Im Kirchenwald bei Tietzow: Rotbuche und Roteiche sollen den Wald resilienter machen!
Der deutsche Wald ist im steten Wandel. Damit er in Zukunft besser mit widrigen Wetterbedingungen zurechtkommt, die der Klimawandel mit sich bringt, muss der Wald einmal mehr umgebaut werden. Die Devise lautet nun: Weg von anfälligen Monokulturen und hin zu artenreichen Mischwäldern, in denen auch zunehmend klimaresistente Bäume aus anderen Ländern wachsen dürfen.
Johannes Funke ist Mitglied des Landtages in Brandenburg und als Politiker jemand, der vor Ort nicht nur mit den Menschen spricht, sondern auch selbst gern Hand anlegt. Als agrarpolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion und als Geschäftsführer vom Kreisbauernverband Havelland e.V. liegen ihm vor allem die Felder und Wälder besonders am Herzen.
Am 14. November lud er eine Handvoll Freiwillige in den Kirchenwald Tietzow (auf der anderen Straßenseite vom Golfclub Kallin zu finden) ein, um gemeinsam 400 etwa schienbeinhohe Baumschösslinge in den Boden zu bringen.
Johannes Funke: “Der Waldumbau in Brandenburg ist ein großes Thema im Landtag. Brandenburg verfügt tatsächlich über 1,1 Millionen Hektar Wald. Auf 70 Prozent dieser Fläche wächst leider nur Kiefernwald. Wir sind gut beraten, den Waldumbau voranzutreiben und zwar unter fachlicher Anleitung.”
Die Pflanzaktion im Kirchenwald sollte einmal mehr aufzeigen, worum es beim Thema Waldumbau eigentlich geht.
Niklas Weber, Geschäftsführer vom Waldbesitzer Verband Brandenburg: “Wir haben in Brandenburg vorwiegend Nadelbestände. Die sind aber sehr anfällig, was Hitze, Trockenheit, Stürme und auch den Insektenbefall anbelangt. Um unsere Wälder klimastabil und resilient zu gestalten, müssen wir mehrere Baumarten mischen. Optimal sind Mischwälder mit Nadel- und Laubbäumen. Wir brauchen hier ein gut sortiertes Warenlager. Denn habe ich fünf Baumarten in der Fläche, ist es keine ganz so große Katastrophe mehr, wenn eine Baumart wegfällt. Anders als im Harz, wo plötzlich überall die Fichte verschwindet und kein Baum mehr übrig bleibt. In Brandenburg haben wir leider auch noch sehr oft die alten Monokulturen. Das hat einen historischen Hintergrund und ist etwa den Nachkriegsaufforstungen geschuldet. Für die schnelle Aufforstung durch die Pflanzfrauen nach dem Krieg war die Kiefer eben besonders gut geeignet.”
Aber warum pflanzt man jetzt aktiv 400 Bäumchen nach? Würden die Bäumchen nicht auch von ganz allein wachsen, weil Samen auf die Freiflächen fliegen und hier auskeimen?
Förster Thomas Meyer, Vorsitzender des Waldbauernschule e.V.: “Die Birke und die Kiefer würden hier ganz von alleine wachsen, das stimmt. Auch die Traubenkirsche siedelt sich von selbst an. Die wollen wir hier aber gar nicht haben, weil sie eher buschig wächst. Andere Baumarten können sich gar nicht ansiedeln, weil es keine passenden Samenspender in der Umgebung gibt. Wir pflanzen im Kirchenwald gezielt Rotbuchen und Roteichen nach. Diese Baumarten wachsen bislang vor Ort noch gar nicht.”
Die Roteiche ist übrigens auch kein einheimischer Baum. Förster Thomas Meyer: “Die Roteiche stammt aus Nordamerika. Das ist eine der Baumarten, die die Klimakrise der letzten Jahre sehr gut überstanden hat. Die Bäume, die es in Deutschland bereits gibt, zeigen noch keinerlei Schäden. Während unsere einheimische Eiche bereits große Probleme aufgrund der Trockenheit bekommen hat.”
Um die 400 neuen Bäumchen in den Boden zu bringen, war ein bisschen Vorarbeit nötig. Mit schwerem Gerät hatte man im Vorfeld bereits tiefe Furchen in den Waldboden gezogen. Die Setzlinge sollten genau in diese Furchen gepflanzt werden, damit das Regenwasser automatisch zu den Wurzeln geleitet wird. Eingesetzt wurden die Minibäumchen mit einem “Göttinger Fahrradlenker”, der die Pflanzen tief in den Boden bringt – unter vollem Einsatz aller Körperkräfte.
Thomas Meyer: “So ein Gemeindewaldarbeiter muss am Tag 500 bis 600 Bäume pflanzen können. Das sind knapp 100 in der Stunde.”
Aber auch beim politischen Lokaltermin waren alle Bäume schnell gepflanzt. Frei nach dem Motto “Viele Hände – schnelles Ende” ging die Arbeit mit vielen Helfern eben viel schneller über die Bühne als alleine. Bei einem kalten Getränk und einer Brezel in der Hand konnte anschließend weiter diskutiert werden.
Johannes Funke: “Man ist gut beraten, das Thema Waldumbau nicht ideologisch aufzublasen, sondern sich Fachleuten anzuvertrauen. Es gab im politischen Raum eine heftige Diskussion über den Einsatz von neuen Baumarten aus anderen Ländern und Klimazonen. Wir sind inzwischen der Überzeugung, dass wir uns für Baumarten aus anderen Ländern und sogar von anderen Kontinenten öffnen müssen. Denn es gibt von der Genetik her in Kanada oder im Kaukasus genügend Baumarten, die bereits genau an das Klima angepasst sind, das wir hier in den nächsten hundert Jahren erwarten. Wichtig ist, dass wir tatsächlich in solchen Zeitspannen denken. Was wir heute pflanzen, kommt erst in vielen Jahrzehnten zur Wirkung. Das tun wir für zukünftige Generationen.”
Ein Problem beim Waldumbau ist: Es reicht nicht aus, die Bäumchen nur zu pflanzen. Zu groß ist die Gefahr, dass sich Rehe über das frische Grün hermachen.
Thomas Meyer: “Gerade die Schösslinge aus der Baumschule enthalten besonders viele Nährstoffe und schmecken dem Wild. Am Anfang besprühen wir die Pflanzen deswegen mit einem Verbissschutz, der die Tiere abhält.”
Johannes Funke: “So eine Neuanpflanzung kann man mit Zäunen schützen. Oder man muss, wenn die Anpflanzung Erfolg haben soll, auch den Jäger mit ins Boot holen.”
Claus Zidek ist Jäger. Er sagt: “Gerade in den ersten Jahren nach der Pflanzung darf man hier im Kirchenwald nicht zu viel Reh- und Damwild zulassen. Das Wild wird deswegen von uns ganz konsequent bejagt. Damit der Waldumbau gelingt, müssen also Waldbesitzer, Förster und Jäger sehr eng zusammenarbeiten. Ab einer gewissen Höhe bildet dieser junge Baumbestand dann eine Lebensraumverbesserung fürs Wild und es muss vor Ort nicht mehr so stark bejagt werden.”
Für Johannes Funke war es bereits die fünfte Pflanzaktion: Das Thema ist ihm wichtig, und er möchte keine Zeit verlieren. (Text/Fotos: CS)
Dieser Artikel stammt aus „Unser Havelland“ Ausgabe 237 (12/2025). 
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