Scheibes Glosse: Nur noch ein einziges Reel
Morgens sieben Uhr. Der Wecker klingelt. Um acht Uhr muss ich im Büro sein. Ich mache den Wecker im Handy aus und schaue kurz in die Health-App von Apple. Hurra. Ich habe einen Schlafindex von 91 bekommen, das ist Klasse. Da ist ja völlig klar, was ich jetzt als nächstes mache. Ich springe aus dem Bett, reiße die Balkontür auf und atme tief die eiskalte Morgenluft ein. Schade, dass kein Schnee mehr liegt, sonst hätte ich mich einmal komplett mit ihm eingerieben, um endgültig wach zu werden.
Aber sei es drum. In Boxershorts stehe ich in der offenen Balkontür und begrüße den neuen Tag mit 50 sauber durchgeführten Kniebeugen. Nahtlos geht das über in 25 Liegestütze und 100 Situps. Ich spüre, wie die Muskeln gut eingeölt aneinander reiben, wie die Körpersäfte in Fahrt kommen und das Gehirn hochgefahren wird – für einen leistungsstarken Tag voller kluger Gedanken.
So stelle ich mir das in meinem Kopf vor. Theoretisch. Schön wäre es ja. Wenigstens ab und zu. Die Wirklichkeit sieht leider anders aus. Wir waren ja an dem Punkt, wo ich das Handy in die Hand nehme. Ohne dass ich es willentlich beeinflussen kann, lande ich entweder in den Reels bei Instagram oder bei Facebook. Bildschirmfüllend werden mir nun kurze vertonte Videoschnippsel präsentiert, die so spannend sind, dass ich Raum und Zeit vergesse und mit dem Daumen von einem Reel zum nächsten weiterrutsche. Ich habe mir die angezeigten Themen nie ausgesucht, aber das Handy weiß ganz genau, was mich interessiert. Und füttert mich mit immer neuen Episoden meiner Lieblings-Mini-Soaps. Es gibt kein Entrinnen.
Lustig geht es bei Justleo zu. Sie verkleidet sich gern und zeigt in herrlich übertriebenen und selbst gespielten Rollen, wie ihre Eltern auf den ersten Freund reagieren. Oder die Single-Freundinnen auf die Verkündung, dass sie nun eben kein Single mehr ist.
Die englischsprachige Haley Morris treibt das Verkleiden auf die Spitze – und schlüpft in die Rolle ihrer Körperteile, Organe und Hormone, die alle eine ganz eigene Persönlichkeit entwickeln – und sich entsprechend verhalten, wenn z.B. Männerbesuch angesagt ist.
Man kann den Menschen aber auch „in echt“ beim Leben zusehen – wie in „The Truman Show“. Etwa der Deutschen Iman (Imsem.diary) mit ihrem türkischen Freund Semih, den sie bald heiraten möchte. Wenn die beiden sich übertrieben kabbeln, zieht meist der arme Semih den Kürzeren.
JanisundZoe zelebrieren ihre Beziehung ebenfalls in Reels – allerdings in nett. Sie nehmen sich auf die Schippe und bringen Humor in klassische Alltagsszenen. Etwa, wenn er ihr vor dem Shoppen beibringen möchte, doch allen Rabattversuchungen zu widerstehen.
Für die Nappifam muss man gedanklich nach New Jersey wechseln. Eine junge deutsche Frau ist als Au-Pair-Mädchen in die USA geflogen, hat sich dort in einen Ami verliebt und zwei Kinder bekommen. Nun berichtet sie fast täglich, wie sich das amerikanische Leben vom deutschen unterscheidet. Spannend: die kommentierten Rundgänge im Supermarkt.
Ein echtes Guilty Pleasure: Marie Joan schminkt sich vor der Kamera und gibt ihren „Görlis“ dabei jede Menge Tipps zum Thema Nummer eins. Das ist ein Dr. Sommer in sehr frech, gerade ist ihr erstes Buch erschienen.
Und weil’s so lustig ist: Wayne Carpendale entpuppt sich in seinen Reels als sehr wortgewandter und extrem lustiger Beobachter des Alltags. Wie er seine Frau vom Gucci-Laden fernhält, den WhatsApp-Chat der Schuleltern boykottiert und allen Sprachnachrichten den Kampf ansagt, ist besser als jedes TV.
Aber – auf einmal ist es schon wieder kurz vor acht. Jetzt aber schnell aufstehen, Katzenwäsche, runter in den Redaktionskeller. Arbeiten. Texte schreiben. Termine wahrnehmen. Sachen abhaken. Abends auf dem Sofa geht es aber endlich weiter mit dem Fernsehen in 10-Sekunden-Etappen.
Layla the Boxer heckt mit ihrer Hundeschwester Luna nur Blödsinn aus, um an neue Leckerlis zu gelangen. Aguyandagolden ist das Reel-Zuhause von Golden Retriever Teddy, der sich die allerbesten Streiche ausdenkt. Und dann ist da auch noch der „frechste Labrador Deutschlands“ – Chocolab Easy. Er zeigt seinem Herrchen regelmäßig an der Tafel, warum er viel lieber bei Oma leben würde.
Essen kochen, noch etwas spielen, Küche aufräumen und ab ins Bett. Vor dem Einschlafen ist noch etwas Natur angesagt, denn das ist ja meine geheime Passion (die das Handy aber natürlich kennt).
Jack’s World of Wildlife zeigt mir voller Enthusiasmus die tollsten Spinnen, Käfer und Krabbeltiere auf dem ganzen Planeten.
fishingarrett ist der „Yoing Guy“. Er läuft nachts barfuß durch die Everglades in Florida und tippt Fröschen, Giftspinnen, Echsen, Krokodilen und Schlangen mit dem Zeigefinger auf die Nase. Yoing! Muss man sich auch erst mal trauen.
David Orin alias adventorin wohnt ebenfalls in Florida. Er hat es auf Schlangen abgesehen. Er findet sie überall, nimmt sie hoch, lässt sich beißen und hält sie in die Kamera. Letztens hat ihn eine gut versteckte Klapperschlange erwischt. Da lag er auf Leben und Tod im Krankenhaus.
Das ist für Coyote Peterson fast Alltag. Er lässt sich von extrem giftigen Tieren beißen und stechen, um danach live zu berichten, wie sehr es denn gerade wehtut.
Aber jetzt ist es schon wieder Mitternacht und ich muss schlafen. Morgen um sieben klingelt wieder der Wecker. (Carsten Scheibe)
Dieser Artikel stammt aus „Unser Havelland“ Ausgabe 240 (3/2026).
Kennen Sie schon unsere Gratis-App?
Apple – https://unserhavelland.de/appapple
Android – https://unserhavelland.de/appandroid
Anzeige
