Dünger-Ebbe im Havelland: Ernteausfall bei Winterweizen und Winterroggen droht!
Der Winter war hart und lang. Die Landwirte konnten deswegen ihren Dünger nicht im Februar ausbringen, wie es üblich ist – die Felder waren noch gefroren und mit Schnee bedeckt. Im März wäre das Wetter perfekt gewesen. Aber ein komplett neues Problem treibt die Bauern in den Wahnsinn: Es gibt keinen Dünger. Schuld am Versorgungsengpass ist einmal nicht die Politik der EU, sondern der aktuelle Krieg im Iran und die damit eingehergehende Sperrung der Straße von Hormus.
Im März kletterten endlich wieder die Temperaturen – und die Natur erwachte. Die ersten jungen grünen Blätter entfalteten sich aus den aufgeplatzten Knospen.
Das Grün hätte gern auch auf den Feldern der Landwirte zugelegt. Stefanie Peters (37) ist die stellvertretende Geschäftsleiterin der Agro-Farm Nauen (www.agro-farm-nauen.de). Sie erklärt: „Unsere Winterkulturen haben wir bereits im letzten Jahr ausgebracht. Das ist der Winterweizen, der Winterraps und der Winterroggen. Diese im Herbst gekeimten Pflanzen sind winterhart, überstehen den Winterfrost also ohne Probleme. Sie schauen jetzt im Frühjahr bereits aus der Erde – und brauchen nun unbedingt eine ordentliche Portion Dünger. Der Boden im Havelland ist sehr karg und hat ohne fremden Dünger wenig Kraft. Ohne Stickstoff würden die Pflanzen nicht wie erwartet wachsen und schnell in eine Art Notreife gehen. Das bedeutet, dass die Ernte deutlich kleiner und qualitativ schlechter ausfallen würde – schlecht für uns.“
Normalerweise bringen die Landwirte im Havelland ihren Dünger bereits im Februar aus, wenn es die Situation auf den Feldern zulässt. Das war in diesem Jahr nicht möglich, weil der Winter lang und frostig war: Die Felder waren gefroren, auf der Erde lag eine Schneeschicht.
Stefanie Peters: „Im März war das Wetter für uns perfekt. Der Frost war vorbei, es gab im Winter genug Wasser von oben, die Böden waren feucht. Zugleich gab es aber auch keine Staunässe, wir konnten problemlos mit unseren Maschinen auf die Felder fahren. Allein – es gab in diesem Frühjahr plötzlich überhaupt gar keinen Dünger mehr.“
Die Landwirte wollten raus auf die Felder und ihre Jungpflanzen düngen – und konnten es nicht. Es herrscht Ebbe im Düngertank.
Dirk Peters ist der Chef der Nauener Agro Farm – und zugleich Vorstandsvorsitzender des Kreisbauernverbandes Havelland (www.kbv-havelland.de). Er hörte täglich von den Nöten der Kollegen: „Die Situation bei den Kollegen war absolut bescheiden. Manche haben in diesem Jahr noch nicht ein einziges Kilo Dünger bekommen. Es gibt Landwirte, die haben keine Lagerflächen und so auch keine Chancen, sich zu bevorraten. Wie sie die aktuelle Ernte einbringen wollen, weiß ich nicht. Wenn die jungen Pflanzen jetzt keinen Stickstoff bekommen, dann war es das, dann kann man die Ernte abschreiben. Das Zeitfenster für den Dünger schließt sich, es ist eine echte Katastrophe. So eine Situation hatten wir Bauern tatsächlich noch nie.“
Schuld an der Misere ist der Krieg gegen den Iran, den Israel und die USA am 28. Februar begonnen haben. Die iranischen Revolutionsgarden haben schnell reagiert und de facto die 40 Kilometer breite „Straße von Hormus“ gesperrt. Das ist eine Meerenge, durch die ein großer Teil des internationalen Handels mit Öl und Flüssiggas verläuft. Viele Tanker liegen vor der Meerenge vor Anker, weitere werden gar nicht mehr losgeschickt. Durch den Rohstoffmangel an Gas und Öl explodieren die Börsenpreise. Der deutsche Autofahrer bemerkte das im März an der Tankstelle: Benzin und Diesel sind deutlich teurer geworden und haben oft genug die 2-Euro-Grenze gerissen.
Stefanie Peters sagte am 19. März: „Wir arbeiten jedes Jahr so, dass wir unseren Dünger für das aktuelle Jahr bereits am Ende des Vorjahres einkaufen. Wir schließen also Kontrakte ab und können so den Dünger zum vereinbarten Preis abrufen, wenn wir ihn brauchen. Wir haben bei uns schon ein recht großes Düngerlager – und können bis zu 100 Tonnen einlagern. Das hört sich viel an. Wir bewirtschaften aber insgesamt 2.500 Hektar Fläche. Da sind die 100 Tonnen in zwei Tagen verbraucht – und wir brauchen Nachschub. Im Grunde genommen müssten jeden Tag drei neue Laster auf unseren Hof fahren, damit wir kontinuierlich düngen können. Wir werden zum Glück aufgrund unserer Kontrakte noch schleppend beliefert. Aber die Laster für heute sind auch schon wieder ausgefallen – und die Mitarbeiter haben nichts zu tun.“
Ein Grund für die schleppende oder ganz ausbleibende Düngerlieferung ist der stark gestiegene Dieselpreis. Stefanie Peters: „Die Düngerhersteller haben natürlich auch ihre Verträge mit den Speditionen gemacht, die ihre LKWs auf die Reise schicken sollen. Der extrem gestiegene Preis für den Liter Diesel sorgt nun aber dafür, dass die Speditionen nicht mehr wirtschaftlich fahren können. Sie können ihre Kontrakte nicht halten oder kündigen sie. Die Folge: Es fahren keine LKWs mehr.“
Dirk Peters: „Für die Herstellung des Düngers wird Erdgas benötigt. Kommt nicht mehr genug Erdgas bei den Herstellern an, wird die Düngerproduktion entsprechend reduziert. Und schon reicht die Menge nicht mehr aus, um den aktuellen Bedarf zu decken.“
Auf jeden Fall haben genau die Landwirte ein Problem, die nicht schon im letzten Jahr einen Kontrakt ausgehandelt haben. Sie sind die ersten, die gar keinen Dünger mehr bekommen.
Stefanie Peters: „Bislang gab es auch im Havelland sogenannte rote Gebiete. Das sind Areale, auf denen der Stickstoffgehalt im Boden etwas höher liegt und die deswegen nicht gedüngt werden durften. Wir Landwirte haben am 1. Februar die Nachricht bekommen, dass die roten Gebiete für dieses Jahr aufgehoben sind. Wir können also nun auch hier nach der geltenden Düngeverordnung düngen. Aber: Diese zusätzlichen Flächen haben die Landwirte bei ihren Kontrakten gar nicht berücksichtigen können. Nun ist es fast unmöglich, an zusätzlichen Dünger zu gelangen.“
Die Agro Farm setzt auf einen mineralischen Stickstoffdünger mit Schwefelanteil, der nicht in fester Form ausgebracht wird, sondern in flüssiger.
Stefanie Peters: „Ich arbeite nun das neunte Jahr in Folge im Betrieb meines Vaters. Dass wir mit der Frühjahrsdüngung so ein Problem haben, habe ich noch nicht erlebt. Ich sitze jetzt hier und überlege, welche Arbeiten auf dem Feld wir ansonsten gerade umsetzen können, damit wir die Zeit sinnvoll nutzen können. Wir müssen jetzt auch langsam unsere Hafer-Aussaat vorbereiten, der Hafer muss auch in den Boden.“
Dirk Peters: „Ich denke, dass die Düngermisere für unsere Agro-Farm am Ende noch glimpflich ausgehen wird. Ein zusätzlicher Wochenendeinsatz, dann sollten wir es mit der Düngung geschafft haben.“
Stefanie Peters: „Im April und auch im Mai brauchen wir ganz dringend viel Regen von oben, damit die Pflanzen gut gedeihen und sich das Korn ausbilden kann. Da sind wir aber wie in jedem Jahr vom Wetter abhängig – und nicht wie jetzt beim Dünger von der Weltpolitik. Über das Wetter haben wir Bauern ja schon immer geschimpft, das ist ja nichts Neues mehr.“
Während Familie Peters den anderen Landwirten noch die Daumen drückt, was die Düngerbeschaffung anbelangt, schaut der Betrieb der Agro Farm bereits wieder nach vorne. Stefanie Peters: „Wir müssen dringend die Bürokratie reduzieren. In den Erntespitzen würden wir gern mit unseren Maschinen über die B5 fahren dürfen, damit wir nicht durch die Orte müssen. Und die Verkaufspreise für unser Getreide muss dringend steigen. Die Preise sind zurzeit so weit im Keller, dass gerade niemand Kontrakte abschließen möchte. Die Stimmung ist sehr pessimistisch.“
Dirk Peters: „Und dann steht auch noch die aus dem Ausland eingewanderte Schilf-Glasflügelzikade vor der Tür, die für hohe Ernteausfälle verantwortlich ist. Sie ist noch nicht im Havelland angekommen, aber sie nähert sich schnell. Sie befällt vor allem Kartoffeln und Rüben, aber auch Erdbeeren, Spargel, Möhren und Rote Beete. Sie überträgt die Bakterienkrankheit Stolbur, die aus Rüben etwa Gummirüben macht.“ (Text/Fotos: CS)
Dieser Artikel stammt aus „Unser Havelland“ Ausgabe 241 (4/2026).
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