Neu in Falkensee: KI-Gesprächsreihe für den Mittelstand!
Künstliche Intelligenz ist das Thema der Stunde: Viele Unternehmer ahnen, dass sie sich dringend mit den Vorzügen der KI beschäftigen müssen, um weiter im Wettbewerb bestehen zu können. Sie wissen aber noch nicht, wie sie KI überhaupt in die eigene Firma integrieren sollen – und welche Fallstricke vielleicht sogar mit der Anwendung einhergehen. Eine neue Gesprächsreihe in Falkensee versucht sich dem Thema von verschiedenen Seiten aus zu nähern. Eine Eröffnungsveranstaltung fand am 10. Februar im Foyer der Stadthalle statt.
Die Künstliche Intelligenz (KI), die aus dem Computer kommt, stellt zurzeit die gesamte Berufswelt auf den Kopf. Die verschiedenen KI-Lösungen, die es bereits gibt, erstellen Fotos und Anzeigen, recherchieren im Internet, generieren Videos, singen Lieder, gehen ans Telefon und automatisieren und optimieren Prozesse aller Art.
Viele Firmen nutzen KI bereits im Kleinen und überlegen nun nach ersten Erfolgen, wie wohl der „ganz große Wurf“ gelingen könnte. Hier spielt zum einen die Angst mit, vom Fortschritt abgehängt zu werden, wenn man nicht schnell genug auf den KI-Zug aufspringt. Es klingt aber auch die Hoffnung an, dass KI dabei helfen kann, besser, produktiver und schneller agieren zu können.
Bei allem Enthusiasmus wissen viele Unternehmer nicht so recht, wo und wie sie den Hebel ansetzen sollen. Was kann KI eigentlich? Wie integriert man das in die eigenen Firmenabläufe? Gibt es ethische und juristische Grundsätze zu bedenken? Und darf man das alles überhaupt?
Angesichts der Tatsache, dass es im Umfeld der KI mehr Fragen als Antworten gibt, hat die Wirtschaftsförderung der Stadt Falkensee in Zusammenarbeit mit dem Mittelstand-Digital Zentrum Zukunftskultur, mit Vimmera AI Solutions, mit der KI-Consultant Daniela Purps und dem Werner-von-Siemens Centre for Industry and Science e. V. (WvSC) die neue Veranstaltungsreihe „KI? Ganz praktisch! Lösungen für den Mittelstand“ (www.falkensee.de/mittelstand) ins Leben gerufen.
Die Auftaktveranstaltung fand am 10. Februar ab 18 Uhr im Foyer der Stadthalle statt – 54 Firmen hatten im Vorfeld ihr Kommen angekündigt, weitere Firmenvertreter sind am Abend noch spontan vorbeigekommen. Wenigstens vier weitere Events sind bereits geplant, sodass das Thema weiter vertieft werden kann.
Michael Merscher, Gründer der neu an den Start gegangenen Falkenseer KI-Firma „Vimmera AI Solutions“ (www.vimmera.de) gab zu bedenken, dass KI momentan die gesamte Wirtschaft durchschüttelt. Wer sich jetzt nicht mit dem Thema beschäftigt, stolpert irgendwann darüber: „Wir erinnern uns an die 90er Jahre, als der Computer aufkam. Damals haben die meisten gesagt, so etwas brauche ich nicht, ich habe doch meine Schreibmaschine. Wer schreibt heute noch mit der Schreibmaschine? Ebenso ist es nun mit der KI. Die KI ist auch nur ein neues Werkzeug. Es ist noch nicht zu spät, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Es ist aber einfach so, dass Künstliche Intelligenz einzelne Mitarbeiter so sehr unterstützen kann, dass deren Produktivität locker um bis zu 80 Prozent steigt. Viele Routineaufgaben fallen weg, weil sich in Zukunft die KI darum kümmern kann.“
Thomas Thiessen vom Mittelstand-Digital Zentrum Zukunftskultur (www.digitalzentrum-zukunftskultur.de) kümmerte sich um die Moderation des Abends und stellte sich wie folgt vor: „Ich leite das Mittelstand-Digital Zentrum Zukunftskultur, eines von über zwanzig Mittelstand-Digital Zentren in ganz Deutschland. Diese Einrichtungen werden vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gefördert – im Rahmen des Förderschwerpunkts Mittelstand-Digital. Unser Ziel ist es, kleine und mittelständische Unternehmen auf ihrem Weg in die Digitalisierung zu begleiten.“
Der Moderator nutzte auch gleich die Gelegenheit, um Falkensees Bürgermeister Heiko Richter zu befragen, ob denn die Künstliche Intelligenz wohl schon in die Rathausverwaltung eingezogen sei. Heiko Richter: „Noch nicht. Was wir bereits auf der Homepage der Stadt nutzen, ist ein KI-Chatbot, der zu jeder Tages- und Nachtzeit zur Verfügung stellt und die Fragen der Bürger beantwortet. Aber natürlich sehen wir auch bei uns in der Verwaltung ein Riesenpotenzial an Arbeitsfeldern, bei denen die KI in Zukunft helfen kann.“
Thomas Thiessen kommt von der Berliner ESP Business & Law School: „Sie glauben gar nicht, wie die Künstliche Intelligenz gerade unser Berufsbild an den Hochschulen verändert. Das ist absolut krass. Ich würde einmal vorhersagen, dass es in fünf Jahren keine klassischen Abschlussarbeiten mehr gibt. Sie ergeben gar keinen Sinn mehr. Das gleiche gilt für die Hausaufgaben in den Schulen.“
Nach dem kurzen Intermezzo am Mikrofon gliederte sich der Abend in vier kurze Impuls-Vorträge, die bestimmte Aspekte der KI aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten sollten.
Andreas Henschel von der Brieselanger MEBATRON Elektronik GmbH (www.mebatron.de) erzählte etwa, dass sein Unternehmen KI bereits erfolgreich im Büro einsetzt, um Schulungsunterlagen zu erstellen, Texte zu optimieren, Recherchen zu starten oder Besprechungsprotokolle automatisch zu generieren: „Aber in der Fertigung unserer Leiterplatten, wo wir uns echte Produktionssteigerungen durch den Einsatz von KI erhofft haben, kommen wir noch nicht weiter. Hier fehlt es an echten Software- und KI-Lösungen, die sich in unseren Arbeitsalltag integrieren lassen.“
Patrick Winczewski ist seit 45 Jahren Schauspieler und Regisseur, vor allem aber Synchronsprecher. Die deutsche Stimme von Tom Cruise und Hugh Grant wohnt seit sechs Jahren in Falkensee.
Er erzählte von den Gefahren der KI und dass Sprecher inzwischen seltener für Werbeaufnahmen, für die Vertonung von Dokumentationen oder für das Einsprechen von Hörbüchern gebucht werden: „Man kann sagen, dass unser Markt um 40 Prozent eingebrochen ist – und bald wird es auch die Schauspieler treffen. Da kommen zunehmend von KI erstellte Avatare zum Einsatz.“
Patrick Winczewski (www.patrick-winczewski.de) und viele weitere deutsche Synchronsprecher stellen sich zurzeit gegen den Streaming-Riesen Netflix auf die Barrikaden. Das amerikanische Unternehmen möchte gern die Stimmen der Synchronsprecher für das Training ihrer KI-Systeme verwenden – ohne dafür zu bezahlen: „Wir sind nicht gegen das KI-Training, wir wollen nur angemessen dafür bezahlt werden – und keinen Knebelvertrag unterschreiben, in dem wir alle Rechte abtreten.“
Dass die KI die Synchronsprecher ganz überflüssig macht, sieht Patrick Winczewski bei aller Kritik aber nicht: „Die technischen Voraussetzungen dafür, dass etwa ein Tom Cruise mit seiner Stimme über KI seine Filme in allen Sprachen synchronisiert, die gibt es ja schon lange. Aber das System setzt sich nicht durch. Weil das Unmittelbare, das Menschliche verloren geht. Bei der KI bemerkt man eben doch noch einen synthetischen und künstlichen Charakter. Es gibt gerade in Amerika eine große Bewegung bekannter Schauspieler, die ihre Synchronsprecher gern behalten möchten. Auch die Fans laufen Sturm und setzen sich für die Synchronsprecher ein, die sie kennen. Das ist für sie ebenso Kult wie Kultur. Ich denke, die reinen KI-Ansagen werden wir zunächst bei Bus und Bahn oder bei Fahrstuhlansagen hören.“
Daniela Purps bringt 15 Jahre Erfahrungen aus dem Bereich des Marketings mit. Seit zwei Jahren berät sie Betriebe, wie es ihnen gelingen kann, KI als Marketing-Tool in den Firmenalltag zu integrieren. Sie konnte aufgrund einer Erkältung nicht persönlich am KI-Abend dabei sein, schickte aber – kongenial umgesetzt – eine mit Hilfe von KI erstellte Videopräsentation direkt auf die Leinwand im Foyer der Stadthalle.
Daniela Purps (www.innovativekiloesungen.de) zeigte auf, wie große Konzerne bereits heute KI benutzen, um aufwendige Werbefilme zu erschaffen, die unter Verwendung von echten Schauplätzen, lebendigen Schauspielern und handgemachten Trickaufnahmen kaum zu finanzieren wären: „KI macht Bildwelten möglich, die früher entweder extrem teuer gewesen wären oder die man ganz einfach so niemals hätte umsetzen können.“
Als Beispiel kam ein Persil-Werbespot zum Einsatz, bei dem eine weiße Dame vor hundert Jahren aus einer Anzeige von einer Litfaßsäule springt und den Zuschauer dann mit durch die Jahrzehnte in unsere Gegenwart nimmt, wobei sich die Frau modisch und von den Frisuren her immer an die neuen Zeiten anpasst.
Daniela Purps: „Die Kreativen haben nicht automatisch ihren Job verloren. Man braucht sie weiterhin – für die Idee, das Markengefühl, die Art Direction und am Ende auch für den Reality Check, ob das fertige Resultat wirklich zur Marke passt.“
Die Brandenburger Marketing-Expertin zeigte auch auf, wie Modemarken KI-Avatare ihrer Models erstellen, um sie dann in virtuellen Welten zu platzieren: „So braucht man keine großen Kamerateams mehr mitsamt dem passenden Equipment um die ganze Welt zu schicken, um das Model in der Wüste zu fotografieren.“ Das spart Zeit und Geld.
Juliane Damian und Tobias Schulze vom Mittelstand-Digital Zentrum Zukunftskultur (www.digitalzentrum-zukunftskultur.de) referierten zum Thema Zahlen, Daten, Fakten und Sicherheit. Sie verwiesen auf eine bitkom-Studio zum Thema „Durchbruch bei Künstlicher Intelligenz“. Allein vom Jahr 2024 auf das Jahr ’25 sei demnach der Einsatz der befragten Unternehmen, die KI einsetzen, von 20 auf 36 Prozent gestiegen. Unsicher seien die zögernden Unternehmen beim Einsatz der KI, wenn es um Fragen zu rechtlichen Hürden, zum Datenschutz oder um ethische Bedenken geht.
Und tatsächlich bewegt sich die KI in einem Raum, dessen rechtliche Leitplanken gerade erst Form annehmen. So verwies Madlen Dietrich vom Werner-von Siemens Centre for Industry and Science e.V. (www.wvsc.berlin) auf drei aktuelle EU-Regelwerke, die den Handlungsrahmen für Firmen gerade komplett verändern. Da gibt es den AI Act als KI-Verordnung, die KI-Systeme nach ihrem Einsatzrisiko bewertet – von „niedrig“ bis „inakzeptabel“. Die NIS-2-Richtlinie verpflichtet zu verschiedenen Maßnahmen, um die Sicherheit im Cyberraum zu stärken. Und der Cyber Resilience Act (CRA) verdonnert die Firmen etwa zu einer umfassenden technischen Dokumentation.
Michael Merscher erklärte noch einmal, wie wichtig es für Firmen ist, sich rechtzeitig mit dem Thema KI auseinanderzusetzen: „Biete ich als Unternehmen keine KI an, dann nutzen die Mitarbeiter mitunter auf eigene Faust selbst KI-Module, sogenannte Schatten-KI, von denen die Firma nichts weiß. Das kann ein großes Problem werden, wenn eine solche KI mit Firmen-Interna gefüttert wird, die von der KI aber sofort zum Training verwendet werden. Diese Daten sind auf einmal öffentlich – und im schlimmsten Fall findet sie der Konkurrent und dreht sich einen Vorteil daraus.“
Nach den vier Vorträgen gab es vor Ort die Möglichkeit, an vier „Arbeitstischen“ mit den Vortragenden ins Gespräch zu kommen, um eigene Ideen einzubringen, Fragen zu stellen und Diskussionen einzuläuten.
Auf der Basis dieser Gespräche soll nun das Programm für die kommenden vier KI-Abende erstellt werden, die auch im Foyer der Stadthalle stattfinden. (Text/Fotos: CS)
Dieser Artikel stammt aus „Unser Havelland“ Ausgabe 240 (3/2026).
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