Der Warzenbeißer ist das Insekt des Jahres 2026!
Es gibt immer weniger Insekten auf der Welt. Um auf die Bedrohung der sechsbeinigen Insektenwelt und auf die besondere Variabilität der vielen Arten hinzuweisen, wird in jedem Jahr ein neues Insekt des Jahres gekürt. Für das Jahr 2026 steht nun der Warzenbeißer im Zentrum der Aufmerksamkeit. Die Langfühlerheuschrecke ist übrigens auch im Havelland anzutreffen.
Wer kennt sich heutzutage noch mit den einheimischen Insekten aus? Die meisten Bürger können eine Feuerwanze kaum mehr von einem Marienkäfer unterscheiden – und machen auch wenig Anstalten, das zu ändern. Dabei gibt es alleine in Deutschland eine unfassbar große Anzahl an Insekten in allen Farben und Formen, wobei jede Art für sich eine ganz eigene spannende Lebensweise an den Tag legt.
Um auf die große Diversität der einheimischen Arten hinzuweisen und zugleich eine Lanze für den Schutz der Insekten zu brechen, kürt das Senckenberg (Deutsches Entomologisches Institut in Müncheberg) seit 1999 jedes Jahr ein besonderes Kerbtier zum Insekt des Jahres. Die Idee dazu hatte damals Prof. Dr. Holger Dathe, der damalige Leiter des heutigen Senckenberg-Instituts. Heute kümmert sich ein Kuratorium mit mehreren namhaften Insektenkundlern und Vertretern wissenschaftlicher Institutionen um die Auswahl des passenden Insekts. Das Insekt des Jahres wird immer für Deutschland, für Österreich und für die Schweiz gewählt.
2020 war der Schwarzblaue Ölkäfer das Insekt des Jahres, 2021 war es die Dänische Eintagsfliege, 2022 die Schwarzhalsige Kamelhalsfliege und 2023 das Landkärtchen, ein Schmetterling. 2024 folgte der Stierkäfer, der aussieht wie ein Mistkäfer mit Hörnern, und 2025 die Holzwespen-Schlupfwespe. Für 2026 wurde der Warzenbeißer als Beispiel für eine bedrohte Heuschreckenart zum Insekt des Jahres gewählt.
Der Warzenbeißer (Decticus verrucivorus) gehört zu den größten Heuschrecken in Deutschland – 140 Arten können hier übrigens insgesamt beobachtet werden. Viele kennen bei den großen Arten vielleicht die Maulwurfsgrille, das Grüne Heupferd oder vielleicht auch noch die Gemeine Sichelschrecke. Der Warzenbeißer gehört kurioserweise ebenfalls zu den richtig großen Heuschrecken. Trotzdem hat ihn kaum jemand je zu Gesicht bekommen. Dabei ist die grün-braune Heuschrecke mit knapp vier Zentimetern schon ein echter „Hingucker“.
Bevor das neue Insekt des Jahres ausführlicher vorgestellt wird, muss der ungewöhnliche Name kurz erläutert werden. Die Heuschrecke ernährt sich von Pflanzenteilen, frisst aber auch andere Insekten, ernährt sich also teilweise räuberisch. Aus diesem Grund hat der Warzenbeißer zwei ordentliche Beißerchen, im Wissenschaftsjargon Mandibeln genannt. Sie sind um einiges stärker als beim Heupferd, das auch schon ganz schön zwicken kann.
Früher hat man einen Warzenbeißer anscheinend im „Nacken“ gepackt, damit er seine Mandibeln öffnet. Dann hat man das Tier auf eine Warze angesetzt, damit es zubeißt und sie dabei abzwickt. In dem Vorgang würgt das Insekt einen braunen Magensaft aus. Der soll die Wunde so verätzen, dass die Warze nicht mehr nachwächst. So erzählt es sich der Volksmund. Ob die Methode wirklich funktioniert, ist nicht überliefert. Heute gibt es ganz bestimmt andere medizinische Verfahren.
Der Warzenbeißer ist in ganz Europa und in Asien verbreitet. Auch in Deutschland ist er überall zu finden. Er ist in halbtrockenen Wiesen ansässig, in denen das Kraut bis in Kniehöhe wächst. So ist er etwa in der Döberitzer Heide anzutreffen, aber auch auf der Falkenseer „Hundewiese“ am Bahnhof „Seegefeld“. Das Insekt ist aber bei weitem nicht so zeigefreudig wie etwa das Heupferd – es ist deutlich schwieriger auszumachen.
Der Warzenbeißer hat einen gedrungenen Körper, kurze Flügel, lange Springbeine und etwa halb so lange Fühler wie das Heupferd. Charakteristisch sind würfelförmige Muster auf den Vorderflügeln.
Der Kuratoriumsvorsitzende Prof. Dr. Thomas Schmitt, der auch die Schirmherrschaft für die Heuschrecke übernommen hat, sagt über den Warzenbeißer: „Seine Farben reichen von leuchtendem Grün bis zu erdigen Brauntönen – eine erstaunliche Variabilität, die ihn in vielen Habitaten anpassungsfähig macht.“
Er schränkt aber auch ein: „Aufgrund ihrer hohen ökologischen Ansprüche sind größere Populationen des Warzenbeißers nur dann anzutreffen, wenn ausreichend große Flächen für die Insekten zur Verfügung stehen.“
Das ist genau das Problem für den Warzenbeißer: Das Habitat, was die Heuschrecke zum Überleben braucht, ist in Deutschland immer seltener anzutreffen. Prof. Dr. Thomas Schmitt: „Die intensivere Landwirtschaft, Drainage und Aufforstung zerstören seine Lebensräume – offene, halbtrockene Magerrasen, die für die Art so wichtig sind, verschwinden immer mehr.“
Ein solches Territorium, das der Warzenbeißer bevorzugt, findet sich etwa auf der Hundewiese gleich am Bahnhof „Seegefeld“. Zwischen den sandigen Wegen für Herrchen, Frauchen und Hund gibt es großflächige trockene Wiesen mit einem krautigen Bewuchs mit vielen verschiedenen Pflanzen. Hier können sich die Warzenbeißer sehr gut verstecken – vor allem vor Vögeln, die es auf die proteinreichen Leckereien abgesehen haben.
Gegen die Fressfeinde haben die Warzenbeißer eine besondere Strategie entwickelt, so Prof. Dr. Thomas Schmitt: „Männchen klettern auf Pflanzen, um von dort mit ihrem Gesang Weibchen anzulocken – bei Gefahr verstummen sie aber und lassen sich leise zu Boden fallen. Damit entgehen sie vielen Feinden.“
Die Warzenbeißer sind tagaktiv. Sie nutzen ihre Flügel nur selten zum Fliegen, sondern setzen lieber auf ihre langen Hinterbeine, um kräftig zu springen. Die Tiere tragen ihr bulliges Aussehen nicht umsonst – sie sind sehr kräftig und können auch kraftvoll zubeißen, wenn man sie fangen möchte.
Die Tiere bringen nur eine Generation im Jahr hervor. Die ausgewachsenen Tiere sind von Juni bis Oktober anzutreffen. Die Weibchen legen im Spätsommer bis Herbst bis zu 300 Eier im Boden ab. Zu diesem Zweck besitzen nur die Weibchen eine Legeröhre, die sie um 90 Grad abgewinkelt in den Boden stechen können.
Die Jungtiere schlüpfen im Frühling. Das gilt aber anscheinend nicht für alle. Es wird erzählt, dass manche Jungtiere „Spätzünder“ sind – sie kriechen mitunter erst in den Folgejahren aus den Eiern. „Schlüpfen dann diese larvalen ‚Spätzünder‘, brauchen sie viel Wärme und Sonne, um zu überleben. Auch wenn die Jungtiere sich in hoher Vegetation vor Fraßfeinden verstecken, ist die Sterblichkeitsrate bis zum Erreichen der adulten Erscheinung sehr hoch“, so Schmitt.
Wer den Warzenbeißer im Grün der Wiesen nicht entdecken kann, sucht ihn vielleicht besser mit den Ohren. Die langsam beginnenden und dann immer schneller werdenden, markanten „Zick“-Laute des Männchens sind bei Sonnenschein ab etwa 23 Grad Celsius zu hören.
„Der Ruf des Warzenbeißers erinnert an den Motor eines alten Traktors“, beschreibt der bekannte Insektenkundler Dr. Oliver Husemann den Gesang. Die Männchen singen nicht nur, um Weibchen anzulocken, sondern auch, um Rivalen zu vertreiben, denn: „In ihrem wenige Quadratmeter großen Revier reagieren sie mit unregelmäßiger Versfolge auf Konkurrenten – ein akustisches Duell.“
Mit der Wahl des Warzenbeißers zum Insekt des Jahres 2026 soll auch darauf aufmerksam gemacht werden, dass Magerrasenflächen und extensiv genutzte Wiesen erhalten werden müssen.
„Er ist ein Botschafter für gefährdete Lebensraumtypen. Nur durch naturschutzorientierte Pflege, die Vernetzung von Flächen und eine nachhaltige Bewirtschaftung kann das Fortbestehen dieser Art gesichert werden“, sagt Prof. Dr. Thomas Schmitt. Insbesondere die Vernetzung einzelner Flächen zu einem langen Grünzug sei wichtig. Denn ansonsten kommt es zu einer Isolierung kleiner Populationen – ein genetischer Austausch über große Flächen hinweg wird auf diese Weise deutlich erschwert.
Der Warzenbeißer ist eine gefährdete Heuschreckenart (Rote Liste Kategorie 3). (Text/Fotos: CS)
Dieser Artikel stammt aus „Unser Havelland“ Ausgabe 238 (1/2026).
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