Scheibes Glosse: Da geht doch noch was!
Ab und zu kommen die ganz großen Werbeagenturen auf uns zu und fragen nach einem Werbeplatz in „Unser Havelland“. Sie würden nur zu gern bei uns buchen, aber! Sie wünschen sich noch 40 Prozent Rabatt, ein paar Gratis-Facebook-Posts und einen redaktionellen Text „on top“. Wir müssen das immer wieder irritiert ablehnen: Unsere Preise sind ernst gemeint und keine Diskussionsgrundlage. Aber der Gedanke gefällt mir. Ab sofort werde ich mein Leben ähnlich ausrichten, um das Maximum aus einem Geschäftsangebot herauszuholen.
Mein erster Weg führt mich ins nahegelegene Restaurant. Ich sage: „Ich würde ja wirklich verdammt gern bei euch essen. Aber ihr müsstet mir das Schnitzel schon für die Hälfte anbieten, damit ich es mir auch wirklich leisten kann. Mein Etat ist beschränkt, und ich möchte ja auch noch andere Restaurants im Ort unterstützen. Wenn ich euch verspreche, in diesem Jahr noch drei bis vier Mal wiederzukommen, müssten doch auch noch die Vorspeise und das Glas Rotwein umsonst mit rausspringen, oder?“
Der Kellner schaut verblüfft und weiß nicht, was er sagen soll. Ich bohre nach: „Also wenn ihr dieses faire Angebot nicht annehmen wollt, muss ich leider in ein anderes Restaurant gehen, das meine Offerte mehr zu würdigen weiß.“
Der Kellner stammelt: „Na, wenn die ihr Essen für die Hälfte rausgeben, komme ich am besten gleich mit.“
Na, das hat ja nicht so gut geklappt. Ich muss am besten dahin, wo alle so viel Geld verdienen, dass es auf ein paar Euro gar nicht ankommt. Also ab ins Krankenhaus. Ich lüpfe vor dem Chirurg mein T-Shirt und zeige nach und nach auf verschiedene Stellen auf meinem Bauch: „Wissen Sie, ich möchte ja gar nicht handeln. Aber wenn Sie mir die entzündete Gallenblase herausschneiden, sind sie doch eh schon mit allen Geräten in mir drin. Da sollte es doch gar keine Mühen machen, rein prophylaktisch auch gleich noch den Blinddarm mit zu extrahieren. Und fünf Kilo Bauchspeck könnte man mir auch mit absaugen. So für umme, Sie verstehen schon.“ Zwinker-Zwinker.
Der Arzt gibt mir zu verstehen, dass nur weil es in der Medizin freiwillige IGeL-Leistungen gibt, er deswegen noch lange nicht zum Tier mutiert und erst recht kein Esel ist. Hmmm, kein „Letzter Preis?“ Was ist denn das für ein Krankenhaus?
Weiter geht’s im Supermarkt. Da geht es doch schon von Hause aus um die UVP, also die „unverbindliche Preisempfehlung“. Da muss man nur auf den Gedanken kommen, dass es am Ende der Kunde ist, der den Preis bestimmt.
Und so packe ich mir den Einkaufswagen richtig voll, fahre zur Kasse und sage der Kassiererin am Band: „Pass mal auf, meine Kleene. Mein ganzer Einkauf hier …“ – ich mache eine großzügige Bewegung mit beiden Händen über dem Einkaufswagen – „da gebe ich dir fünfzig Euro für. Bar auf die Kralle. Komm, schlag ein, dann ist der Deal perfekt und ihr macht das Geschäft eures Lebens. Bestimmt zahle ich am Ende sogar noch drauf.“
Ich spucke in die rechte Hand und halte sie ihr hin. Sie guckt mich an wie ein seltenes Tier mit viel zu viel Augen und Beinen – und drückt einen verborgenen Knopf unter dem Kassenband. Kurz darauf kommt die Security, zwingt mich dazu, den vollen Preis zu bezahlen, und wirft mich aus dem Geschäft. Nicht mal eine Rolle Treuepunkte bekomme ich als Kompensationsgeschäft. Warum klappt das hemmungslose Handeln anscheinend im Zeitungs-Business, aber nicht im wahren Leben?
Ich lasse es auf einen letzten Versuch ankommen und gehe ins Reisebüro. Ich sage: „Passt mal auf, so eine Gelegenheit kommt nie wieder. Also ihr bucht mir einen Flug nach Florida. Da sollten mindestens 30 Prozent Rabatt drin sein, weil ihr selbst bekommt doch bestimmt 60 Prozent. Als kostenloses Upgrade hätte ich außerdem gern die größte Suite des Hotels vor Ort, einen Gratis-Mietwagen und Gutscheine für das beste Restaurant in der Nachbarschaft. So haben am Ende alle etwas von dem Geschäft.“
Der Inhaber vom Reisebüro nickt bedächtig und schlägt tatsächlich ein: Deal! Na bitte, es klappt doch. Ich steige in den Urlaubsflieger und hebe ab. Florida, Hurra, ich komme! Doch am Ende landet der Flieger auf dem Flughafen Nowosibirsk-Tolmatschowo in Sibirien. Mist. Da hat sich das Reisebüro ihr „Nein“ zu meinem Angebot tatsächlich etwas kosten lassen.
Bei minus vierzig Grad vergeht mir die gute Laune. Ich stehe an der Straße und halte den Daumen hoch: Nimmt mich ein Autofahrer bitte mit zurück nach Falkensee? Ich will auch nie wieder handeln. (Carsten Scheibe)
Dieser Artikel stammt aus „Unser Havelland“ Ausgabe 238 (1/2026).
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