arbeiten kommen die Raupensammler gar nicht mehr heraus.
Dominik Richter: „Oft ist es so: Wenn wir an einem Baum in der Straße arbeiten, tauchen meist gleich noch ein paar Nachbarn bei uns auf und melden weitere betroffene Bäume. Dann kommen wir aus der Straße für den Tag gar nicht mehr heraus. In der Regel haben wir zurzeit eine Wartefrist von einer Woche. Wir machen wirklich von morgens bis abends nichts anderes.“
Oft ist es so, dass man vielleicht nur ein Nest sieht, im gleichen Baum an anderer Stelle aber noch weitere Nester vorhanden sein können.
Dominik Richter: „Man muss wirklich mit der Hebebühne jeden Ast abfahren und sich den Baum aus jedem Winkel anschauen, um alle Nester zu finden. Wir haben einen Standardpreis pro Baum inklusive drei Nester, die wir entfernen. Beseitigen wir mehr Nester, wird es teurer.“
Auf jeden Fall ist es so, dass es für den Eichenprozessionsspinner keine Meldepflicht gibt. Wer ein Nest auf einem privaten Baum entdeckt, muss es nicht zwingend beseitigen. Es liegt im eigenen Interesse, es doch zu tun, damit die Familie nicht aus Versehen mit den lästigen Brennhaaren in Berührung kommt.
Im Juli dürfte der Raupenspuk für dieses Jahr wieder vorbei sein.
Aber – Vorsicht ist weiterhin geboten, da in den leeren Nestern weiterhin die Häute der Raupen mit den spitzen Brennhaaren vorhanden sind. Sie können bei einem Kontakt auch Monate später noch die gleichen Hautirritationen hervorrufen wie bei einer lebendigen Raupe. (ϑ Text/Fotos: CS)
Dieser Artikel stammt aus „Unser Havelland“ Ausgabe 244 (7/2026).
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