Auf Vogelbeobachtung in der Döberitzer Heide!
Der Winter ist da. Die Temperaturen fallen, die Bäume und Büsche tragen keine Früchte mehr – und viele Vögel sind in den warmen Süden weitergezogen. Aber wer bleibt? Oder noch spannender: Wer kommt? Dr. Hannes Petrischak, in der Heinz Sielmann Stiftung für den Bereich Naturschutz verantwortlich, kennt sich aus und erklärt, welche Vögel man auch in der kalten Jahreszeit in der Döberitzer Heide beobachten kann.
Über den offenen Heiden und Sandrasen der Döberitzer Heide kann man mit etwas Glück im Winter zwei besondere Gäste aus Skandinavien beobachten: Den Raubwürger (Lanius excubitor) und die Kornweihe (Circus cyaneus).
Raubwürger sind die großen Verwandten des Neuntöters (Lanius collurio), der den Winter in Afrika verbringt. Sie sind auffällig grau-schwarz-weiß gefärbt. In Deutschland sind Raubwürger sehr selten, gemäß der Roten Liste gelten sie hierzulande als vom Aussterben bedroht. In der Döberitzer Heide brüten alljährlich sogar ein bis zwei Brutpaare. Im Winter sieht man die Art allerdings häufiger, weil die skandinavischen Raubwürger die kalte Jahreszeit gern in mitteleuropäischen Heidelandschaften verbringen. Sie besetzen hier Winterreviere. Von der Spitze einzeln stehender Bäume und Büsche aus behalten sie die Umgebung im Blick und stürzen sich auf kleine Säugetiere wie Mäuse und auch auf geschwächte Singvögel, die sie mit ihrem kräftigen Schnabel überwältigen. Wer durch die Heide wandert, kann also auf der Suche nach Raubwürgern gezielt die höchstgelegenen Zweige absuchen, am besten mit einem Fernglas. An der schwarzen Räubermaske lassen sich die Vögel gut erkennen.
Manchmal gaukeln über das Offenland auch auffällige Greifvögel in niedrigem Flug. Die Männchen der Kornweihen sind sehr auffällig gefärbt: Ein einheitliches Blaugrau kontrastiert mit schwarzen Handschwingen und einer weißen Körperunterseite. Fänge und Augen stechen gelb hervor. Die Weibchen hingegen sind überwiegend braun gemustert, unterseits auf hellem Grund braun gestrichelt. Im Flug ist der weiße Bürzel sehr auffällig. Im Jugendkleid sind Kornweihen unterseits eher gelblich braun, die Strichelung beschränkt sich überwiegend auf die Brust. Auch die Kornweihe ist in Deutschland aufgrund der großflächigen Zerstörung ihrer Lebensräume, vorwiegend Moore und Heiden, vom Aussterben bedroht. Im Winter kommen allerdings Kornweihen aus Nordosteuropa auch in die brandenburgischen Offenlandschaften und begeben sich hier auf die Jagd.
Zu den faszinierendsten Wintergästen zählen die exotisch anmutenden Seidenschwänze (Bombycilla garrulus), die nur in bestimmten Jahren mit großer Nahrungsknappheit – wenn die Ebereschen keine Vogelbeeren tragen – ihre Heimat in der Taiga verlassen und nach Mitteleuropa aufbrechen. Dabei ziehen sie in Trupps, manchmal in großen Schwärmen, und suchen gezielt Misteln auf, deren weiße Beeren im Winter reif sind. Wenn in Städten und Ortschaften Pappeln, Obstbäume oder Birken mit zahlreichen Misteln besetzt und Seidenschwänze zu Besuch sind, ziehen sie meist morgens von Baum zu Baum und machen sich an die Ernte. Ihr Auftreten sorgt gelegentlich für Aufmerksamkeit in den lokalen Medien, denn die starengroßen Vögel heben sich mit ihren Federhauben und den bunten Flügelmustern von allen heimischen Arten deutlich ab. Mit hohen, „klingelnden“ Rufen halten sie Kontakt. Beeren und Obst locken Seidenschwänze in die Gärten – ausgelegte Äpfel sind sehr beliebt. In früheren Zeiten galt eine solche Invasion als böses Omen: In manchen Regionen wurden Seidenschwänze gar als „Pestvögel“ bezeichnet. Heute zählt ihr massenhaftes Erscheinen zu den herausragenden Höhepunkten im Gartenjahr.
Als einer unserer zutraulichsten Vögel, der meist im Wald, aber auch in Parks und Gärten brütet, gilt das Rotkehlchen (Erithacus rubecula). Im Herbst und Winter nimmt ihre Zahl in den Gärten zu. Das Rotkehlchen ist ein Teilzieher: Während die nord- und osteuropäischen Populationen in Richtung Mittelmeer und Atlantik ziehen, bleiben viele Mitteleuropäer in der Region. Im Winter besuchen sie regelmäßig das Futterhaus. Sie suchen hier nach Weichfutter wie Haferflocken und Rosinen. Am Futterplatz erscheinen Rotkehlchen stets einzeln. Das hat einen Grund: Sie bilden auch im Winter feste Reviere, die sie energisch gegen Artgenossen verteidigen. Folglich hört man sogar in der kalten Jahreszeit den perlenden Reviergesang. In England wird das Rotkehlchen auch als „Weihnachtsvogel“ bezeichnet.
Ständig in Bewegung und geschickt auf den äußersten Zweigspitzen kletternd: Das sind die Schwanzmeisen (Aegithalos caudatus). Ihre Brutreviere liegen in Wäldern und Parks. Sie bauen dort kunstvolle Kugelnester, die sie innen mit Federn polstern und außen mit Flechten verkleiden. Im Winterhalbjahr bilden Schwanzmeisen kleine Trupps, die durch die Gärten streifen, unermüdlich auf der Suche nach Insekteneiern, kleinen Spinnen und ähnlicher Nahrung. Auch Futterhäuser und Meisenknödel suchen sie auf. Der auffallend lange Schwanz dient den kleinen Singvögeln als Balancierstange. Mit ihren hohen, durchdringenden „sisisi“-Rufen machen sie sich weithin bemerkbar. In Schlafgemeinschaften wärmen sie sich nachts gegenseitig. Es lohnt sich sehr, die Schwanzmeisen im Winter genauer anzuschauen, denn es lassen sich zwei Unterarten unterscheiden: Während die mitteleuropäischen Vögel (europaeaus) einen schwarzen Überaugenstreif besitzen, haben die nord- und osteuropäischen Wintergäste (caudatus) ein rein weißes Gesicht.
Der Distelfink oder Stieglitz (Carduelis carduelis) zählt zu den Vögeln, die teils in Mitteleuropa überwintern und teils in die Mittelmeerregion ziehen. Außerhalb der Brutzeit streifen die bunten Vögel in Trupps umher, stets auf der Suche nach Sämereien. Mit ihren spitz zulaufenden Schnäbeln können sie sehr geschickt Samen aus Disteln, Kletten und rund 150 weiteren Pflanzen herauszupfen. Sie profitieren entsprechend von abwechslungsreichen Landschaften mit „unordentlichen“ Flächen. An einer Futterstelle im Garten profitieren sie insbesondere von einer Mischung mit kleinen Samen. Man kann Stieglitze und viele andere Vögel im Garten dadurch fördern, dass man verblühte Kräuter und Stauden zum Winter nicht zurückschneidet, sondern einfach stehen lässt. Hungrige Vögel können der „Ästhetik“ eines winterkahlen Gartens nichts abgewinnen, sondern freuen sich, wenn sie im vertrockneten Pflanzendickicht nach Nahrung suchen können.
In Gesellschaft von Finken und Sperlingen fühlt sich die Goldammer (Emberiza citrinella) im Winter auch an Futterplätzen wohl. In der kalten Jahreszeit zieht es Goldammertrupps aus ihren Brutgebieten in der strukturreichen Offenlandschaft stets auch in Ortschaften und Städte hinein. Ähnlich wie Buchfinken bevorzugen Goldammern die Futtersuche am Boden, wo die Männchen mit ihren leuchtend gelben Köpfen im Schnee besonders hervorstechen und gut sichtbar sind. (Text/Fotos: Hannes Petrischak)
Dieser Artikel stammt aus „Unser Havelland“ Ausgabe 238 (1/2026).
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