Die Brotbotschaft aus Brieselang: Rainer Geissler hat richtig „Bock auf Backen“.
Rainer Geissler hat richtig „Bock auf Backen“. Der Bäckermeister und Bäckereitechniker ist den ganzen Monat über in Deutschland unterwegs, um die noch verbliebenen traditionellen Bäcker zu beraten, was die Produktneuentwicklung und das Marketing anbelangt. Wenn er denn einmal Zuhause in Brieselang ist, öffnet er an wenigen Tagen im Monat seine Brotbotschaft, um selbstgebackene Spezialbrote zu verkaufen. Wer eins der Brote selbst verkosten möchte, muss es zuvor online vorbestellen. Eine ungewöhnliche Verkaufsidee, keine Frage. Aber die Nachfrage ist hoch. (ANZEIGE)
Es ist ein echter Geheimtipp. Eingeweihte Brotfreunde wissen aber genau, wann Rainer Geissler (60) seinen professionellen Backofen anheizt, um sein ganz eigenes Brot zu backen. Nur an bestimmten Tagen öffnet sich in der Brieselanger „Brotbotschaft“ die Eingangstür zu den etwas versteckt gelegenen Gewerberäumen.
Wer ein von Rainer Geissler selbst gebackenes Brieselanger Netzbrot, ein Dinkelrübli, ein Pain Complet Grand Gourmet oder aber einen Schwäbischen Laugenzopf mit Butter haben möchte, muss seine Bestellung bereits vor dem eigentlichen Verkaufstag online auf der Homepage hinterlegt haben. Denn Rainer Geissler backt nicht auf Verdacht, sondern immer genau so viele Brotlaibe, wie seine Kundschaft vorbestellt hat.
Die Nachfrage ist groß, in der Regel muss auch die Frau vom Brot-Maestro bei der Ausgabe helfen, um den Kundenstrom zu handhaben, der im Zeitslot zwischen 15 und 17:30 Uhr in der Backstube einrollt. Dass die frisch aus dem übermannshohen Backofen geholten Brote im Schnitt um die acht Euro kosten, scheint die Kundschaft nicht abzuhalten. Dafür gibt es aber auch das Versprechen, dass die Brote mit den allerbesten Zutaten der Region gebacken wurden.
Um zu verstehen, was den Brotbotschafter überhaupt antreibt und warum die Backstube so selten geöffnet hat, muss man mehr über den Bäcker wissen.
Und zwar: Rainer Geissler stammt aus dem Süden von Deutschland, nämlich aus Baden-Württemberg. 1993 kam er nach Berlin und 1996 ist er nach Brieselang gezogen.
Der gelernte Bäckermeister und Bäckereitechniker sieht die Zeichen der Zeit. Immer mehr kleine Bäckereien müssen schließen, weil sie der Konkurrenz der Industriebackprodukte aus dem Supermarkt nicht mehr standhalten können. Das echte Backhandwerk stirbt langsam aus.
Rainer Geissler: „Ich betreue hauptberuflich Bäckereien in ganz Deutschland und bin da im Bereich der Unternehmensberatung tätig. Das bedeutet, dass ich viele Familienbetriebe besuche, um mit den Bäckern vor Ort über die Entwicklung von neuen Konzepten, über die Erfindung von neuen Backrezepten und auch über ein modernes Marketing zu sprechen. Das ist oft nötig, damit die Backstuben nicht einfach morgen vom Markt verschwinden und sich rechtzeitig eine neue Überlebenschance erarbeiten können. Da geht es um fachliche und auch um betriebswirtschaftliche Aspekte. Wir sprechen darüber, wie man Arbeitsabläufe effizienter gestaltet, wie viel Personal man wirklich benötigt oder wie sinnvoll es ist, neue Technologien auszuprobieren. Viele Bäcker sind leider nicht mit der Zeit gegangen.“
Nun hat Rainer Geissler aber gerade seinen 60. Geburtstag gefeiert. Und denkt darüber nach, wie es für ihn weitergeht: „Ich trage mich langsam mit dem Gedanken, nicht mehr ganz so viel in Deutschland zu reisen. Ich möchte also etwas ruhiger treten. Ich liebe aber das Bäckerhandwerk. Also habe ich mir gedacht, dass ich mir, sobald ich eine gewisse Altersstruktur erreicht habe, eine doch etwas regionalere Beschäftigung suche.“
Nun hat er sich in einem Gewerbehaus in Brieselang, in dem auch eine Kosmetikerin und eine Reiki-Physiotherapie zu finden sind, eine eigene professionelle Backstube eingerichtet.
Rainer Geissler: „Ich biete als Botschafter für unser Brot Backkurse an, weil ich das Bäckerhandwerk so liebe. Denn Brot ist für mich mehr als nur ein Lebensmittel. Es ist Handwerk, Tradition, Kreativität – und eine Botschaft: Brot ist Zeit, Wertschätzung und ein echter Genuss. Ich möchte, um diese Brotkunst zu erhalten, mein Wissen und Know-How aus 40 Jahren vermitteln und zwar an Menschen, die gern lernen möchten, wie man Brot backt. Außerdem möchte ich neue Produkte ausprobieren. Die Kurse finden immer alle 14 Tage mittwochs oder nach Vereinbarung statt. Zeitlich ist man dabei von 9 bis 17 Uhr eingebunden. Wir haben vor Ort einen Ofen, zwei Knetmaschinen und eine große Arbeitsfläche. Es ist alles da, was wir brauchen.“
Die Brotbotschaft ist noch so neu, dass die Homepage noch ganz lecker duftet, wenn man sie aufruft: Erst seit Februar ’25 gibt es die Möglichkeit, sich in Brieselang zum Kenner toller Backrezepte ausbilden zu lassen. Die angebotenen Backkurse haben Themen wie „Grundkurs Brotbacken“, „Hefeteig-Gebäcke“ oder „schwäbisches Laugengebäck“.
Wer den Teig nicht selbst kneten, sondern ihn nur fertig ausgebacken verknuspern möchte, achtet auf die „Backtage“, die in der Brotbotschaft ausgerufen werden – ebenfalls an einem Freitag. Der nächste Backtag steht für den 9. Januar im Kalender. Die Bestellungen, die die Kunden aufgeben, müssen bis Mittwochabend eingegangen sein. Wer also ein Brieselanger Nussbrot oder einen Delikatess -Butterbrioche-Zopf haben möchte, muss rechtzeitig klicken. In der Regel werden pro Backtag immer acht bis neun verschiedene Produkte angeboten, manchmal kommen passend zur Jahreszeit auch noch Extras wie Zimtschnecken oder ein Glühweinkuchen dazu.
Rainer Geissler: „Ich probiere beim Backen gern Neues aus. Etwa den Brieselanger Dorflaib. Das ist im Grunde genommen ein schwäbisches Netzbrot, das kennt man hier gar nicht. Das hat eine knackige Kruste, ist innen ganz weich – und es hält auch sehr lange. Oder das Grand Gourmet. Das ist ein Vollkornbrot, da wird der Sauerteig mit Quell- und Vorteig über drei Tage zur Reifung gebracht. Am Ende landet der Teig für 12 bis 16 Stunden in der Kühlung und wird dann erst ausgebacken. Die lange Teigruhe sorgt dafür, dass das Brot viel bekömmlicher ist. Und ich bekomme so noch einen anderen Geschmack ins Brot. Als nächstes möchte ich gern ein Sylter Weißbrot ausprobieren.“
Da es die Backtage im Schnitt nur zwei Mal im Monat gibt, kaufen viele Kunden gleich mehrere Brote ein – und frieren einige Laibe ein. Rainer Geissler: „Wenn man es braucht, kommt es noch einmal kurz in den Ofen und zack, hast du ein tolles Brot.“
Im Schnitt verkauft die Brotbotschaft seine Brote bereits im dreistelligen Bereich pro Monat. ist der Bäckermeister zufrieden mit der Nachfrage? Rainer Geissler: „Auf jeden Fall. Für mich ist das Brotbacken zugleich Berufung und Leidenschaft. Und man lernt so viele nette Leute kennen, die ich sonst, obwohl ich schon fast dreißig Jahre in Brieselang wohne, wohl nie getroffen hätte.“
Wenn man so viel Brot backt, kann man es dann selbst noch essen? Rainer Geissler: „Ja, unbedingt. Aber ich bin auch selbst mein größter Kritiker – und überlege ständig, was man noch verbessern könnte.“ (Text/Fotos: CS)
Info: Geissler Bäckereiberatungs GmbH, Rainer Geissler, Lange Straße 34b, 14656 Brieselang, www.backkurse-brotbotschaft.de
Dieser Artikel stammt aus „Unser Havelland“ Ausgabe 238 (1/2026).
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