Das Hexenhaus in Falkensee war einmal ein Wohnhaus – und wir haben darin gewohnt!
Im Hexenhaus wird heute gekocht, Edmund Becker hat dem urigen Haus in Falkensee in vielen Jahren seinen Stempel aufgedrückt. Da kann man es sich gar nicht mehr vorstellen, dass das Hexenhaus früher einmal ein reines Wohnhaus war. Eine Zeitzeugin ist Cornelia Kotzian, die als Kind im Hexenhaus aufgewachsen ist. „Es war im Winter immer bitterkalt“, erzählt sie – und zeigt Fotos von früher aus dem Familienalbum.
Die Klammer umfasst 125 Jahre. 1901 kaufte der Berliner Handelsvertreter Alexander Steinmetz das Grundstück „Am Rosengarten“ im neuen Villenvorort Neu-Finkenkrug mitten im Seegefelder Forst. Hier baute er das „Landhaus Waldtraut“ aus wuchtigen Eichenstämmen mit Rinde in einer in Deutschland einzigartigen Architektur. Die märchenhafte Struktur der Fassade sorgte dafür, dass das „Landhaus Waldtraut“ in der Nachbarschaft schnell zum „Hexenhaus“ wurde.
2009 eröffnete Edmund Becker in dem Gebäude die Gastronomie „Edmonds Literaturcafé Hexenhaus“. Seitdem kommt vor Ort eine deutsch-französische Fusionsküche zur Entfaltung: Gekochte Liebe, die durch den Magen geht.
Aber was war vorher?
Cornelia Kotzian (70) ist eine echte Zeitzeugin – sie ist zu DDR-Zeiten im Hexenhaus aufgewachsen. Sie erzählt: „Ich wurde im März 1956 geboren. In der Mitte des gleichen Jahres ist meine Mutti mit mir als Säugling ins Hexenhaus eingezogen. Meine Mutter war Charlotte Peters, sie hat damals im Deutschen Haus in Dallgow-Döberitz gearbeitet. Das war auch ihr Elternhaus. Ihre Eltern Marie und Max Ludewig hatten das Deutsche Haus gebaut, meine Tante Margarete Pfeifer hat es später fortgeführt. Meine Mutti war verheiratet, ihr Mann war Soldat und ist im Krieg geblieben. Mit dem richtigen Papa hatte sie fünf Kinder. Sie hatte aber noch eine späte Liebesbeziehung und so bin ich entstanden.“
Als die Mutter Charlotte Peters mit ihrer noch ganz jungen Tochter ins Hexenhaus zieht, ist es unbewohnt – und verwahrlost. Cornelia Kotzian: „Ich war zu klein, ich kann mich nicht erinnern. Aber mir wurde immer erzählt, dass damals noch die Ziegen im Wohnzimmer standen.“
Charlotte Peters war alleinerziehend, aber Cornelias Papa war in ihrem Leben trotzdem immer präsent. Er war eine bekannte Persönlichkeit aus der Region: „Er hat sich auch dafür eingesetzt, dass wir im Hexenhaus wohnen durften. Meine Mutti musste sich aber verpflichten, auf lange Zeit hier wohnen zu bleiben. Später wurde das Hexenhaus der KWV übergeben, der kommunalen Wohnungsverwaltung in Falkensee. Und die hat auch dafür gesorgt, dass das Hexenhaus so aufgewertet wurde, dass man darin wohnen kann. Vor allem im Winter. Denn im Hexenhaus war es immer bitterkalt, zugig und windig. Mutti hat das Haus nie richtig beheizt bekommen. Es gab einen Gasofen und später einen Kachelofen, aber das war immer eine feuchte Wärme, das war nicht schön. Die KWV hat irgendwann das hintere Zimmer gedämmt und Doppelglasfenster eingesetzt. Vorher hatten wir im Winter immer nur zwei Räume zum Wohnen, der Rest wurde zugesperrt.“
Im Hexenhaus hat die Familie zu dritt gelebt, die deutlich ältere Tochter Ursula Beyer war mit eingezogen. Das war doch bestimmt kein Problem, denn Platz gab es im Hexenhaus ja bestimmt zur Genüge?
Cornelia Kotzian: „Nein, wir hatten nicht Platz ohne Ende. Unten, wo heute gekocht wird, da gab es nur einen Keller und eine Waschküche. Oben gab es nur die Küche, das Wohnzimmer und das Schlafzimmer. Eine Veranda konnte man im Sommer mit benutzen. Das Dach war nicht bewohnbar. Und meine Schwester Ursula hat ja auch gleich nach dem Einzug ihr Kind bekommen, den Frank. Wir lebten also zu viert im Hexenhaus. Die Ursula hat später aber eine Lehre als Friseurin angefangen und ist in ein Haus in der Holbeinstraße gezogen. Da waren wir zu zweit alleine im Hexenhaus. Das war so 1965.“
Die Mutter von Cornelia stellte immer sicher, dass im Sommer ganz viele Blumenkästen mit bunten Blumen im Vorgarten für Atmosphäre sorgten. Cornelia Kotzian: „Das war wirklich sehr schön. Viele dachten damals aber schon, das Hexenhaus sei ein Ausflugslokal. Und die Kindergärten sind neugierig vorbeigelaufen, einen Zaun gab es nicht. Die haben immer gesungen: ‚Hexe, Hexe, komm heraus, aus dem schönen Hexenhaus‘. Und meine Mutti hat immer gesagt: ‚Nun hab dich nicht so, zieh dich doch mal als Hexe an‘. Aber das wollte ich nicht, ich wollte eine Prinzessin sein. Das Haus war auch nicht mein Hexenhaus, sondern mein Märchenschloss.“
Als Kind hat Cornelia allerdings viel Angst im Hexenhaus: „Mutti musste arbeiten, da bin ich abends viel allein gewesen. Gegenüber wohnte eine Familie Günther. Da hat die Frau ein bisschen auf mich aufgepasst. Aber in der Gegend lebten vier Katzen. Und die kletterten gern nachts die Baumstämme hoch und maunzten auf dem Dach. Da hatte ich immer Angst, das war furchtbar.“
1978/79 lernt Cornelia ihren zukünftigen Mann Konrad kennen. Er zieht zu ihr und erinnert sich: „Im ersten Winter war es so kalt, dass die Getränkeflaschen im kleinen Eckschrank gefroren sind – und wir mussten zu meinen Eltern ziehen, bis es wieder wärmer wurde.“
Und natürlich gab es im Hexenhaus immer viele Tiere. Konrad Kotzian: „Einmal hat ein Marder ein Huhn ins Dach gezogen. Das fing an zu stinken – und eines Tages fielen die Maden von der Decke herunter. Und es gab Spinnen, Mäuse und ganz viel Ameisen. Einmal sind wir in die Küche gekommen und alles war schwarz. Schwarz vor lauter Ameisen.“ Cornelia Kotzian: „Ich habe morgens im Keller immer meine Schuhe angetippt, bevor ich mit den Füßen hineingeschlüpft bin. Es hätte ja eine Maus drin sein können.“
Viele Geschichten gibt es zu erzählen, so Konrad Kotzian, der mit seiner Frau seit 1979 in Nauen wohnt: „Einmal wurde die Mutter meiner Frau wach und ein Russe stand neben ihr. Er dachte wohl, das sei eine Gaststätte.“ (ϑ Text/Fotos: CS)
Dieser Artikel stammt aus „Unser Havelland“ Ausgabe 242 (5/2026).
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