Wehrpflicht? Nein Danke! Schüler in Falkensee demonstrierten gegen den Wehrdienst!
Am 5. Dezember hat der Deutsche Bundestag eine Reform des Wehrdienstes beschlossen. Ziel ist es, die Anzahl der aktiven Soldaten im Land deutlich zu erhöhen – etwa mit Hilfe eines Umfragebogens und einer neuen Pflicht zur Musterung. Die Schüler fühlen sich in der gesamten Diskussion übergangen und nicht gehört. Sie gingen deswegen am gleichen Tag auf die Straße, um zu protestieren – auch in Falkensee.
Morgens um zehn Uhr in Deutschland. Vor dem Vicco-von-Bülow-Gymnasium stehen an die 150 Schülerinnen und Schüler. Sie schwänzen bewusst die Schule, um ihrer Wut Ausdruck zu verleihen. Sie protestieren gegen die neue Reform des Wehrdienstes, die am 5. Dezember zeitgleich im Bundestag beschlossen wurde.
Was war passiert? Dank einer zunehmend aggressiver gestimmten politischen Weltlage und vor allem aufgrund der anhaltenden russischen Militär-Offensive gegen die Ukraine stellt die Politik in Deutschland fest, dass die Bundeswehr in den letzten Jahren sträflich vernachlässigt wurde. Sie muss dringend verstärkt und modernisiert werden, um etwa im Fall eines Angriffs auf ein Mitgliedsland der NATO relevant eingriffsfähig zu sein.
Am 5. Dezember wurde deswegen eine Reform des Wehrdienstes beschlossen. Die Kernpunkte sind diese: Ein zunächst noch freiwilliger Wehrdienst soll kommen, damit die Bundeswehr bis 2035 von 183.000 aktiven Soldaten auf 270.000 wachsen kann. Ab 2026 sollen alle 18-jährigen Männer und Frauen (ab Jahrgang 2008) einen Fragebogen erhalten, der online auszufüllen ist. Männer müssen ihn ausfüllen, Frauen „dürfen“. Hier werden Fragen wie „Wollen Sie dienen?“ gestellt.
Ab dem 1. Juli 2027 werden alle Männer eines Jahrgangs verpflichtend zu einer Musterung geladen. Das sind etwa 300.000 18-jährige Männer eines Jahrgangs. Die Bundeswehr möchte geeigneten Kandidaten ein Angebot machen – für einen freiwilligen Dienst als Soldat, der sechs Monate dauern soll. Dieses Angebot kann abgelehnt werden. Frauen werden NICHT gemustert, weil dies bislang noch vom Grundgesetz verboten wird. Das gibt vor, dass nur Männer zum Soldatendienst verpflichtet werden können.
Wer sich als Soldat verpflichtet, bekommt neben freier Kost und Logis mehr Sold (2.600 Euro brutto statt 1.800). Wer ein ganzes Jahr lang in der Bundeswehr bleibt, erhält noch mehr Geld – und außerdem einen Führerscheinzuschuss (3.500 Euro für den PKW, 5.000 Euro für LKW).
Sollten sich NICHT genügend Freiwillige melden, kann der Bundestag eine sogenannte Bedarfswehrpflicht einführen. Dafür müsste die 2011 nur ausgesetzte Wehrpflicht wieder reaktiviert werden. Im Rahmen einer Pflicht-Lotterie könnte dann das Los entscheiden, welche der als tauglich gemusterten Jugendlichen eingezogen werden.
Eben diese Jugendlichen, über die nun entschieden wird, sind mit der Änderung des Wehrdienstes mitunter alles andere als einverstanden. Viele von ihnen nutzten den 5. Dezember in ganz Deutschland, um zu einem „Schulstreik gegen Wehrpflicht“ aufzurufen. Sie gingen überall im Land auf die Straße.
Und so eben auch in Falkensee. Jona Wysterski (18) vom Vicco-von-Bülow-Gymnasium gehörte zu denen, die den Unterricht sausen ließen, um in eigener Sache zu protestieren: „Wir lassen uns nicht einfach herumkommandieren. Unsere Meinung wird komplett ignoriert und das akzeptieren wir nicht. Wir haben ein Recht auf Mitbestimmung. Vor allem, weil es ja unsere Zukunft ist und nicht die eines Rentners. Die gehen ja nicht mehr an die Front, sondern wir. Wir zeigen deswegen einen großen Mittelfinger an alle Leute, die jetzt wirklich denken, dass wir für die Rentner unser Blut vergießen.“
Warum findet die Demo eigentlich während der Schulzeit statt und nicht nach Schulschluss? Jona Wysterski: „Eine normale Demo nach der Schule bekommt überhaupt keine Aufmerksamkeit. Das ist in gewisser Weise schon eine Provokation. Wir sind alle hier im Bewusstsein, dass eine Schulpflicht existiert, und wir sind auch bereit, diese Fehlstunde in Kauf zu nehmen und weitere Konsequenzen zu tragen. Es sind Leute mit dabei, die bekommen nun null Punkte auf eine Klausur, weil sie mit auf der Demo sind.“
Auf Nachfrage erzählen die Schüler, dass das Thema Wehrpflicht im aktuellen Unterricht der Schulen nicht behandelt wird – und das höchstens darüber gesprochen wurde, was passiert, wenn die Schüler zur Demo gehen und ihrer gesetzlichen Schulpflicht nicht nachkommen.
Haben die Schüler selbst Angst vor der Zukunft? Jona Wysterski: „Natürlich. Wie kann man denn gerade keine Zukunftsangst haben? Jeden Morgen wache ich auf, schaue auf mein Handy und sehe fünf neue Nachrichten, die schrecklich sind. Russland gegen die Ukraine, der Gaza-Konflikt, die Wirtschaft ist im Arsch, die Bildung wird gekürzt. Es kann aber auch nicht sein, dass wir das alles einfach nur hinnehmen und akzeptieren. Wir wehren uns – im Rahmen des Gesetzes – so gut, wie wir es eben können.“
Vor dem Vicco-von-Bülow-Gymnasium wurden mehrere Reden gehalten – auch von noch minderjährigen Schülern, die anonym bleiben wollen: „Während Friedrich Merz seinen morgendlichen Kaffee genießt, sitzen wir im Schützengraben und bangen um unser Leben.“ Und: „Deutschland, du kannst keinen Krieg gewinnen.“
Unter Polizeibegleitung brach der Zug der demonstrierenden Schüler auf zum Lise-Meitner-Gymnasium und anschließend zur Gesamtschule Immanuel Kant.
Mit vor Ort war als Beobachter auch Marius Miethig (23) – als Koordinator des Jugendforums in Falkensee: „Zu mir kommen zurzeit sehr viele Jugendliche, weil sie einen enormen Redebedarf haben. Das war damals genauso, als es die Friday for Future Demos in Falkensee gegeben hat. Fridays for Future – das war aber politischer Aktivismus. Man wollte ein Zeichen setzen und sich für dieses wichtige Thema einsetzen. Jetzt ist die Situation anders. Jetzt bemerke ich viel weniger Aktivismus, sondern echte Angst. Die Jugendlichen haben Angst vor einem Krieg und wollen nicht dafür sterben. Oft rede ich mit einzelnen Jugendlichen zwei, drei Stunden lang – und höre mir alles an. Sie brauchen das Gefühl, gehört zu werden. Weil die Politik ihnen aktuell eben leider nicht zuhört.“
Die Bilder der Falkenseer Schüler-Demo, auf dem Facebook-Account von „Unser Havelland“ veröffentlicht, erzielten allein über das erste Wochenende 620.000 Abrufe und über 4.000 Kommentare. In den Kommentaren wurde klar, dass ein echtes Zerwürfnis der Generationen zu beklagen ist. Die Älteren zeigten sich wenig verständnisvoll. Der Tenor: Die Jugendlichen sollen sich nicht so anstellen, der Wehrdienst habe ihnen selbst damals auch nicht geschadet. Und wer sonst soll Deutschland verteidigen, wenn der Russe einmal vor der Tür steht? (Text/Fotos: CS)
Redaktioneller Kommentar
Besser machen
Wo sind denn Deutschlands schöne Zeiten hin? Es ist doch gefühlt noch gar nicht so lange her, dass die Welt noch halbwegs im Gleichklang schwang. Alle durchgeknallten Despoten waren gefühlt ganz weit weg, die Steuereinnahmen sprudelten wie verrückt und die Arbeitgeber suchten verzweifelt und ohne Blick aufs Zeugnis nach jedem halbwegs willigen Arbeitnehmer. Die Bundeswehr war eigentlich nur dafür da, ab und an ein paar Soldaten für Friedensmissionen ins Ausland zu schicken.
Jetzt sind wir aufgewacht und leben plötzlich in anderen Zeiten. Auf der ganzen Welt drehen die Despoten durch, als hätten sie alle die falschen Pillen eingeworfen. Mitten in Europa explodieren Bomben und der Konflikt zwischen Russland und der angegriffenen Ukraine droht immer wieder, auf NATO-Gebiet zu eskalieren. Zugleich sind wir in Deutschland in einer Rezession gefangen, täglich gehen große Firmen pleite, es ist für gar nichts mehr Geld da – und Deutschland stellt sich auf einmal der bitteren Tatsache, dass die Bundeswehr über Jahre hinweg sträflich vernachlässigt wurde.
Nun werden ganz schnell Nägel mit Köpfen gemacht – und die Jugendlichen, die in der Gewissheit aufgewachsen sind, dass die Bundeswehr in ihrem Leben keine Rolle spielt, sollen plötzlich gemustert werden. Über allem steht „noch“ der Begriff der Freiwilligkeit. Aber wir alle haben gelernt: Die Versprechen der Politiker haben eine kurze Halbwertszeit. Wer heute gemustert wird, kann morgen plötzlich einen Helm aufhaben.
Und ich frage mich einmal mehr, liebe Bundesregierung: Kann man das alles nicht ein wenig feinfühliger angehen? In jedem kommunalen Projekt muss es inzwischen Beteiligungsrunden mit der Bevölkerung geben. Warum macht man solche Runden nicht auch zum Thema Bundeswehr, um die Jugendlichen vorab mit ins Boot zu holen? Wer denkt sich stattdessen einen völlig ungerechten Schabernack wie ein Losverfahren für den Fall aus, dass sich nicht genügend Freiwillige finden? Und wie kann man im Zeitalter der in allen Bereich durchgesetzten Gleichberechtigung die Frauen ausgerechnet hier einfach außen vor lassen?
Meine Idee wäre: Ein verpflichtendes halbes Jahr für Männer und Frauen nach der Schule, wahlweise in der Bundeswehr ODER in einem sozialen Bereich wie etwa der Altenpflege. Und damit es gerecht zugeht, müssten alle Älteren, die bislang noch nie gemustert wurden, sich ein halbes Jahr im Ruhestand für die Gemeinschaft zur Verfügung stellen. Bei einem ehrenamtlichen Projekt ihrer Wahl. (Carsten Scheibe)
Dieser Artikel stammt aus „Unser Havelland“ Ausgabe 238 (1/2026).
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