Ein Dessert zum Abschied: Rike und Christian Lohse ziehen Mitte März von Falkensee nach Zürich!
Da hat Falkensee sich gefreut: Seit Ende 2023 wohnt der bekannte 2-Sterne-Koch Christian Lohse in der Gartenstadt – und lädt Gäste aus aller Welt zu seinem „Lohses Salon“ ein. Vor Ort hat sich der Fernsehkoch immer wieder gern eingebracht – und kannte keinerlei Berührungsängste. Doch inzwischen sind die Koffer wieder gepackt. Rike Lohse hat in Zürich einen äußerst gut dotierten Posten angeboten bekommen: Familie Lohse wandert aus.
In der Küche lässt Rike Lohse gerade vier Teigkugeln für ihr berühmtes Sauerteigbrot in kleinen Schalen unter einem Tuch aufgehen. Christian Lohse versucht die beiden bellenden Dackel Lohsi und Ella unter Kontrolle zu bringen, während er gleichzeitig an einem Teller mit einer süßen Nascherei arbeitet: „Ein Dessert zum Abschied, ein letzter Gruß aus der Küche.“
Nanu? Was ist denn da los? Brechen Rike und Christian Lohse etwa ihre Zelte in Falkensee ab und ziehen weiter? Genau so ist es leider. Am 16. März geht es los. Dann zieht Familie Lohse mit den beiden Hunden nach Zürich in der Schweiz – und wandert aus. Rike Lohse, die ihren Sternekoch in Falkensee geheiratet hat: „Ich arbeite in der Luft- und Raumfahrttechnik und zwar im Bereich der Rüstungs- und Verteidigungsindustrie. Ich habe aus Zürich ein Angebot bekommen, das ich unmöglich ablehnen kann. Dabei geht es um das Thema Drohnenabwehr. Ich finde es ganz toll, dass Christian sofort gesagt hat: Dann ziehen wir eben alle nach Zürich.“
Christian Lohse (58), der aus Bad Oeynhausen stammt, sich mehrmals zwei Sterne erkocht hat und zuletzt das „Fischers Fritz“ im Berliner Regency-Hotel geleitet hat, ist im Havelland sehr schnell heimisch geworden. Er hat auf dem 30-jährigen „Geburtstag“ vom Landkreis Havelland in Ribbeck gekocht, hat zusammen mit Edmund und Hans-Peter Wodarz den Abend „Sterne über Falkensee“ im Hexenhaus mit bestritten und zuletzt mehrere 3-Gänge-Menüs in der „Überschaubar“ vom EDEKA-Zukunftsmarkt in Nauen ausgerichtet. Er ist sehr nahbar, spricht mit den Leuten und zeigt Interesse an seinen Mitmenschen: „Ich habe auch nach 32 Jahren in der Gastronomie die Freude am Menschen nicht verloren.“
Nach Corona sind allerdings die XXL-Caterings der großen Firmen weggebrochen (Lohse: „Die Konzerne lassen jetzt intern kochen und geben die Aufträge nicht mehr nach draußen“). Auch die früheren Beratungen für Restaurants, Hotels oder die Systemgastronomie sind flachgefallen (Lohse: „Dafür ist kein Budget mehr da.“) Auch die eigene Firma „Lohses Soßen“ ruht zurzeit: „Deutschland ist noch nicht bereit, den Preis zu bezahlen, den ich für die Soßen bei diesem Qualitätsstandard verlangen muss. Wir müssten 9,99 Euro pro Glas bekommen. Das ist in den USA ganz normal, hier sind wir noch weit davon entfernt.“
Und so hat sich Christian Lohse in den letzten Monaten ganz auf seinen „1a Lohses Salon“ (www.derlohse.de) konzentriert, der bei ihm Zuhause in seinem Falkenseer Haus stattfinden kann – nur einen Katzensprung von der Fleischerei Gädecke entfernt. Frei nach dem Motto „Sternekoch privat erleben“ können bis zu zehn Gäste einen ganz besonderen Abend im Salon verbringen – bei einem exzellenten Menü und perfekt darauf abgestimmter Weinbegleitung.
Ist es nicht ein finanzielles Risiko, den gut eingeführten Salon nun aufzugeben? Christian Lohse: „Nein, ist es nicht. Wir hatten tolle Salons hier in Falkensee. Es waren schöne Abende mit sehr guten Begegnungen mit interessanten Menschen. Wir haben aber auch festgestellt, dass das Havelland keine Gegend ist für unsere hochpreisige Art der Gastronomie. Wir haben jetzt ein Fazit gezogen und eine Auswertung gemacht. Dabei kam heraus, dass wir von etwa einhundert Salons nur zehn in Falkensee abgehalten haben und 90 auf Reisen. Wir werden oft zu den Leuten nach Hause bestellt. Die haben dann die Anreise und das Hotel bezahlt und wir haben für sie gekocht und ihnen einen schönen Abend bereitet. Allein im letzten Jahr sind wir so ganze 160.000 Kilometer kreuz und quer durch ganz Deutschland gefahren. Wir waren aber auch in Belgien, in der Schweiz, in Luxemburg und sogar an der Côte D’Azur in Frankreich. Dabei haben wir einmal mehr festgestellt, dass viele Gäste mit einem gewissen finanziellen Hintergrund nicht mehr länger in der Öffentlichkeit stehen möchten. Sie möchten ihren Salon-Abend am liebsten komplett privat halten – in den eigenen vier Wänden. Da laden sie gerne Gäste ein, bleiben aber trotzdem unter sich. Aus vielen Salon-Abenden sind Folgetermine etwa für Kochkurse erwachsen. So haben wir uns in ganz Europa eine sehr gute Klientel aufgebaut und wirklich spannende, interessante und tolle Menschen kennengelernt. Insofern kann ich sagen: Für diese mobile Art und Weise unseres Salons ist es völlig egal, ob wir nun in Falkensee oder in Zürich wohnen. Tatsächlich planen wir aber bereits, den Salon auch in unserem Züricher Zuhause wieder aufleben zu lassen.“
Wie hat sich für den Sternekoch eigentlich das Leben in Berlin und im Havelland voneinander unterschieden? Christian Lohse: „In Berlin habe ich eigentlich nur gearbeitet und gar nicht wirklich gelebt. Aber mein Weg nach Hause führte immer an zwei Stammbars vorbei, das war natürlich fatal. Brandenburg ist für mich ganz anders: Da kann man den Schlüssel draußen in der Tür stecken lassen und nix passiert. Wir haben auch das große Glück gehabt, dass wir tolle Nachbarn haben. Der Nachbar links hat uns mit Obst und Gemüse versorgt, der Nachbar rechts hat zwei Mirabellenbäume, die wir bewirtschaften dürfen. Da ist viel Miteinander, man hilft sich, das macht Spaß. Falkensee hat auch einen tollen Fleischer, gleich um die Ecke. Ansonsten ist hier aber tote Hose. Das ist nichts Schlechtes. Das hat sehr gut zu unserer Lebensweise gepasst. Berlin ist mir inzwischen zu dreckig, zu rüde, zu schnell, zu laut. Lautstärke konnte ich noch nie gut vertragen. In Falkensee kochen wir gern selbst, genießen die Ruhe und machen es uns gemütlich. Ja, genau so kann man es sagen: Wir machen es uns gemütlich.“
Aber jetzt geht es eben doch weiter nach Zürich. Beziehungsweise in einen kleinen Ort gleich neben Zürich. Christian Lohse: „Ich habe mich da bereits umgesehen. Acht Restaurants hat es da in der Nachbarschaft. Mittags und abends geöffnet. Das klingt doch toll, da werden wir uns bestimmt wohlfühlen. Von Zürich aus erreichen wir auch ganz leicht unsere Klientel südlich der Main-Linie, da wohnen die meisten unserer Kunden. Man geht eben dahin, wo man sein Geld verdienen kann. Das ist das Leben der Reisenden.“
Die Lohses können es sich auch vorstellen, dass es für beide die letzte Station in ihrem Leben werden könnte. Beide haben bereits in vielen Orten in Deutschland gewohnt und gearbeitet – bei Christian Lohse waren es noch deutlich mehr als bei seiner Frau: „Ich finde es ganz toll, dass ich mit 58 Jahren diesen Schritt gehen kann, um an einem neuen Ort noch einmal in der allerhöchsten Qualität anzugreifen. Zürich könnte aber auch unsere letzte Adresse werden. Interessanterweise ist mein Ruf als Zwei-Sterne-Koch in der Schweiz deutlich besser als im eigenen Land. Das ist ein Bonus, den ich gerne mitnehme.“
Im Falkenseer Haus der Lohses, das nun auf eBay Kleinanzeigen zum Verkauf steht, gibt es eine weiße Tür zu einem Abstellraum, auf der alle Gäste des Salons mit ihrem Namen unterschrieben haben. Christian Lohse lacht sein brummig-vergnügtes Lachen: „Die Tür ist voll, jetzt verlassen wir Falkensee.“
Nach mehreren Interviews war das die Idee von Christian Lohse zum letzten offiziellen Gespräch mit „Unser Havelland“: „Ein Dessert zum Abschied. Ein letzter Teller.“ – Es gab einen karamellisierten Blätterteig mit einem glasiertem Topazapfel, Vanilleschmand und Marillensaft. Für den Blätterteig war wie immer Rike Lohse verantwortlich, die im Backen ihre Passion sieht und auch immer für das legendär leckere Sauerteigbrot bei den Salons verantwortlich zeichnet.
Nach diesem letzten gemeinsamen Essen also unsere besten Wünsche für die Zukunft: Liebe Rike, lieber Christian, schön, dass ihr im Havelland wart – und alles Gute für die Zeit in Zürich. (Text/Fotos: CS)
Dieser Artikel stammt aus „Unser Havelland“ Ausgabe 239 (2/2026).
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