Reform der Pappe: Falkenseer Fahrlehrer protestieren gegen Führerscheinreform!
Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder hat im Oktober ’25 die Parole „Bezahlbarer Führerschein“ ausgegeben – und eine Führerscheinreform in Aussicht gestellt. Nun kommt es zum „Schnieder-Effekt“: Die Fahrschüler warten in aller Ruhe ab, wie die Reform wohl umgesetzt wird, und die Fahrschulen verzeichnen eine deutlich sinkende Nachfrage. Die Fahrlehrer bemängeln auch, im Verfahren nicht gehört zu werden. Sie befürchten eine Reform zulasten der Verkehrssicherheit und der Ausbildungsqualität. Am 29. Januar protestierten sie deswegen vor dem Landtag in Potsdam.
In Deutschland soll es zu einer großen Führerscheinreform kommen. Bislang gibt es aber nur ein Eckpunktepapier aus dem Bundesverkehrsministerium, das den Titel „Bezahlbarer Führerschein“ trägt.
Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder ist es ein Dorn im Auge, dass ein Pkw-Führerschein der Klasse B derzeit im Durchschnitt etwa 3.400 Euro kostet. Das sind Gelder, die nicht jede Familie stemmen kann, um dem eigenen Nachwuchs eine Fahrerlaubnis auf Deutschlands Straßen zu sichern. Patrick Schnieder: „Mobilität darf kein Privileg sein. Mit unseren Reformvorschlägen machen wir den Weg zum Führerschein einfacher und bezahlbarer.“
Leider hat allein die Ankündigung, dass der Führerschein vielleicht günstiger werden könnte, dafür gesorgt, dass viele angehende Fahrschüler den Wunsch, den Führerschein zu erwerben, nun hinauszögern – und lieber abwarten. Das ist der sogenannte „Schnieder-Effekt“. Auf einmal verzeichnen die Fahrschulen deutlich weniger Nachfrage – und viele Fahrlehrer sind nicht länger ausgelastet: Sie drehen Däumchen. Das ist ein krasser Unterschied zur Situation im letzten Sommer, wo es nicht besonders einfach war, Termine für neue Fahrstunden zu ergattern.
Mit der Gesamtsituation alles andere als zufrieden sind auch Mareike Beckmann (43) als stellvertretende Geschäftsführerin der 1990 gegründeten Falkenseer Fahrschule Beckmann (www.fahrschule-beckmann.de) und Dietmar „Diddi“ Kliche (57) von der Falkenseer Fahrschule Kliche (www.fahrschule-kliche.de), die ebenfalls 1990 ins Leben gerufen wurde. Beide führen die Fahrschule bereits in zweiter Generation.
Bei einem Treffen in der Redaktion sagte Mareike Beckmann auch als Vertretung des Fahrlehrer-Verbandes Land Brandenburg e.V.: „Unser Problem ist die Pressekonferenz vom 16. Oktober 2025. Verkehrsminister Patrick Schnieder hat unsere Fahrschulbranche mit seinem Eckpunktepapier regelrecht aus der Bahn geworfen. Wir wussten im Vorfeld von nichts. Es wurde kein Fahrlehrerverband vorab informiert, es fanden keine Absprachen statt, wir wurden komplett überrascht. Überrascht haben uns auch die Strategien, mit denen der Minister die Kosten für den Führerschein in Zukunft senken möchte.“
Dietmar Kliche: „Auf diese Ankündigung hin sind die Fahrschüler deutlich zurückhaltender geworden. Die Anmeldezahlen sind rückläufig, weil viele nun abwarten möchten, ob der Führerschein wirklich günstiger wird. Zum Teil war ja bereits von rückläufigen Zahlen zwischen 25 und 30 Prozent die Rede. Das kann ich so in dieser Höhe nicht bestätigen, da das Geschäft in den Fahrschulen per se im Dezember und Januar etwas schlechter läuft. Aber bemerkbar ist der Effekt auf jeden Fall.“
Mareike Beckmann: „Der Schnieder-Effekt ist übrigens auch im LKW-Bereich spürbar, da die Zugangsvoraussetzungen auch dort entbürokratisiert werden sollen. Das führt dazu, dass die Arbeitsagenturen zurückhaltender geworden sind, wenn es darum geht, einen LKW-Führerschein zu finanzieren. Wir von der Fahrschule Beckmann sehen ein großes Problem darin, dass ein günstigerer Führerschein versprochen wird, es aber kein konkretes Datum gibt. In der großen Politik kann es durchaus noch zehn Jahre dauern, bis alles auf den Weg gebracht wurde.“
Im Eckpunktepapier der Regierung stehen schon sehr konkrete Ideen. Bei vielen Ideen sehen die Fahrlehrer aber entweder eine Reform zulasten der Verkehrssicherheit oder eine Reduzierung bei den Standards der Ausbildungsqualität. Die Brandenburger Fahrlehrerschaft hat deswegen ein „Positionspapier zur Reform der Fahrschulausbildung“ vorgelegt. Der Tenor? „Reform – Ja, Risiko – Nein.“
Eine Idee der Regierung ist es etwa, eine Laienausbildung einzuführen. So könnten die Eltern mit den Kindern, die noch keinen Führerschein haben, in eigener Regie im Familienauto das Fahren üben, um auf diese Weise kostenpflichtige Stunden beim Fahrlehrer zu sparen.
Mareike Beckmann: „Österreich ist hier ein Vorreiter und setzt das bereits in Teilen um. Wir haben allerdings große Sicherheitsbedenken, weil es beim privaten Fahrzeug keine Bremspedale im Beifahrerraum gibt, der Beifahrer also nicht aktiv eingreifen kann, falls die Situation brenzlich wird. Und wie sieht die Haftungssituation aus, wenn es in dieser Phase der Ausbildung zu einem Unfall kommt? Das dürfte zu weiteren Erhöhungen bei den Fahrzeugversicherungen führen. Man muss auch immer bedenken, dass wir Fahrlehrer nicht nur das Bremspedal benutzen können, sondern auch eine fachliche und pädagogische Ausbildung haben. Wir haben wirklich lange die Schulbank gedrückt und fünf Prüfungen abgelegt, um überhaupt Fahrschüler ausbilden zu dürfen. Das aufzuweichen, halten wir für fahrlässig.“
Die Reform sieht es außerdem vor, den Präsenzunterricht für die theoretische Führerscheinprüfung auszusetzen, sodass die Fahrschüler Zuhause lernen können und in der Fahrschule nur noch die Prüfung ablegen. So könnten die Fahrschulen auch Räumlichkeiten einsparen.
Dietmar Kliche: „Wir müssen ganz klar sagen, dass der Fragenkatalog für die theoretische Prüfung viel zu umfangreich ist. Hier sehen wir selbst Raum für Reformen. 1.200 Fragen sind zurzeit zu beantworten, da geht es auch um die Assistenzsysteme und um E-Autos, was ja auch wichtig ist. Die ganzen technischen Fragen dazu, was unter der Motorhaube passiert, könnte man sich aber gerne schenken.“
Mareike Beckmann: „Wenn die Schüler die theoretischen Fragen nur online üben, bringt das durchaus auch Nachteile mit sich. So können sie keine Fragen stellen, falls sie eine bestimmte Situation im Straßenverkehr nicht verstehen. Auch gibt es bestimmte Themen, die mir als Fahrlehrerin ganz besonders wichtig sind, sodass ich den theoretischen Unterricht gern nutze, um das gezielt in die Köpfe der Schüler zu bringen. Aber wir sind hier durchaus kompromissbereit. Man könnte einen Teil der Fragen, in denen es vor allem um Zahlen und Fakten geht, per App in die Köpfe der Schüler bringen. Und so die Präsenzzeit in der Fahrschule reduzieren.“
Außerdem sollen in Zukunft die Sonderfahrten reduziert oder gestrichen werden, um die Kosten zu senken.
Dietmar Kliche: „Das sind gesetzlich vorgeschriebene Fahrten. Dabei geht es um die Nachtfahrten, die Stadtfahrten und um die Fahrten auf der Autobahn. Sie sollen bald teilweise auf dem Simulator durchgeführt werden. Was auch bedeuten würde, dass sich die Fahrschulen einen 30. bis 50.000 Euro teuren Simulator anschaffen müssten.“
Mareike Beckmann: „Der Simulator kann eine Fahrt in echt nicht ersetzen. Im echten Straßenverkehr muss man sich etwa auf der Autobahn an einer endlosen Schlange LKWs vorbei in den Verkehr einfädeln, man fährt plötzlich in eine Nebelwand hinein oder erlebt Situationen, die der Simulator gar nicht kennt. Der Simulator ist wie ein Videospiel. Die Fahrt im echten Auto ist völlig anders, da darf man sich keine Fehler erlauben, da kickt das Adrenalin ganz anders. Ich möchte im Verkehr niemanden vor oder hinter mir haben, der das Autobahnfahren oder die Nachtfahrten bislang nur im Simulator geübt hat. Zumal wir in Europa das einzige Land sind, in der man auf der Autobahn oft mit unbegrenzter Geschwindigkeit fahren darf.“
Dietmar Kliche: „Was man gut auf dem Simulator üben kann, ist das Schalten. Keine Frage.“
Mareike Beckmann: „Wir haben ja eh schon viel zu wenig Zeit bei den Sonderfahrten. Aber ich muss den Fahrschülern doch auf der Autobahn zeigen, wie groß die Sicherheitsabstände sein müssen und welche Kräfte bei einer abrupten Bremsung wirken.“
Im Gespräch ist auch eine Verkürzung der Prüfungszeit.
Mareike Beckmann: „Dieser Punkt ist in unseren Augen recht seltsam. Denn tatsächlich geht es darum, die praktische Prüfung von 30 Minuten auf 25 zu reduzieren. Wir reden hier also von fünf Minuten. Wir Fahrlehrer sagen, dass wir diese Zeit schon brauchen, um alle Aspekte des sicheren Fahrens abzuprüfen. Da ist ja sehr vieles neu dazugekommen, so etwa die Abfrage der Assistenzsysteme. Eine Reduzierung um fünf Minuten wird aber nichts an den Kosten ändern. Die Kosten für die Prüfung werden auch nicht von uns erhoben, sondern von der DEKRA oder der Organisation, die den Prüfer schickt.“
Aufgrund der verschiedenen Unstimmigkeiten der Fahrlehrer mit dem Konzept der Regierung kam es nun am 29. Januar zur großen Demonstration vor dem Potsdamer Landtag. Der Fahrlehrer-Verband Land Brandenburg e.V. mahnt eine Schmalspur-Ausbildung an und fürchtet eine schlechtere Verkehrssicherheit.
Mareike Beckmann: „Wir Fahrschulen und Fahrlehrer möchten in erster Linie gehört werden. Uns hat bislang noch niemand gefragt, wie wir zu der geplanten Reform stehen. Es ist auch nicht mehr viel Zeit, bis die geplante Reform abgesegnet und dann geltendes Recht wird. Wir möchten gern erreichen, dass der Bundesvorstand der Fahrlehrerverbände vorsprechen darf und seine Bedenken äußern kann. Wir würden gern mit argumentieren, welche Ideen sinnvoll sind und welche nicht. Wir wünschen uns eine Zusammenarbeit, die leider momentan noch nicht stattfindet.“
Dietmar Kliche: „Bislang ist das Reformpapier eine reine politische Entscheidung. Aber wir Fahrlehrer, wir sind doch seit vielen Jahren täglich mit den Schülern auf der Straße. Wir können am ehesten abschätzen, wo und wie man die Ausbildung optimieren, entschlacken und entbürokratisieren kann.“
Eine Reform der Führerscheinausbildung kann nur in Zusammenarbeit mit den Bundesländern umgesetzt werden. Aus diesem Grund spricht der Brandenburger Fahrlehrerverband auch gezielt die Landespolitik an. An eigenen Ideen mangelt es dabei nicht. So wäre es für die Bürger bereits eine große Hilfe, wenn es möglich wäre, die Führerscheinkosten in Zukunft von der Steuer abzusetzen.
Tatsächlich lässt sich aber auch beobachten, dass gerade junge Leute nicht mehr so „heiß“ auf den Führerschein sind wie früher – und sich deswegen auch weniger Mühe beim Lernen und Pauken geben. Der TÜV-Verband gab 2024 bekannt, dass 41 Prozent aller Prüflinge die theoretische Prüfung nicht bestehen. 37 Prozent fallen bei der praktischen Prüfung durch, wenn man die Pkw-Klasse B/BF17 heranzieht. Brandenburg ist dabei das aktuelle Schlusslicht bei der Durchfallquote: 48 Prozent aller Fahrschüler rasseln hier durch die Praxisprüfung: Rekord!
Angesicht dieser horrend hohen Durchfallsquoten müsste eine Reform eigentlich mehr in die Richtung abzielen, die Motivation und Lernbereitschaft der Fahrschüler zu erhöhen, um die Durchfallquoten drastisch zu senken. (Text/Fotos: CS)
Dieser Artikel stammt aus „Unser Havelland“ Ausgabe 239 (2/2026).
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