Elstal: Unterwegs mit dem Verein Historia Elstal e.V. in der Eisenbahnersiedlung!
1909 wurde in Wustermark ein großer Rangierbahnhof vollendet. Für die Eisenbahner wurde damals Wohnraum in der Nähe gebraucht. So entstand von 1919 bis 1938 die heute noch bewohnte Eisenbahnersiedlung in Elstal – geplant und gebaut im Stil der Gartenstadtbewegung. Der Verein Historia Elstal e.V. lud am 18. April zu einer informativen Führung ein, die immer nur einmal im Jahr stattfindet. Gisela Wegener und Eckard Bärensprung hatten unterwegs viel zu erzählen.
Elstal ist heute ein Ortsteil von Wustermark. Er besteht aus 14 verschiedenen Siedlungen, die größtenteils militärisch geprägt waren, darunter der Heroldplatz, die Kiefernsiedlung oder der Radelandberg. Die älteste Siedlung vor Ort ist und bleibt aber die Eisenbahnersiedlung, die zwischen 1919 und 1938 entstanden ist. Die allerersten Häuser wurden im Auftrag der „Gemeinnützigen Reichsbahn-Siedlungsgesellschaft“ nach dem städtebaulichen Vorbild der Gartenstadtbewegung sowie den Entwürfen des Architekten Richard Brademann in der Breiten Straße gebaut. Ziel war es, nach und nach eine in sich geschlossene „Stadt“ mit dem heutigen Karl-Liebknecht-Platz als Zentrum zu entwickeln – samt Läden, Lokalen und einer Kirche.
Zur Eisenbahnersiedlung gehören etwa 400 Wohnungen, die in Baublöcken mit vier bis sechs Reihenhäusern untergebracht sind.
Die Siedlung wurde 1993 unter Denkmalschutz gestellt. Sie verfiel aber leider über viele Jahre hinweg durch Abwanderung, Leerstand und einen steigenden Sanierungsbedarf. In den letzten Jahren wurde diese Sanierung nachgeholt – durch Privateigentümer, aber auch durch große Wohnungsbaukonzerne, die sich vor Ort engagiert haben. Das hat das äußere Erscheinungsbild der Siedlung mit ihren wirklich hübschen Reihenhäusern und den großen Gärten im Hinterhof wieder deutlich verbessert.
Aber wie war das damals eigentlich? Wie fing alles an? Wie gestaltete sich das Wohnen vor über hundert Jahren? Gisela Wegener (75) und Eckhard Bärensprung (73) vom Verein Historia Elstal e.V. (www.historia-elstal.de) haben am 18. April zu einer kostenlosen und zwei Stunden langen Führung durch die alte Eisenbahnersiedlung eingeladen. Etwa ein Dutzend Gäste waren ab 10 Uhr mit dabei und ließen sich auf die lebendige Geschichtserzählung ein.
Der Spaziergang mit vielen spannend vorgetragenen Fakten begann am Karl-Liebknecht-Platz mit seinen typischen Eisenbahnerbeamtenwohnungen und führte vorbei an der Schule und dem ehemaligen Haus der Eisenbahnerwitwen in der Schulstraße. Es ging weiter über die Puschkinstraße und durch die Gartenstraße mit den für eine Gartenstadt typischen Häusern.
Zurück am Karl-Liebknecht-Platz konnte man in der Bürgerbegegnungsstätte noch eine kleine Ausstellung mit einer Gegenüberstellung von historischen und aktuellen Fotos besuchen und sich einen Eindruck von der Entwicklung von ganz Elstal verschaffen.
Einige spannende Informationen aus der Führung:
„Damals hatte Berlin in Spandau einen eigenen Verschiebebahnhof. Der wurde aber langsam für die Stadt viel zu klein. Er reichte nicht mehr aus, um alle Menschen zu versorgen. Deswegen hat man überlegt, den Bahnhof nach außerhalb zu verlegen. Die Falkenseer haben das mitbekommen und die Grundstückspreise schnell erhöht. Das wollte die Reichsbahn aber nicht bezahlen. So hat man stattdessen das preiswerte Luch in Wustermark-Dyrotz ins Auge gefasst. Zugleich war klar: Wenn der Verschiebebahnhof ins Luch kommt, dann müssen vor Ort auch Wohnungen für die Eisenbahner gebaut werden. Noch 1990 wurden auf dem Verschiebebahnhof bis zu 2.000 Arbeitskräfte beschäftigt. Im Luch wuchsen damals viele Erlen. So sollte der neue Ort zunächst Erlstal heißen. Daraus wurde dann Elstal. Dass die Eisenbahnersiedlung erst zehn Jahre nach dem Bahnhof gebaut wurde, lag am Ersten Weltkrieg.“
„Der heutige Karl-Liebknecht-Platz war umgangssprachlich schon immer der Marktplatz. Hier gab es früher ganz viele Geschäfte. Eine Konditorei und ein Café. Einen Lebensmittelladen. Und eine Gaststätte „Zur Klause“, die im Volksmund ‚Kotzecke‘ genannt wurde. Es gab auch einen Fleischer und um die Ecke einen Gemüse- und einen Blumenladen. Wir hatten eine Drogerie und einen Herren- und einen Damenfriseur. Und heute? Da haben wir leider nichts mehr.“
„Direkt am Marktplatz sind die Wohnungen für die höhergestellten Bahnbeamten entstanden – mit Zentralheizung und einem schönen Garten. Typisch für die Häuser sind die Mansarden im Dach. Bei der Reichsbahn gab es einen Schichtdienst – auch für die höheren Beamten. Da oben unter dem Dach konnte man in Ruhe schlafen, ohne dass man dabei gestört wurde.“
„Bei der Reichsbahn und auch hier in Elstal war der Dienstgrad immer eine sehr, sehr wichtige Sache. Als Amtsmann konnte man so etwa immer Erste Klasse bei der Bahn fahren. Und wenn die Frau Amtsmann in Elstal in einen Laden kam, dann ist die Frau Heizer sofort beiseite getreten und hat sie vorgelassen, sodass sie nicht warten musste. Wenn von außerhalb Besuch kam, etwa um das Standesamt aufzusuchen, dann hat man sich immer die Sonntagskleidung angezogen, weil in Elstal war man eben immer ein bisschen ordentlicher angezogen als anderswo.“
„In den Zwanziger Jahren war es so, dass der Mann gearbeitet hat und die Frau blieb zu Hause. Verstarb der Mann, musste die Frau aus der Eisenbahnerwohnung ausziehen. Damit die Frauen aber in ihrer gewohnten Umgebung verbleiben konnten, hat man in der Eisenbahnersiedlung zwei Witwenhäuser gebaut. Hier konnten die Witwen einziehen und somit in der Eisenbahnersiedlung bleiben. Im Witwenhaus gab es für jede Frau eine Wohnung mit anderthalb Zimmern inklusive Küche und Bad.“
„Damals gab es auch noch jemanden, der am Sonnabend durch die Eisenbahnersiedlung gelaufen ist und geschaut hat, wo nicht saubergemacht wurde. Der hat dann bei den Leuten geklingelt und gesagt: ‚Ihr habt eure Straße noch nicht gefegt, los, macht das jetzt‘.“
„Bei den Wohnungen für die einfachen Bahnarbeiter gibt es zwischen den Häusern immer einen Flachbau. Hier waren die Schuppen zu finden. Jeder Bewohner hatte zwei Schuppen. Einer war so gehalten, dass man in ihm Hühner halten konnte. In diesem Schuppen war ein Loch, durch das die Hühner ins Freie treten konnten – in einen kleinen Zwinger hinein.“
„Die Häuser hatten links unten gleich die Toilette. Die war winzig und lag direkt an der Außenwand. Da konnte es früher, weil die Toilette auch nicht geheizt wurde, sehr, sehr kalt werden. Deswegen hing damals auf jeder Toilette immer eine Rotlichtlampe an der Wand. Die reichte im Winter aus, um das kleine Örtchen kurz aufzuwärmen. Von außen sah das aber abends so aus, als wäre die halbe Siedlung ein Rotlichtbezirk.“
„Die Häuser hatten unten eine große Wohnküche mit einer gemauerten Kochecke. Unten gab es auch eine Waschküche mit einem kleinen Fenster, genau darunter stand eine gemauerte Badewanne – und es war noch Platz für einen Waschkessel. In der ersten Etage gab es ein kleines und ein größeres Zimmer. Das hat man in der Regel als Schlaf- und als Kinderzimmer genutzt. Ganz oben gab es dann die Mansarde und einen Boden. Den Boden haben sich viele Familien ausgebaut, um etwas mehr Wohnraum zu haben. Zu jeder Wohnung gehörte auch ein Garten, so um die 500 Quadratmeter groß. Der lag meist etwas versetzt zum Haus, sodass die Menschen auf dem Hof miteinander in Kontakt kamen. Viele Bewohner haben im Garten Apfel-, Birnen-, Pflaumen- und Kirschbäume gepflanzt – und konnten sich so selbst versorgen.“
„Beim Bau der Wohnungen hatte man damals schon sehr weit gedacht. Nur einen Nachteil gab es: Jede Wohnung hatte ihre eigene Jauchegrube. Das war eine sehr kleine Zweikammergrube. Damals hat man nicht so oft geduscht und gebadet wie heute. Als der Wasserverbrauch irgendwann gestiegen ist, haben viele Bewohner in einer Nacht- und Nebelaktion die Jauchegrube um eine Sickergrube erweitert, damit das Wasser in den Boden ablaufen konnte und man nicht ständig jemanden holen musste, der die Gruben auspumpt. Es gab in den Höfen damals auch keine beweglichen Mülltonnen, sondern gemauerte Müllbehälter. Zum Entleeren kam aus Priort ein Bauer mit einem Pferdchen gefahren, der machte die Müllbehälter mit der Schippe leer. In der Zeit gab es hier natürlich viel Ungeziefer.“
„1919 begann man mit dem Bau der Eisenbahnersiedlung. Damals hat man hier eine Schmalspurbahn gebaut, um die Baumaterialien zu den Baustellen befördern zu können.“
„Bis 1993 war die Gartenstraße die einzige Straße, über die man von außerhalb nach Elstal kommen konnte. Das sorgte dafür, dass Elstal von Einbrüchen und Gaunereien verschont blieb, denn es gab ja nur einen einzigen Weg, um schnell wieder verschwinden zu können. Ein Gewerbetreibender, der ein Fuhrgeschäft hatte, hat später Stück für Stück dafür gesorgt, dass die lehmigen Straßen nach und nach asphaltiert wurden. Noch in den DDR-Zeiten hat dieser Belag völlig ausgereicht, da es ja nicht so viele Autos gab. Erst seit Juli 2017 gibt es einen neuen Ortseingang.“ (ϑ Text/Fotos: CS)
Dieser Artikel stammt aus „Unser Havelland“ Ausgabe 242 (5/2026).
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