Havelland Kliniken Standort Nauen: In der Klinik-Apotheke!
Die Havelland Kliniken verfügen am Standort Nauen über eine eigene Apotheke. Sie versorgt den stationären Bereich mit allen benötigten Medikamenten, hält seltene Antibiotika für den Notfall bereit, kümmert sich um eine angemessene Bevorratung, stellt individuelle Chemotherapien im Sterilbereich für Patienten her und optimiert die Medikation auf Station. Dr. rer. nat. André Schäftlein ist der leitende Apotheker. Er erzählt, wie sein Team von Anfang an alle neuen Patienten in Augenschein nimmt, um bei der Medikation ein Wörtchen mitzureden. (ANZEIGE)
Die Situation an den Havelland Kliniken (www.havelland-kliniken.de) in Nauen ist eigentlich eine recht kuriose. Direkt vor der Haustür in der Ketziner Straße gibt es eine große Apotheke, in der sich etwa die Patienten der Arztpraxen mit den verschriebenen Pillen, Säften und Salben eindecken können. Warum versorgt diese Apotheke denn nicht gleich das Krankenhaus mit?
„Das geht nicht“, erklärt der Leitende Apotheker André Schäftlein: „Der ambulante und der stationäre Bereich sind bereits von der Gesetzgebung klar voneinander getrennt. Das bedeutet, dass die ambulante Apotheke nicht per se das Krankenhaus beliefern darf. Darüber hinaus nimmt unsere Krankenhausapotheke aber auch Aufgaben im laufenden Krankenhausbetrieb wahr, die ein außenstehender Apotheker gar nicht handhaben könnte.“
Die Arbeit in der Krankenhausapotheke fußt auf verschiedenen Säulen. So muss sich das Team um eine angemessene Bevorratung an täglich benötigten Medikamenten kümmern.
André Schäftlein, der aus Pößneck in Thüringen stammt und an der Freien Universität in Berlin Pharmazie studiert hat: „Die Logistik wird bei uns immer wichtiger, sie ist die erste Säule bei uns. Die Globalisierung hat dafür gesorgt, dass es nur noch wenige Hersteller auf der Welt gibt, die Wirkstoffe wie etwa Paracetamol oder Ibuprofen produzieren. Diese Hersteller sitzen längst nicht mehr in Europa, sondern meist in Indien oder in China. Kommen diese Firmen mit der Herstellung ihrer Medikamente nicht hinterher, führt das weltweit zu Engpässen. Das kann auch ganz banale Dinge wie etwa sterile Kochsalzlösung betreffen. Um hier wieder unabhängig zu werden, gibt es Bestrebungen in der EU, eigene Produktionsstätten etwa in Rumänien aufzubauen. Bis die liefern können, wird es aber noch einige Jahre dauern.“
Das Thema Logistik steht täglich auf der Agenda, so André Schäftlein: „Durch die angespannte Weltlage ist es so, dass ständig etwas nicht lieferbar ist. In unserem Intranet gibt es deswegen eine eigene Seite nur zum Thema Lieferengpassmanagement. Wenn es Medikament X nicht mehr gibt, was können wir unseren Patienten stattdessen geben? Als ich in Nauen angefangen habe zu arbeiten, gab es eine Lagerhaltung für zwei Wochen. Zusammen mit unseren Chefärzten haben wir nun eine Liste wirklich kritischer Medikamente zusammengestellt. Hier bevorraten wir uns aktuell bereits für drei bis sechs Monate.“
Längst gibt es Keime in der Medizin, die gegen mehrere Antibiotika resistent sind. Hier muss die Apotheke ganz besondere Antibiotika bevorraten, die nur im Ernstfall eingesetzt werden. André Schäftlein: „Wir haben tatsächlich ganz spezielle Antibiotika, Antimykotika und Virustatika, die nur ganz selten eingesetzt werden, und die auch bei Multiresistenzen funktionieren. Oft haben diese Medikamente aber eine enge therapeutische Breite und können starke Nebenwirkungen mit sich bringen. Hier muss der Arzt eine begründete Anforderung schreiben, warum er genau dieses Medikament einsetzen möchte. Und in knapp 60 Prozent aller Fälle lehnen wir das ab. Dann suchen wir aber natürlich gezielt nach einem anderen Medikament, bei dem wir Pharmazeuten der Meinung sind, das es besser geeignet wäre.“
Die Krankenhausapotheke wird auch selbst aktiv, wenn es darum geht, die pharmazeutischen Wirkstoffe in die passende Darreichungsform zu bringen. So werden vor Ort Cremes, Salben und Zäpfchen hergestellt. Die Herstellung von Medikamenten in der Krankenhausapotheke ist die zweite Säule.
André Schäftlein: „Wir produzieren auch Kapseln und Sirup zum Schlucken für Kinder, also für unsere Kinderstation in der Klinik. Tatsächlich ist es so, dass Kinder nur selten Medikamente brauchen. Deswegen stellt die Industrie ungern Pillen in Kinderdosierungen her, das müssen wir also selbst machen. Beim Sirup kommt auch immer etwas Geschmack dazu, damit die Medizin nicht bitter schmeckt.“
Die Apotheke ist mit einem hochgradig professionellen Sterilraum ausgestattet. Hier können etwa Zytostatika für die Behandlung von krebskranken Patienten angesetzt werden – individuell für jeden einzelnen. André Schäftlein: „Die Onkologin gibt die Therapie vor und wir prüfen noch einmal auf Plausibilität, auf den richtigen Zeitraum und die richtige Dosierung. Wir brauchen auch immer die aktuellen Blutwerte des Patienten, um die Dosierung entsprechend abzustimmen.“
Und dann gibt es da noch die dritte Säule, hier geht es um die pharmazeutische Dienstleistung.
Andre Schäftlein: „Tatsächlich schauen wir Pharmazeuten uns jeden neuen Patienten an, der geplant stationär in den Havelland Kliniken aufgenommen wird. Es gibt Patienten, die keine auffällige pharmazeutische Vorgeschichte haben. Andere, gerade die älteren, nehmen aber vielleicht acht oder zehn Medikamente gleichzeitig ein, die ihnen von völlig verschiedenen Ärzten verschrieben wurden. Oft sind wir die ersten, die sich diese Kombination genau anschauen – und mitunter können wir die Hälfte der Medikamente streichen, um kontraproduktive Wechselwirkungen zu vermeiden. Insbesondere in der Geriatrie haben wir eine Stationsapothekerin, die ihren Hauptfokus genau auf dieses Deprescribing setzt, also auf das Absetzen von einzelnen Medikamenten.“
Die Apotheker schauen sich aber auch auf den anderen Stationen die Bestandsmedikamente der Patienten ganz genau an, weil sie vielleicht bei einem chirurgischen Eingriff Blutungen verstärken oder weil sie zu arzneimittelinduzierten Stürzen führen können.
Die Betreuung der Patienten durch einen Apotheker während des stationären Aufenthalts ist noch immer eine echte Besonderheit. Andre Schäftlein: „Wir haben sehr viele Hospitationen von Kollegen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, aber auch aus den Niederlanden, bei uns. Die wollen sich genau anschauen, wie unsere dritte Säule funktioniert.“
Derweil arbeitet die Krankenhausapotheke bereits an der vierten Säule: Der Krankenhausapotheker begleitet den Patient in die ambulante Betreuung. André Schäftlein: „Oft fallen die Patienten nach dem Besuch im Krankenhaus wieder in ihre alte Medikation zurück. Wir würden gern – ab Juni – mit den ambulanten Ärzten in Kontakt treten, um unsere optimierte Medikation gezielt mit ihnen zu besprechen.“ (Text/Fotos: CS)
Dieser Artikel stammt aus „Unser Havelland“ Ausgabe 241 (4/2026).
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