Hummelkunde: Hannes Petrischak von der Heinz Sielmann Stiftung stellt den Kosmos Hummelführer vor!
Die Hummel hat ein erstklassiges Image. Sie gilt als chilliger Brummer, der keinen Stress haben möchte, der sich den ganzen Tag am Zuckerwasser der Blüten verlustiert und der mit seinem dicken Popo laut den Gesetzen der Aerodynamik eigentlich gar nicht fliegen können dürfte. Hannes Petrischak als Leiter des Geschäftsbereichs „Sielmanns Naturlandschaften und Naturerlebnis“ kennt sich bestens mit den Insekten aus – und legt mit dem „Kosmos Hummelführer“ das ultimative Bestimmungsbuch für alle europäischen Arten vor.
Hannes Petrischak (52) wohnt in Falkensee, arbeitet aber in der Döberitzer Heide im Natur-Erlebniszentrum. Er ist in der Heinz Sielmann Stiftung für die Naturlandschaften in Brandenburg verantwortlich und hat in dieser Funktion stets ein Auge auf die verschiedenen Biotope vor allem in der Naturlandschaft Döberitzer Heide, in der viele vom Aussterben bedrohte Tier- und Pflanzenarten zu finden sind.
Auch in seiner Freizeit lässt ihn das Thema nicht los, ein besonderes Faible hat der Naturfreund dabei für alle Insekten. Oft ist der studierte Biologe Dr. Hannes Petrischak mit der Kamera unterwegs, um festzuhalten, was er in der Natur vorfindet. Auf diese Weise sind in der Vergangenheit bereits mehrere Bücher entstanden. Bücher wie „Gartentiere lebensgroß“ oder die „Gartensafari“ richten sich an jedermann, die „Expedition Artenvielfalt“ zeigt schon etwas tieferschürfend sehr schön „Heide, Sand & Seen“ als Hotspots der Biodiversität. Mit „Welche Wildbiene ist das?“ liegt ein umfangreiches Bestimmungsbuch für unsere einheimischen Wildbienenarten vor.
Insgesamt drei Jahre lang hat Hannes Petrischak nun an seinem neuen Buch „Der Kosmos Hummelführer“ gearbeitet, das am 16. Februar beim Kosmos-Verlag (240 Seiten, 42 Euro) erschienen ist. 63 europäische Hummelarten stellt der Autor in seinem Buch vor, 55 davon mit insgesamt fast 400 Fotos und ausführlichen Beschreibungen; ein Werk, das es in diesem Umfang und dieser Vollständigkeit noch nicht zuvor gegeben hat.
Hannes Petrischak: „Hummeln sind eine wahnsinnig spannende Bienengattung- und noch dazu echte Sympathieträger. Das liegt nicht nur an ihrer pelzigen Gestalt. Sie sind auch erste Frühlingsboten. Sie sind im neuen Jahr oft die ersten Insekten, die man sieht. Die ersten dicken Hummeln sieht man schon im Februar und März, sobald sich die ersten Sonnenstrahlen zeigen. Das sind die Königinnen, die nach ihrer Überwinterung nach einem passenden Platz für ihr Nest suchen. Tatsächlich nutzen etwa die Erdbeerbauern angemietete Hummelvölker schon früh im Jahr zur Bestäubung der Blüten, weil Honigbienen bei so niedrigen Temperaturen noch nicht fliegen würden. Hummeln sind erstklassige Bestäuber, die viel effizienter sind als die Honigbienen.“
Warum haben sich die Hummeln eigentlich so gut an die Kälte angepasst? So sind sie auch im hohen Norden Europas und in den hohen Gebirgen in sehr kalten Gefilden anzutreffen, die für andere Insekten viel zu unwirtlich wären.
Hannes Petrischak: „Sie sind auch die einzigen Insekten, die bei uns noch fliegen, sobald es kalt und nieselig ist. Die Kälteanpassung lässt sich leicht erklären: Hummeln sind zur Thermoregulation befähigt. Sie können ihre Flügel aus der Brustmuskulatur ausklinken. Dann zittern die Brustmuskeln, ohne dass sich die Flügel bewegen. So heizt die Hummel den eigenen Körper auf über 30 Grad hoch. Diese Temperatur brauchen sie, um fliegen zu können. Um auf diese Temperatur zu kommen, verbraucht die Hummel aber auch sehr viel Energie. Deswegen muss sie viel Nektar trinken und besucht jeden Tag tausende von Blüten.“
Die meisten Leute erkennen zwar eine Hummel dank ihrer einzigartigen Gestalt, können aber die einzelnen Arten kaum voneinander unterscheiden.
Hannes Petrischak: „Es gibt sieben Hummelarten, die bei uns in Deutschland häufig sind. Die kennen die meisten. Das ist die Dunkle Erdhummel, die Helle Erdhummel, die Steinhummel, die Gartenhummel, die Ackerhummel, die Baumhummel und die Wiesenhummel. Die anderen Arten haben die meisten Menschen noch nie bewusst wahrgenommen. Das liegt daran, dass sie so selten geworden sind, dass man sie kaum noch finden kann. Einige Arten verschwinden auch gerade für immer. Wer hat denn schon einmal von der Sandhummel, der Deichhummel oder der Mooshummel gehört?
Ein großes Problem bei der Erstellung des Hummelführers waren ganz klar die Bilder. Viele Hummelarten kommen nur an ganz besonderen Orten in Europa vor. Um sie vor die Kameralinse zu bekommen, musste der Buchautor demzufolge sehr viel reisen. Hannes Petrischak: „Die Hauptzeit der Hummeln ist ja nun einmal der Sommer. Aber ich kann ja nicht zur gleichen Zeit an mehreren Orten sein. Aus diesem Grund hat es eben auch drei Jahre gedauert, bis das Buch vollendet war. Bei den Fotos haben mir auch einige Kollegen geholfen. Aber ich war mit meiner Frau tatsächlich viel unterwegs. Angefangen hat das 2018 in Schottland ganz im Norden auf den Orkney-Inseln und den äußeren Hybriden. Da gibt es blütenreiche Küstenlandschaften mit sehr seltenen Deich- und Mooshummeln. Ab 2023 bin ich das Thema richtig systematisch angegangen. Da ging es zunächst nach Norwegen, wo es tatsächlich ein norwegisches Hummelbuch gibt, das ich mir gleich besorgt habe. Ich war in Wien, um der Ungarischen Hummel nachzuspüren. Da habe ich nur ein einziges Exemplar gesehen, eine Königin, die sich genau nur fünf Sekunden vor meine Kamera gesetzt hat, mehr Zeit bekam ich nicht für ein gutes Foto. In Schweden habe ich die wunderschöne Vierfarbige Kuckuckshummel vor die Linse bekommen. Es gibt neun Arten der Kuckuckshummeln in Europa. Diese Arten dringen in fremde Hummelvölker ein, töten die Königin und lassen dann ihren eigenen Nachwuchs von den Arbeiterinnen großziehen. So hat sich die Vierfarbige Kuckuckshummel etwa ganz auf die Völker der Glockenblumenhummel spezialisiert. Interessant ist, dass man die vier Farben wirklich sehr gut sieht. Die Hummel ist gelb, schwarz, weiß und am Hinterleib pink gefärbt.“
Reisen kann man natürlich viel. Aber man muss vor Ort auch Glück haben, um die passende Hummel vor die Kamera zu bekommen.
Hannes Petrischak: „Ich brauche schon eine Weile, um die Arten aufzuspüren. Meistens streife ich gleich mehrere Stunden auf einer Wiese umher – und suche. Da braucht man schon viel Geduld. Aber natürlich ist man in der Natur, meistens steht man mitten in einer wunderschönen Naturkulisse. Das macht die Aufgabe natürlich sehr angenehm. Leider sind die Hummeln sehr hektisch und fliegen immer wieder schnell zur nächsten Blüte weiter. Da darf man sich mit den Aufnahmen keine Zeit lassen.“
Gab es bei den Aufnahmen zum Buch auch ganz besondere Erlebnisse?
Hannes Petrischak: „Oh ja. Meinen krassesten Moment habe ich in Griechenland erlebt, im südlichen Balkan an der Grenze zu Albanien und Nordmazedonien. Da habe ich die Schneehummel gesucht, die so wunderbar creme- bis schneeweiß gefärbt ist. Und die Östliche Hummel, die gelb-schwarz gestreift ist. Da hatte ich mir in Online-Portalen Fundorte herausgesucht, wo man diese Hummeln schon einmal gesehen hat. Eine Wiese mitten in einem Waldstück lag aber so abgelegen, dass ich erst einmal zu Fuß zwei Kilometer einen Berg hochgehen musste. Als ich dann auf der Wiese stand, habe ich vom Waldrand immer so ein Knacken gehört. Ich dachte erst an Wildschweine, aber dann ist 20 Meter vor mir plötzlich ein Braunbär aus dem Gehölz gebrochen. Ich habe vor großen Tieren eigentlich keine Angst, aber bei einem Bär muss man schon vorsichtig sein. Wenn der einen als Bedrohung wahrnimmt, kann es gefährlich werden.“
Aber nicht nur der Buchautor wird bedroht, auch die Hummeln haben es schwer. Der Klimawandel macht ihnen zu schaffen. Hannes Petrischak: „Es gibt zum Beispiel Hummeln, die nur in den Bergregionen oder im hohen Norden vorkommen und die sich bestens an kalte Wetterbedingungen angepasst haben. Wir sprechen da etwa von der Fjellhummel im Norden oder von der Höhenhummel, die vor allem in den Alpen und Pyrenäen verbreitet ist. Wenn es durch den Klimawandel wärmer wird, können diese Hummeln oft nicht mehr in die Höhe oder noch weiter in den Norden ausweichen. Die Alpenhummeln sind deswegen sehr selten geworden – und in Deutschland bereits ausgestorben.“
Das große Problem vor dem Erscheinen vom „Kosmos Hummelführer“ war es bislang, an das entsprechende Wissen über die verschiedenen Hummelarten zu gelangen. Oft findet man im Internet nur ein paar Zeilen – wenn überhaupt.
Hannes Petrischak: „Das Wissen über die Hummeln zu sammeln, war tatsächlich alles andere als einfach. Ich habe ja schon erzählt, dass mir skandinavische Hummelbücher sehr geholfen haben. Ähnliche Werke habe ich auch in anderen Ländern gefunden. Man sieht aber auch im Literaturverzeichnis von meinem Buch, dass ich ganz viele Fachartikel genutzt habe, die zum Teil in sehr speziellen Magazinen erschienen sind. In einem Artikel wurde zum Beispiel über die Hummeln Korsikas berichtet. Den habe ich mir ausgedruckt und bin dann nach Korsika gereist, um mir diese Hummeln anzuschauen. Auf Korsika gibt es etwa die Rotbeinige Erdhummel, die tatsächlich nur dort vor Ort vorkommt. Diese Hummel hat ein rotes Hinterteil wie bei uns die Steinhummel. Aber Steinhummeln gibt es auf Korsika nicht. Man muss also zum Teil auch wissen, wie die Verbreitungsgebiete einzelner Hummelarten liegen, um sich bei der Bestimmung einer Art annähern zu können.“
Mitunter muss man aber trotzdem gaaaanz genau hinsehen, um die Arten unterscheiden zu können. Hannes Petrischak: „Man denke nur im Havelland an die relativ häufige Gartenhummel. Ihr Farbmuster vom Kopf beginnend ist gelb, schwarz, gelb, schwarz, weiß. Die Gartenhummel kann man aber sehr gut mit der seltenen Heidehummel verwechseln, die bei uns in der Sielmanns Naturlandschaft Döberitzer Heide vorkommt. Sie sieht nämlich auf den ersten Blick ganz genauso aus. Die Gartenhummel hat aber ein sehr langes Gesicht und einen langen Rüssel. Die Heidehummel hat ein kurzes Gesicht und einen kurzen Rüssel. Das sieht man natürlich nicht immer, vor allem dann nicht, wenn die Hummel mit dem ganzen Kopf in einer Blüte steckt. Die Gartenhummeln sind mit ihrem langen Rüssel übrigens spezialisiert auf tiefe Blütenkelche, wie man sie etwa beim Eisenhut vorfindet.“
Das gesamte Wissen eines echten Experten hat nun Eingang gefunden in den „Hummelführer“. Aber gibt es eigentlich neben Insektenkundlern und Hummel-Nerds auch noch Kinder, die sich für so ein Bestimmungsbuch interessieren? Und die mit so einem Buch vielleicht zum Experten der nächsten Generation werden?
Hannes Petrischak: „Den Nachwuchs, den gibt es auf jeden Fall. Wenn wir in der Heinz Sielmann Stiftung Schülerpraktikanten bei uns haben, sind da oft echte Spezialisten darunter, die sich extrem gut auskennen und bei denen man sofort merkt, dass ein stark ausgeprägtes Interesse für unsere Natur vorhanden ist. In diesem Zusammenhang finde ich auch Apps sehr gut, die ein Foto von einem Tier oder einer Pflanze direkt bestimmen. Auch wenn diese Apps nicht immer fehlerfrei sind, so bieten sie doch einen schnellen Zugang zum Thema Artenbestimmung. Denn leider ist es so, dass uns heute für viele Insektengruppen bereits die Spezialisten fehlen. So gibt es vielleicht nur noch drei, vier Leute in ganz Deutschland, die sich in aller Breite mit dem Thema Fliegen und Mücken auskennen. Man braucht diese Experten, die zur Not auch unter dem Mikroskop nachschauen, welche Art sie da vor sich haben. Sie schaffen die Basis, aus der später überhaupt erst Bestimmungsbücher entstehen können. Wir beauftragen in Sielmanns Naturlandschaften oft den Experten Dr. Christoph Saure, der für uns Bienen und Wespen kartiert. Wenn er auf Tour geht, entdeckt er regelmäßig neue Arten, von denen wir nicht wussten, dass sie bei uns vorkommen.“
Was passiert denn eigentlich, wenn im Hummel-Bestimmungsbuch Fehler enthalten sind?
Hannes Petrischak: „Es gibt kein Buch ohne Fehler. Wenn man Tiere fotografiert und ihnen eine Art zuweist, gibt es immer ein Restrisiko für Fehler. Ich habe das im Buch auch explizit angesprochen. Die Waldkuckuckshummel und die Norwegische Kuckuckshummel sehen sich so ähnlich, dass ich bei einem Foto nicht klar definieren kann, zu welcher Art das Tier gehört. Darauf mache ich aufmerksam. Generell ist es so, dass sich bestimmte Arten sehr schwer voneinander unterscheiden lassen. Eine Steinhummel, eine Grashummel und eine Glockenblumenhummel auseinanderzuhalten, das ist schon sehr schwer. Oft hilft dann Sekundärwissen. In welcher Landschaft ist die Hummel unterwegs, welche Blüten fliegt sie an, in welcher Jahreszeit wird sie gesehen?“
Wer nach all diesen spannenden Geschichten über die Hummel mehr über das brummende Insekt erfahren möchte, das im Grunde nur eine plüschige Biene ist, der erfährt im „Kosmos Hummelführer“ zunächst alles über die Verbreitung der Hummel und ihre Lebensräume, über den Körperbau und die Körperfunktionen, über den Lebenszyklus der Hummeln, über Kuckuckshummeln, über Fressfeinde und über die Gefährdung der Hummel durch den Klimawandel oder verschwindende Lebensräume.
Die Artenporträts helfen dem Leser anschließend bei der eigenen Bestimmung von Hummeln, die sie im Garten oder auf Reisen antreffen. Zu jedem Porträt gehört ein ausführlicher Text, der auf das Aussehen, die Nistweise, die angeflogenen Blüten, den Lebensraum und die Flugzeit, auf die Verbreitung, auf etwaige Unterarten und auf ähnliche Arten hinweist. Mehrere Makrofotos erlauben es, eine Hummelart aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Oft gibt es auch ein Foto zum klassischen Lebensraum, der zu einer Hummel gehört. So kann jeder selbst zum Hummelexperten werden. (Text/Fotos: CS / Hummelfotos: Hannes Petrischak)
Dieser Artikel stammt aus „Unser Havelland“ Ausgabe 240 (3/2026).
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