Lost Place: Ein letzter Gang durch das alte Rathaus Falkensee!
Das alte Rathaus Falkensee ist seit Oktober 2025 leergezogen, die Büros sind verwaist. Wird aus dem historischen Bau von 1918 nun ein sogenannter „Lost Place“? Auf keinen Fall: Schnellstmöglich soll im denkmalgeschützten Gebäude eine umfassende Komplettsanierung durchgeführt werden, damit das Rathaus in Zukunft wieder genutzt werden kann. Bevor die besondere Geschichte des Hauses verschwindet, durften wir noch einmal auf den Spuren der Vergangenheit wandeln.
Jetzt, wo niemand mehr in den Büroräumen vom alten Rathaus arbeitet und der Bürgermeister, das Standesamt und die übrigen Abteilungen in den benachbarten Rathauserweiterungsbau umgezogen sind, da sieht man plötzlich, wie alt das Gebäude tatsächlich ist. Über Putz verlegte Uralt-Stromleitungen ziehen sich von Raum zu Raum, die Treppenstufen sind abgelaufen, die Ecken der Wände angestoßen. Über allem liegt eine Patina aus Jahrzehnten der permanenten Nutzung. Man merkt – er wird Zeit. Zeit, das ehrwürdige Gebäude einer umfassenden Kernsanierung zu unterziehen, sodass es die Ansprüche einer modernen Verwaltung erfüllen kann – mit einer komplett erneuerten Energieversorgung, mit modernen Netzwerkanschlüssen und mit einem stromsparenden LED-Lichtkonzept.
Trotzdem lohnt es sich, diesen ganz besonderen „Rathaus-Lost-Place“ noch einmal mit den staunenden Augen eines Geschichtsforschers zu besuchen. Denn es gibt tatsächlich so einiges zu entdecken.
Bereits im Neubau fällt im Eingangsbereichs ein Fenster auf, das mit einem besonderen Fensterbrett ausgestattet ist. Es weist eine Neigung zur Mitte hin auf. Hier zeigt sich eine Mulde, die in einem Loch im Fensterbrett endet. Was es wohl mit dieser Konstruktion auf sich hat?
Torsten Klier vom Falkenseer Grundstücks- und Gebäudemanagement (GGM) weiß mehr: „Wir sehen hier ein Fenster mit einer Einfachverglasung. Aufgrund von Temperaturunterschieden kann sich auf der Innenseite leicht Kondenswasser bilden, das die Scheibe herunterläuft. Auf dem Fensterbrett wird es zur Mulde geleitet – und fließt durch das Loch in einen Metallbecher, der darunter in der Wand eingelassen ist. Der Becher kann herausgezogen und geleert werden. Das war die Technik von damals.“
Damals. Der Blick zurück erklärt so einiges. 1918 wurde das Rathaus Falkensee gebaut – mitten im Ersten Weltkrieg. Gebaut wurde ein dreigeschossiges Gebäude im neoklassizistischen Stil. Die Kellergewölbe einer früheren Oberförsterei wurde dabei mit in den Bau integriert. 1928 wurde das Rathaus erweitert – um einen spiegelgleichen Anbau mit Rathausturm und einem großen Sitzungssaal. 2017/18 bekam das Rathaus einen Verbinder und einen Fahrstuhl zum barrierefreien Erreichen der beiden oberen Stockwerke.
Unter der dicken Tapete haben die Experten bereits die früheren Farbschichten der Wände im Rathaus freigelegt. Fünf verschiedene Farbschichten kann man so noch heute erkennen. Demnach waren die Wände im Rathaus früher einmal sandfarben, rot, taubenblau, grün und braun gestrichen. Auf den wuchtigen Eingangstüren ließen sich noch mehr Farben finden.
Im Eingangsbereich zum Rathaus hängt eine handgemalte Handwerkerrolle von 1992 an der Wand – mit den Namen und den Wappen aller Handwerksbetriebe aus der Nachbarschaft „Stadt und Umgebung“. Bürgermeister Heiko Richter: „Viele Betriebe gibt es inzwischen nicht mehr. Aber einige sind noch immer aktiv. Vor allem die Bestatter haben sich über die Jahre gehalten.“ Die Handwerkertafel wird natürlich noch vor der Kernsanierung abgehängt und in Sicherheit gebracht. Sie soll als Zeitzeuge auch später wieder im Rathaus aufgehängt werden.
Spannend ist es auch in den alten Kellerräumen im Altbau. Hier muss man schon gebückt laufen und den Kopf etwas einziehen, damit man nicht anstößt.
Hier im unterirdischen Bereich ist auch das alte Archiv der Stadt Falkensee zu finden. In den Regalen auf Rollen, die sich mit großen Drehrädern nach rechts und links verschieben lassen, lagern die alten Bauakten und Bauunterlagen, historische Dokumente und Sammlungen, Flurpläne und die handgeschriebenen Personenstandsunterlagen mit dem Geburts-, Heirats- und Sterberegister.
Heiko Richter: „In unserem Stadtarchiv liegen die Bauakten bis zum Jahr 1990. Anschließend war das Bauamt für die Akten verantwortlich, sodass sie inzwischen an anderer Stelle verwaltet werden.“
Geschichte pur: Im Archiv hängt ein Zettelwerk an der Wand, das aufzeigt, wie die Straßen in Falkensee früher einmal hießen. Denn viele Straßen wurden im Lauf der Jahre mit einem neuen Namen versehen. Ohne das Verzeichnis der alten und neuen Namen könnte man Flurkarten oder Bauakten gar nicht richtig zuordnen. So hieß die Bahnhofstraße vor 1990 noch Straße des Friedens. Die Karl-Marx-Straße war einmal die Hindenburgallee. Und die Ringpromenade war zu DDR-Zeiten als Leninallee bekannt.
Ganz am Ende des Kellergangs ist der wohl älteste Raum im ganzen Rathaus Falkensee zu finden. Hier hängt noch immer ein alter Fleischerhaken von der Decke. Heiko Richter: „Dieser Kellerraum gehörte zum alten Forsthaus, auf dessen Grundmauern das Rathaus gebaut wurde. Hier hat man früher das geschossene Reh an den Haken gehängt, um es aufzubrechen und zu zerteilen.“
Im Rückblick schon etwas makaber. Noch makabrer ist aber, dass es nebenan gleich zwei enge Zellen gibt, die sich von außen abschließen ließen, um Bürger zu inhaftieren.
Tatsächlich lässt sich im Internet nachlesen, dass ganz am Anfang des Bestehens auch eine Polizeiwache zum Rathaus Falkensee gehörte. Sie nutzte die Zellen wohl zuerst als Haft- und Arrestzellen für Betrunkene und Randalierer, für die Unterbringung von Personen bis zur Vorführung beim Amtsgericht oder für die kurzfristige Wegsperrung von Bürgern bei kleineren Ordnungsstörungen. Es heißt dazu: „Solche Arrestzellen in Rathauskellern waren früher in vielen deutschen Städten üblich, weil Polizei und Verwaltung oft im selben Gebäude untergebracht waren.“
Es ist davon auszugehen, dass die Zellen auch zu Zeiten des Nationalsozialismus genutzt wurden. Belegt ist laut Auskunft vom Museum Falkensee die Inhaftierung jüdischer Bürger im Zuge der Pogromnacht vom 8. auf den 9. November 1939. Und auch in der Nachkriegszeit, als die sowjetische Kommandantur im Rathaus untergebracht war, könnten die Zellen zum Einsatz gekommen sein.
„Ein gruseliger Fakt …“, sagt Bürgermeister Heiko Richter und rückt einen Schrank beiseite, um einen besonderen Fleck an der nackten Mauer besser zeigen zu können: „… ist ein Kreuz, das jemand in den Stein geritzt hat. Und darunter steht als Datum der 14. Juli 1940. Was das zu bedeuten hat, wissen wir aber nicht.“
Viele Falkenseer stören sich noch immer an dem kleinen niedrigen Metallzaun, der vor dem Rathaus um die Grünflächen herum verläuft und von dem die Farbe rostbedingt seit Jahren großflächig abblättert. Der Denkmalschutz hat bislang eine Sanierung erschwert. Bürgermeister Heiko Richter verspricht allerdings: „Um den oft beanstandeten Zaun werden wir uns im Zuge der Sanierungsarbeiten am alten Rathaus ebenfalls kümmern, sodass er den Falkenseern nicht mehr negativ auffällt.“
Sicherlich gibt es rund ums alte Rathaus noch viele Geschichten zu erzählen, dies sind nur einige wenige davon.
Die Sanierung des alten Rathauses wird nun zügig angestoßen werden. Wann die Arbeiten abgeschlossen sind, kann heute verlässlich noch niemand sagen. Es ist damit zu rechnen, dass bei einem denkmalgeschützten Gebäudes diesen Alters noch eine ganze Reihe unerwarteter „Überraschungen“ auf die Bauarbeiter warten werden. (Text/Fotos: CS)
Dieser Artikel stammt aus „Unser Havelland“ Ausgabe 241 (4/2026).
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