Schwert- & Brückenkampf: Alls Wari Dags 2026 im Historischen Dorf Gannahall!
In Nauen entsteht das Historische Dorf Gannahall. Ziel ist es, vor Ort die germanische Geschichte wieder aufleben zu lassen. Dafür wird eine alte Siedlung der Semnonen im Rahmen experimenteller Archäologie neu aufgebaut. Hinter dem Museumsdorf steht der Semnonenbund. Der Verein erweckt auch die Sitten, Gebräuche, Feste und Wettkämpfe von damals zu neuem Leben. Beim „Alls Wari Dags“ wird etwa einmal im Jahr ein historischer Wettkampf als schwerterklirrendes Spektakel inszeniert. Am Samstag, dem 2. Mai, gab es ein Turnier im Schwertkampf Mann gegen Mann, am Sonntag stand der doch recht brachiale Brückenkampf an.
Mitten auf der grünen Wiese zwischen den bereits aufgebauten germanischen Langhäusern im Museumsdorf Gannahall war am ersten Maiwochenende ein runder Platz abgekordelt. Im Zentrum standen zwei Männer in Rüstung über wattierten Jacken, mit einem metallenen Helm auf dem Schädel sowie einem hölzernen Schild und einem kurzen Schwert in der Hand.
Die Kämpfer umarmten sich und gingen danach sofort auf Distanz und in Kampfposition. Ein Trommelwirbel setzte ein – und der Kampf begann. Schwerter klirrten und die Schilde knallten hölzern aufeinander. Kaum waren zwei, drei Sekunden vergangen, hatte ein Kämpfer bereits den ersten Treffer gelandet.
Vier Kampfrichter umringten die beiden Kämpfer und achteten auf jede Bewegung. Sie reckten ständig eine Hand in den Himmel, um die Anzahl der Treffer mit den Fingern anzuzeigen. Drei Treffer waren nötig, um den Kampf zu gewinnen.
Kam es zu einem verbotenen Hieb gegen den Hals, den Kopf oder die Beine unterhalb des Knies, so nutzten die Kampfrichter sofort lange Stäbe, um die Schwertkämpfer voneinander zu trennen. Umgehend wurde eine Verwarnung ausgesprochen – bei der zweiten war der Kämpfer für das Turnier disqualifiziert. Diesen Kampfstil nennt man den „Havelstil“, er wurde vor Ort in Gannahall geboren. Und er hat seit vielen Jahren Bestand, einfach, weil er so gut funktioniert und Verletzungen vermeidet.
Axel Reineke war aus Schwedt an der Oder angereist, um beim Einzelkampf Mann gegen Mann anzutreten. Er erklärte: „Allein für den Schwertkampf am Samstag sind etwa 30 Kämpfer aus ganz Deutschland in Nauen zusammengekommen. Die meisten Gäste schlafen auf dem Gelände, um am Sonntag auch noch beim Brückenkampf mitzumachen.“
Der Schwertkampf sieht für Außenstehende recht martialisch aus. Axel Reineke sieht das Kämpfen mit echten Schwertern durchaus entspannter: „Der Havelstil sorgt für Sicherheit, weil er bestimmte Trefferzonen wie das Gesicht ausspart. Wir haben bei uns eine deutlich niedrigere Verletzungsquote als bei einem Kreisliga-Fußballspiel. Wir haben eben ein weit gefasstes Regelwerk, an das sich eigentlich alle halten. Das macht den Schwertkampf zu einer übersichtlich gefährlichen Sportart.“
In welcher Rüstung die Kämpfer in das Rondell treten, bleibt ihnen selbst überlassen. Axel Reineke: „Die Darstellung muss passen. Wir sind einer frühmittelalterlichen Darstellung verpflichtet. Bis zum elften Jahrhundert ist da alles erlaubt. Wir hatten sogar schon römische Darsteller dabei, aber das sind Exoten. Wir bewegen uns eher im germanischen Kontext oder in dem der Wikinger, da geht es vom ersten bis ins elfte Jahrhundert. Jeder tritt in der Schutzkleidung an, von der er denkt, dass sie ihn am besten vor Schlägen schützt. Alte Säcke wie ich kämpfen lieber mit wenig Rüstung, weil wir dann beweglicher sind. Dafür tut aber natürlich ein Treffer deutlich mehr weh. Ich trage eine Tunika. Ein junger Hüpfer, der ausreichend Kraft und Schnelligkeit mitbringt, nutzt vielleicht eher eine schwere Lamellenrüstung. Der merkt dann bei einem Treffer auch nichts.“
Gekämpft wurde zunächst in der Gruppenphase im Modus „Jeder gehen jeden“, danach ging es im K.O-System weiter. Axel Reineke: „Der Sieger bekam ein Schwert als Trophäe überreicht, das ist so Tradition beim Alls Wari Dags. Dieses Jahr war es ein langes Reiterschwert. Für mich ist der historische Schwertkampf die schönste Sportart, die man sich nur vorstellen kann. Du kannst den anderen Jungs volle Kanne auf die Fresse hauen und die bedanken sich nachher auch noch, wie toll das war.“
Als eine von drei Frauen beim „Alls Wari Dags“ schwang Lena-Sophie Lohse das Schwert. Sie kommt aus Uelzen bei Lüneburg: „Ich bin mit meinem Clan, den Iron Raiders, aus Lüneburg angereist. Seit September 2025 bin ich mit dabei. Wir trainieren einmal in der Woche. Das Kämpfen fasziniert mich, es weckt die Urinstinkte, das Adrenalin sprudelt. Mir liegt das Verteidigen mehr als das Angreifen. Wenn ich so etwas wie eine ganz persönliche Schlagkombination habe, dann ist das der High-Low – an den Kopf antäuschen und dann runter auf die Beine. Weh tut es nach einem Kampf immer da, wo man nicht geschützt war und einen Treffer abbekommen hat.“
Am Sonntag ging der historische Wettstreit weiter – mit dem Bückenkampf. Hier liegt eine hölzerne Brücke mit mehreren Metern Länge fast flach auf dem Boden auf. Bei diesem Wettkampf treten keine Einzelkämpfer gegeneinander an, sondern Gruppen. Jede Gruppe kann aus bis zu sieben Kämpfern bestehen, von denen aber jeweils nur fünf bei einem Brückenkampf mitmischen dürfen.
Zu Beginn einer neuen Runde schauen sich beide Teams jeweils am gegenüberliegenden Rand der Brücke grimmig ins Gesicht. Nach einem Kommando preschen beide Gruppen vor und versuchen, die Kontrahenten mit dem Schwert, mit der Axt oder mit der Pike zu treffen. Schiedsrichter auf beiden Seiten stupsen die Getroffenen mit langen Stangen an, sie scheiden sofort aus und müssen die Brücke verlassen. Ziel ist es, durch die Phalanx der Gegner zu brechen und mit der Waffe einen Schild zu berühren, der flach im Gras vor der Brücke liegt. Erst dann gilt der Brückenkampf als gewonnen.
In diesem Jahr traten fünf Teams an, um sich jede Menge blaue Flecken zu holen. Die Teams trugen Namen wie „Freystatt“, „Havelsippe“, „Lüneburg Raiders“ oder „Gannahall“. Die Kämpfe Jeder gegen jeden waren schnell entschieden, nach nicht einmal einer Stunde stand „Freystatt“ als Sieger fest.
Rico Krüger, erster Vorsitzender im Verein Semnonenbund, trat für die Gruppe „Gannahall“ an: „Unsere Gruppe hatte sich ganz spontan am Sonntagmorgen zusammengefunden, wir haben vorher noch nie zusammen gekämpft oder trainiert. Ich habe auch früh einen Treffer gegen das Knie kassiert und jetzt eine ordentliche Beule.“ Auch das gehört beim Brückenkampf mit dazu.
Das zweitägige Event war wie immer für alle Zuschauer kostenfrei, für Essen und Getränke war gesorgt. Die Besucher konnten sich auch im Germanendorf Gannahall umsehen, das Stück vor Stück in Nauen entsteht. Rico Krüger: „Das Wohnhaus ist neu, da müssen nur noch ein paar Wände verputzt werden. In der Ferienbetreuung habe ich mit den Kindern angefangen, ein Grubenhaus zu bauen, das ist eine Art germanisches Werkstatthaus. Da decke ich gerade das Reetdach ein, das Haus wird wohl im Sommer fertig werden.“
Weitere Veranstaltungen (www.gannahall.de) werden folgen. (ϑ Text/Fotos: CS)
Dieser Artikel stammt aus „Unser Havelland“ Ausgabe 243 (6/2026).
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