Ich bring dich um! Große Gesprächsrunde in Falkensee zum Thema Hasskriminalität!
Die „falsche“ Kleidung, die „falsche“ politische Gesinnung oder die „falsche“ Art zu lieben – das reicht heutzutage bereits aus, um starke Gegenreaktionen in der Bevölkerung hervorzurufen. Drohbriefe im Internet, Fassadenschmierereien, Gewaltfantasien im Internet und konkrete Übergriffe lassen sich in diesem Kontext zu „Hasskriminalität“ zusammenfassen. Wie geht man damit um? Das wollte am 12. März ein erster Bühnentalk von der Falkenseer Queerberatung LAUNE in Erfahrung bringen.
Die Gesellschaft verroht mit einem erschreckenden Tempo. Das klassische Streitgespräch, wenn zwei verschiedene Meinungen aufeinandertreffen, eskaliert inzwischen sehr schnell. Wer nicht der gleichen Ansicht ist, wird schnell zum Feind, mit dem man nicht mehr im gleichen Raum sitzen möchte. Die nächste Stufe ist dann nicht mehr nur ein Ausgrenzen, sondern verbale und anschließend auch körperliche Gewalt.
Die Falkenseer Queerberatung LAUNE (queerberatung@agenda21-falkensee.de), von Bjarne Herke, Timon Stolp und Bianka Abel ins Leben gerufen, unterhält immer am 2. Montag im Monat eine Anlaufstelle von 18:30 bis 20 Uhr in den Räumen der Willkommensinitiative (Bahnhofstraße 89). Sie richtet sich an Menschen aus queeren Kontexten, die in einer geschützten Gesprächsumgebung über ihre Probleme, Erfahrungen und Sorgen reden möchten. Gerade in diesem Umfeld kommt es häufig zu Hasskriminalität.
Um das Thema Hasskriminalität zu thematisieren, hat die Queerberatung zu einem ersten Bühnen-Gespräch mit dem Titel „LAUNE – Der Talk“ eingeladen, der am 12. März ab 19 Uhr im Musiksaalgebäude am Campusplatz stattfand. In der Einladung hieß es: „Todesdrohungen im Internet, Austausch von Gewaltfantasien in Chatgruppen – teilweise auch mit konkreten Aufrufen zu Gewalt – und ein signifikanter Anstieg von Gewaltdelikten im öffentlichen Raum betreffen längst nicht mehr nur Minderheiten. Polizeipräsenz bei Stadtverordnetenversammlungen und politisch motivierter Vandalismus sind keine Seltenheit mehr in Falkensee. Wie können wir mit dieser Herausforderung umgehen und welche Möglichkeiten gibt es, dem wirksam entgegenzutreten? Darüber wollen wir informieren und gemeinsam diskutieren.“
Leider folgten der Einladung nur etwa zwanzig Bürger. Dabei war das Podium durchaus hochkarätig besetzt. Mit dabei waren etwa die Oberstaatsanwältin Sarah Gugel der Generalstaatsanwaltschaft Brandenburg und zuständige Fachaufsicht für Hasskriminalität, Polizeihauptkommissar Marco Klingberg als Ansprechpartner für Gleichgeschlechtliche Lebensweisen der Polizei in Brandenburg, der Polizeihauptkommissar Philip van Delen als Leiter der Polizeiwache in Falkensee und Julia Concu von den Grünen als Beispiel für eine ehrenamtlich tätige Politikerin, die sich in der Stadtverordnetenversammlung engagiert.
Ganz egal, ob es nun um schwule und lesbische Lebensentwürfe oder aber um bestimmte politische Überzeugungen geht: Die Hasskriminalität blüht in Deutschland, wie die Veranstalter im Rahmen einer Präsentation mit konkreten Zahlen an der Leinwand belegen konnten. Von Jahr zu Jahr nehmen die dokumentierten Fälle deutlich zu. Erschreckend ist, dass die Dunkelziffer noch viel größer ausfallen wird, weil viele Betroffene es sich gar nicht trauen, einen Fall zu melden.
Sarah Gugel arbeitet bei der Zentralstelle für Hasskriminalität bei der Generalstaatsanwaltschaft Brandenburg. Sie fasste zusammen: „Das Besondere an der Hasskriminalität ist, dass es bei der Motivation des Täters ein Vorurteilsmotiv gibt. Etwa in Bezug auf Nationalität, Hautfarbe, sexuelle Orientierung, sexuelle Identität, Geschlecht und Religion. Verschiedenste Gruppen können also Opfer von Hasskriminalität sein. Einen Schwerpunkt gibt es sicherlich im Queer-Bereich, aber wir sehen auch sehr viel Antisemitismus. Und auch die Amts- und Mandatsträger stehen oft im Mittelpunkt von Hasskriminalität. In letzter Zeit häuften sich queerfeindliche Straftaten, bei denen schwule Männer in Fallen gelockt und ausgeraubt wurden. Die Fallzahlen bei der Hasskriminalität steigen – und zwar extrem. Hasskriminalität kann letztlich überall passieren – im schulischen Umfeld, an der Uni, in der Nachbarschaft, im öffentlichen Nahverkehr oder eben im Internet.“
Julia Concu ist Fraktionsvorsitzende der Grünen in Falkensee. Sie hat eine Wahlperiode lang die Stadtverordnetenversammlung in Falkensee geleitet und betreut zurzeit den Hauptausschuss. Sie erzählte anschaulich, was einem als ehrenamtlich tätige Kommunalpolitikerin alles passieren kann: „Wir Grüne haben Drohbriefe im Briefkasten gehabt, es wurden Eier auf unsere privaten Häuser geworfen, es wurden Scheiben in unserer Zentrale eingeworfen und wir mussten Aufkleber mit blöden Sprüchen entfernen, um dabei festzustellen, dass man Rasierklingen unter den Aufklebern platziert hatte, damit man sich beim Ablösen verletzt. Ganz frisch hat man uns ein Hakenkreuz in ein neu angebrachtes Schild an unserem Grünen-Büro geritzt. Was uns passiert, ist aber auch bei den anderen Parteien zu beobachten.“
Was im realen Leben beginnt, eskaliert im Internet, sagt Julia Concu, die auf Facebook auch die verbale Auseinandersetzung mit Andersgesinnten nicht scheut: „Wir müssen gemeinsam an einem Strang ziehen. Wenn wir uns jetzt einschüchtern lassen und uns zurückziehen, gibt es bald keine Stimme mehr, die sich für Minderheiten in allen vulnerablen Gruppen einsetzen. Ich lasse mich online nicht entmutigen, schreibe viele Kommentare und habe oft die eine oder andere Diskussion noch einmal drehen können. Wenn mir einer doof kommt, spreche ich ihn direkt an – und oft löschen die Leute ihren Kommentar oder wir kommen plötzlich in ein persönliches Gespräch.“
Die Frage ist natürlich bei einer Beleidigung oder Drohung: Wo endet die Meinungsfreiheit und wo beginnt der Hass? Und wie kann man sich wehren?
Polizeihauptkommissar Philip van Delen ermunterte: „Sie brauchen keine Schulung, um eine Anzeige zu machen. Wenn ein Online-Post etwas mit Ihnen macht oder Sie ein ungutes Gefühl haben, schreiben Sie es auf und kommen Sie zur Polizei. Die Staatsanwaltschaft entscheidet dann, was mit der Anzeige weiter passiert.“ (Text/Fotos: CS)
Dieser Artikel stammt aus „Unser Havelland“ Ausgabe 241 (4/2026).
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