Unser Havelland und EDEKA Dorfmann Zukunftsmarkt Video-Podcast (11): Im Gespräch mit dem Nauener Nachtwächter
“Unser Havelland” lädt einmal im Monat eine Person aus dem Havelland ein, um ein halbstündiges Expertengespräch zu führen. So können wir ein Interview präsentieren, das den Rahmen sprengt und ein wenig mehr in die Tiefe geht. Das Interview wird auf vier Seiten im Magazin abgedruckt und auf die Homepage www.unserhavelland.de gestellt. Zuletzt war Wolfgang Wiech bei uns. Er ist der Nauener Nachtwächter und kennt Nauens Geschichte wie kein anderer.
Zugleich nehmen wir den Experten-Podcast auch auf Video auf, das Sie auf unserem YouTube-Kanal (www.youtube.com/UnserHavelland) sehen können.
Unser Interview findet in der “Überschaubar” im EDEKA Zukunftsmarkt in Nauen (www.zukunftsmarkt-dorfmann.de) von Christian Dorfmann statt.
Unser erster Gast war Christian Lohse, der 2-Sterne-Koch, der in Falkensee lebt. Anschließend nahmen Robert Dahl als Inhaber von Karls Erlebnis-Dorf in Elstal, Birgit Faber als Geschäftsführender Vorstand vom “Turn und Sportverein Falkensee e.V.” und Olaf Höhn als Geschäftsführer von Florida Eis aus Spandau vor unserem Mikrofon Platz. Thilo Spychalski, der Geschäftsführer der Havelland Kliniken Unternehmensgruppe, war anschließend unser Gast. Dann besuchte uns Ronald Rauhe aus Falkensee, Olympia-Sieger im Kajakfahren, mit seinen fünf Olympia-Medaillen. Wir sprachen außerdem mit Dirk Eilert aus Dallgow-Döberitz – er beschäftigt sich mit der Mimikresonanz-Methode. Auch Roger Lewandowski war als amtierender Landrat vom Landkreis Havelland zu Gast im Experten-Podcast. Danach sprachen wir mit Dorothee Berger. Sie ist Vorstandsvorsitzende vom pro agro Verband. Im September war Michael Koch bei uns. Er ist im Landkreis mit dem Katastrophenschutz beauftragt. Zuletzt war Wolfgang Wiech bei uns. Er ist der Nauener Nachtwächter und kennt Nauens Geschichte wie kein anderer.
Herzlich willkommen bei unserem Experten-Podcast in der “Überschaubar” im Zukunftsmarkt vom EDEKA Christian Dorfmann in Nauen. Dieses Mal begrüßen wir Wolfgang Wiech bei uns am Mikrofon. Er ist der Nauener Nachtwächter. Mit seiner Hellebarde und seiner Laterne ist er auch heute noch abends in Nauen unterwegs, um die Gäste seiner Veranstaltungen darüber zu informieren, wie das Leben in der Vergangenheit ausgesehen hat.
Lieber Herr Wiech, Sie sind der Nauener Nachtwächter. Sie sind ein echtes Relikt der Vergangenheit. Aus welcher Epoche stammen Sie eigentlich?
Nauener Nachtwächter: “Der Nachtwächter hat in Deutschland eine lange Geschichte. Er war vor allem im Mittelalter in den Gassen der Städte unterwegs.
So ein Nachtwächter, der war damals in erster Linie ein Brandwächter. Vor allem in der Nacht, wenn die Leute schliefen, war er unterwegs, um nach dem Rechten zu sehen. Er mahnte die Bürger vor dem Schlafengehen am Abend mit dem Ruf: ‘Löscht das Feuer, löscht das Licht, dass kein Unglück uns geschieht!’
Damals gab es ja vor allem offenes Feuer in den Häusern. Da hätte nachts schnell ein Brand entstehen können. Kam es doch einmal zu einem nächtlichen Brand, so hatte der Nachtwächter ein Auge darauf – und rief laut um Hilfe. Zu dieser Zeit hatte jeder Haushalt immer einen Eimer voll mit Wasser bereitstehen, um sofort loslaufen zu können. Das Wasser wurde dann ins Feuer gegossen. Natürlich hatte man aber auf dem Weg zum Brand schon die Hälfte vom Wasser verplempert.
Zu den Aufgaben des Nachtwächters gehörte es auch, Einbrecher zu stellen und Lumpengesindel zu vertreiben.
Jeder Nachtwächter hatte übrigens seine feste Runde, von der er nicht abweichen durfte. Sein Quartier lag aber stets an einer ganz anderen Stelle im Ort. Der Nachtwächter arbeitete also nicht dort, wo er wohnte. Oft gab es deswegen gleich mehrere Nachtwächter in einer Stadt, die auf verschiedenen Routen unterwegs waren.
Die Arbeit des Nachtwächters wurde mit der Zeit leider überflüssig. 1883 wurde die Nauener Feuerwehr gegründet. Vor allem die Einführung der Elektrizität und der modernen Meldeanlagen hat aber seinen Niedergang beflügelt. Ich weiß, dass es noch bis 1915 einen Nachtwächter in Nauen gegeben hat.”
Der Nachtwächter hatte also in der Vergangenheit eine sehr wichtige Aufgabe. Er schützte die Stadt vor Bränden und vor Dieben. Eigentlich müssten Sie doch damals der “Held von Nauen” gewesen sein. Sicherlich lagen Ihnen die schönsten Frauen zu Füßen?
Nauener Nachtwächter: “Das wäre sehr schön. Aber nein, so war das leider nicht. Wir Nachtwächter sind ganz arme Kerle. Wir standen auf der alleruntersten Stufe der Gesellschaft und waren alles andere als gut angesehen. Also die hübschen Mädchen haben andere gehabt, aber nicht die Nachtwächter. Um über die Runden zu kommen, haben wir Nachtwächter am Tage auch oft als Totengräber gearbeitet. Denn der Beruf des Nachtwächters wurde auch alles andere als gut bezahlt.
Mitunter war es so, dass sogar die Kinder des Nachtwächters wieder Nachtwächter wurden oder werden mussten. Weil sie keine Chance hatten, in eine andere Gesellschaftsschicht einzuheiraten. Wer wollte schon die Tochter vom Nachtwächter und vom Totengräber ehelichen?”
Wenn Sie jetzt alleine abends Ihre Nachtwächterrunde drehen: Wer hat denn darauf aufgepasst, dass Sie wirklich unterwegs waren? Und nicht betrunken in der Ecke lagen?
Nauener Nachtwächter: “Na, hören Sie! Der Nauener Nachtwächter trinkt doch nicht. Wir mussten schon unsere Runde machen und unser Quartier sauber halten. Dabei musste man alle seine sieben Sinne bei sich haben. Man musste hören, sehen und riechen können.
Eine Art Kontrolle war sicherlich der Stundenruf. Das war kein Gesang, damit die Leute gut einschlafen. Der war für die Bürger eher lästig, der Ruf. Er war aber auch eine Kontrolle. Wenn der Nachtwächter rief: ‘Hört ihr Leute und lasst euch sagen, die Stunde hat jetzt zehn geschlafen’, dann wusste man eben auch, dass der Nachtwächter auf seiner Runde war.
Der Nachtwächter hatte aber auch eine sogenannte Nachtwächterkontrolluhr mit dabei. Da war ein Aufzeichnungsgerät drin. Und regelmäßig musste der Nachtwächter hier einen Schlüssel einführen und drehen, der an verschiedenen Kontrollpunkten in einem Kästchen bereitlag, um auf diese Weise nachzuweisen, dass er auf seinem Posten und pünktlich vor Ort war.
In der Nauener Goethestraße kann man auch eine kleine Metallplatte entdecken, die in der Fassade eines sehr alten Hauses verankert ist. Hier musste der Nachtwächter selbst einen Schlüssel einführen und drehen. Das war eine weitere Kontrolle.”
Damals gab es ja noch keine Toiletten. Wenn Sie als Nachtwächter nachts unterwegs waren, mussten Sie doch bestimmt aufpassen, dass Ihnen kein Unrat aus den Fenstern heraus auf den Kopf gekippt wurde, oder?
Nauener Nachtwächter: “Damals gab es ja noch keine richtigen Toiletten mit Wasserspülung. Stattdessen gab es Töpfe, die benutzt wurden und die gern einmal nachts auf die Straße entleert wurden.
Um 1940 herum ist der alte Kleber gestorben. Das war der letzte Nachtwächter, der tatsächlich noch in Nauen gearbeitet hat. Und dem ging das tatsächlich so. Der stand in einer Nacht in der Goethestraße und wartete so gegen vier Uhr in der Früh auf seinen Feierabend. Da ging ein Fenster über ihm auf und ein Frauenzimmer leerte ihr Nachtgeschirr aus, als er genau darunter stand.
Mir hat der Kleber damals gesagt, als Nachtwächter braucht man einen Hut mit abfallender Krempe, damit aller Unrat vom Kopf des Nachtwächters abperlt und nichts hängen bleibt.”
Tatsächlich gibt es ja aus der damaligen Zeit noch immer die enge schmale Rosengasse in Nauen. Ich habe mir aber sagen lassen, dass es damals gar nicht nach Rosen geduftet haben soll?
Nauener Nachtwächter: “Nun ja, welcher Ackerbürger mag sich damals schon mit der Rosenzucht befasst haben? Keiner. Auf den Höfen war höchst selten eine Rose zu finden. Damals war der ganze Alltag doch sehr wirtschaftlich geprägt.
Der Name Rosengasse wurde schon im Mittelalter geprägt. Die Menschen hatten damals einen sehr derben Humor. In der Rosengasse roch es damals nämlich vor allem nach Unrat, also um es ganz deutlich zu sagen, nach Scheiße.
Es gab damals noch keine Kanalisation. Der ganze Unrat wurde auf die Straße gekippt und wurde durch die Gassen der Stadt zum nächsten Fluss geleitet. Das alles floss durch die Rosengasse zum Rosenthaler Tor, das war Nauens Abwassertor. Umgangssprachlich wurde die Rosengasse in Nauen auch als Pinkelgasse bezeichnet.
Übrigens gibt es die Rosengasse auch in anderen deutschen Orten, so etwa in Wernigerode. Und auch dort war es im Mittelalter die Schmutzgasse, die Abfallgasse.”
Sie kennen ja wilde Geschichten aus der Nauener Vergangenheit. Kennen Sie auch die, warum die Nauener Frauen so oft eine rote Strähne in den Haaren haben?
Nauener Nachtwächter: “Also. Es gab da einmal einen Schrankenwärter, der hatte seinen Wohnsitz auch direkt an der Bahn, da, wo heute in Nauen am Bahnhof die Brücke ist. Bei ihm an der Schranke fuhren die ganzen Züge von Berlin nach Hamburg vorbei, aber auch die ersten Kraftwagen und die Pferdedroschken. An seiner Schranke mussten alle warten.
Ein Zugführer schaute immer an der Schranke aus seinem Abteil heraus und sah draußen immer ein wunderschönes Mädchen mit roten Haaren. Mit der Zeit verliebte er sich in das Mädchen und wollte sie gern heiraten. Also ging er eines Tages zum Schrankenwächter, um dem Mädchen den Hof zu machen. Die große Überraschung: Der Schrankenwächter hatte gleich fünf Töchter – und alle mit flammendroten Haaren. In welche hatte er sich denn nun verliebt? Ich weiß nicht, für welches Mädchen er sich am Ende entschieden hat. Aber so fing das in Nauen an mit dem typischen Rot in der Frisur.”
Im Jahr 1695 brannte die ganze Nauener Altstadt – es war eine ganz große Katastrophe. Was ist denn da passiert?
Nauener Nachtwächter: “Die genaue Ursache weiß ich gar nicht. Aber die Waschweiber, die erzählen sich ihre ganz eigene Version von der Geschichte. Also wie es zum Brand gekommen ist. Denn in jener Nacht soll der Knecht Konrad mit der Magd im Heu gewesen sein. Das soll so eine heiße Liebesnacht gewesen sein, dass sich dabei das Liebesnest entzündet haben soll. Also das Heu. Und dann ist das Feuer von der Scheune auf das Haus übergegriffen. Am Ende brannte die ganze Stadt, das lag auch an der engen Bebauung. Da konnte auch der Nachtwächter nichts mehr machen.”
Mitten in der Nauener Altstadt steht eine tolle Kirche, die St.-Jacobi-Kirche. Geht man hier vom Eingang rechts um die Kirche herum, so erkennt man in einer schattigen Ecke lauter kleine ovale Mulden im Stein. Ich habe mir sagen lassen, dass der Nachtwächter weiß, was es damit auf sich hat.
Nauener Nachtwächter: “Ja, da kann der Nachtwächter eine Geschichte erzählen. Ich bin immer sehr stolz, wenn ich meinen Gästen das bei einer Tour zeigen kann. Das sind Ausschabungen, ganz normale Ausschabungen.
Tatsächlich war es so, dass Nauen für eine kurze Zeit in der Vergangenheit einmal ein Wallfahrtsort gewesen sein soll. Da wurde die Kirche noch intensiver aufgesucht als in all den Jahren zuvor. Viele Besucher haben sich seitlich ans Kirchenschiff gestellt und mit dem Löffel heimlich von außen am Stein gekratzt. Das Steinmehl haben sie dann mit einer leeren Flasche aufgefangen. So konnten sie das Ziegelmehl von einer geweihten Kirche mit nach Hause nehmen. Das wurde den Kranken und Siechen, die zu schwach für einen Besuch in der Wallfahrtskirche waren, in den Brei oder in den Tee gegeben. Natürlich in der Hoffnung, dass sie so mit Gottes Segen geheilt wurden.
Diese besonderen Mulden kann man an verschiedenen Kirchen in ganz Deutschland entdecken. Meist sind sie am westlichen Seitenflügel zu finden.”
Dann haben Sie als Nachtwächter doch bestimmt die Geschichte gehört, als der Kronprinz Friedrich für eine gewisse Zeit in Nauen stationiert war?
Nauener Nachtwächter: “Oh ja, der Nachtwächter hat das zwar nicht selbst alles gesehen, aber gehört hat er davon. Aber das, was ich gleich erzähle, das ist alles wahr. Dass hat der Kronprinz Friedrich selbst 1846 in einem Brief zugegeben, den er an seine Freunde verschickt hat. Zu der Zeit war er bereits ein paar Jahre lang König. Aber er konnte sich wohl noch an seine unrühmliche Zeit in Nauen erinnern.
Natürlich ging es in Nauen einmal mehr um die Frauen, wie so oft. Damals war der Pfarrer Salpius der zuständige Pfarrer in Nauen. Der hatte zwei schöne Töchter. Jedenfalls war der Kronprinz auf den Fersen einer der beiden hübschen Pfarrerstöchter. Das durfte natürlich nicht sein. Klammheimlich wurde der Kronprinz verpetzt, und zwar direkt bei seinem Vater. Für seine amourösen Abenteuer bekam der Kronprinz Friedrich einen Rüffel.
Dafür hat sich der Kronprinz bei den Nauenern ‘bedankt’. Er hat nämlich dem Pfarrer und ein paar umliegenden Bewohnern mit Steinen die Fensterscheiben eingeschlagen. Das war dann auch sein Abgang aus Nauen, ein letzter Gruß sozusagen. Denn der Kronprinz wurde für seine Taten strafversetzt, nämlich nach Neuruppin und nach Rheinsberg. Ich sage ja immer wieder, nach Rheinsberg möchte ich auch einmal strafversetzt werden. Das ist so ein schönes Städtchen, direkt am See gelegen, und das Schloss stand damals auch schon.”
In der Nauener Altstadt stehen ja noch viele alte Häuser, die direkt nach dem großen Stadtbrand im Jahr 1695 errichtet wurden. Bei einigen dieser Häuser entdeckt man noch die “Nauener Doppeltüren”. Was hat es denn damit auf sich?
Nauener Nachtwächter: “Tatsächlich musste Nauen nach dem Stadtbrand von 1695 neu aufgebaut werden. Nauen lag am Boden, es war ein Totalschaden. Die Stadt sollte aber schnell wieder aufgebaut werden. So kamen extra Bauleute aus Holland. Und die haben ihre ganz eigenen Ideen mitgebracht. Als sie die Fachwerkhäuser neu aufgebaut haben, haben sie auch ihre Idee von der Doppeltür umgesetzt.
Tatsächlich sieht man bei einigen sehr alten Nauener Häusern noch heute zwei direkt nebeneinanderliegende Türen. Die eine Tür ist etwas aufgesetzt im Vordergrund, sie geht auch nach außen auf. Da geht sofort eine steile Stiege nach oben zu den Wohnräumen in der ersten Etage des Hauses. Die andere Tür ist um einige Zentimeter nach hinten versetzt. Die geht nach innen auf und führt durch den Flur in den Hof des Hauses. Von da aus kam man in den unteren Bereich des Hauses.
Das ergibt sehr viel Sinn, weil damals meist vier oder fünf Familien gemeinsam in einem Haus wohnten.”
Wir müssen auch noch über zwei Berühmtheiten sprechen. Der eine ist der Hauptmann von Köpenick. Man sagt, dass der sein Husarenstück damals erst in Nauen abziehen wollte. Dann hat er es sich aber anders überlegt und ist nach Köpenick gegangen. Hier soll er am 16. Oktober 1906 als Hauptmann verkleidet das Rathaus übernommen, den Bürgermeister verhaftet und die Stadtkasse geraubt haben.
Nauener Nachtwächter: “Damals war das so: Die Nauener Funkstation war als Versuchsstation ganz frisch gegründet worden. Sie sollte vor allem militärisch genutzt werden. Immer wieder wurde sie stolz präsentiert, denn sie sollte in fremde Länder verkauft werden und zwar bis nach Persien und Südamerika. So kamen viele Leute nach Nauen. Auch der aus Ostpreußen stammende Schuhmacher Friedrich Wilhelm Voigt hatte sich 1906 als Zivilist in diese Besuchergruppen eingeschummelt. Tatsächlich hatte er vor, die Nauener Stadtkasse auszurauben.
Am Ende hat er seinen Plan aber doch nicht in Nauen umgesetzt. Es war ihm einfach zu viel Militär in der Stadt. Und auch die Nauener Funkwellen waren ihm unheimlich. Deswegen ist er am Ende doch nach Köpenick gegangen. Und nun lacht die Welt seit über hundert Jahren über Köpenick und nicht über Nauen. Da haben wir noch einmal Glück gehabt.”
Ende der 1920er Jahre geht es weiter mit Nauen und den bekannten Namen. Gustav Hartmann war der letzte Droschkenkutscher in Berlin. Als sein Gewerbe endgültig im Wandel der Zeiten zu zerschellen drohte, unternahm er eine demonstrative letzte Tour von Berlin nach Paris und wieder zurück. Als “Eiserner Gustav” wurde er dafür frenetisch gefeiert, auch wenn die Tour mit Droschke und Pferden ganze 165 Tage dauerte. Man sagt, auf seinem Rückweg von Paris soll der “Eiserne Gustav” auch in Nauen Station gemacht haben?
Nauener Nachtwächter: “Ja, das stimmt. Der ‘Eiserne Gustav’ hat tatsächlich im ‘Berliner Hof’ geschlafen, der ja gerade so schön restauriert wird. Ich hoffe, dass der aktuelle Inhaber vor Ort ein Kutscherzimmer einrichtet – in Erinnerung an den historischen Besuch. Denn tatsächlich ist es überliefert, dass der ‘Eiserne Gustav’ im Zimmer Nummer 10 übernachtet hat.”
Der Eiserne Gustav war ja mit der Pferdedroschke unterwegs. Tatsächlich passte er mit seinem Gefährt durch den Torbogen, um in den dahintergelegenen Hof zu fahren. Hat es einen besonderen Grund, warum die Nauener Hoftore so breit sind?
Nauener Nachtwächter: “Wir Nauener waren ja damals Ackerbürger, die in einer Ackerbürgerstadt gelebt haben. Wir Nauener lebten vom Ackerbau und von der Viehzucht. Deswegen war es ganz besonders wichtig, dass ein voll beladener Erntewagen mit Pferden vorne dran ohne anzuecken durch das Hoftor in den dahinterliegenden Hof einfahren konnte.
Da ging es vor allem darum, Heu und Stroh auf den Hof zu fahren, um es für den Winter im Stall einzulagern. Die Maße für die Breite des Hoftores kamen also nicht von ungefähr. Alles hat seinen Grund, auch wenn vieles davon mit den Jahrhunderten in Vergessenheit geraten ist. Bei der Nauener Hofweihnacht am 13. und 14. Dezember kann man sich das aber wunderbar anschauen, denn nur an diesen Tagen öffnen sich die Höfe wieder für alle neugierigen Besucher.”
Wenn ich mir das Stadtwappen von Nauen angucke, sehe ich einen Karpfen. Angeln die Nauener so gern, oder warum ist der Karpfen im Wappen?
Nauener Nachtwächter: “Damals lag Nauen mitten in den Sümpfen. Man musste aber durch Nauen, um den Weg durch die wasserreiche Umgebung nach Hamburg zu nehmen. Heute ist alles trocken, die alten Luch-Landschaften gibt es ja gar nicht mehr. Ich denke also, dass man den Karpfen nicht deswegen im Wappen trägt, weil es früher einmal um Nauen herum besonders nass war.
Früher zeigten die alten Wappen und Siegel von Nauen übrigens nur einen undefinierbaren Fisch. Erst um das Jahr 1700 herum wurde aus dem Fisch ein Karpfen. Die Stadtverordneten wollten damals gern einen Karpfen haben – und sie haben ihn bekommen.
Wir wissen heute nicht, warum der Karpfen im Wappen zu sehen ist. Aber wir haben eine Theorie. Der Fisch ist ja ein christliches Symbol. Ich denke, als solches sollte der Karpfen den Menschen von außerhalb verdeutlichen, dass Nauen eine christliche Stadt ist und alle Christen hier sehr willkommen sind. Der Karpfen sagt sozusagen: Fremder, Wanderer, komme her, hier bist du Christ unter Christen. Ich habe diese Theorie einmal unserem Pfarrer dargelegt und er hat das abgesegnet.”
Sie sind ja als Nauener Nachtwächter nicht allein in der großen, weiten Welt. Es gibt auch noch Nachtwächter in anderen Orten. Seit 2017 sind Sie Mitglied in der “Gilde der Nachtwächter Türmer und Figuren e.V.”, einem Verein, der in ganz Deutschland und Österreich über 200 Mitglieder hat. Es gibt also wirklich noch mehr Leute wie Sie?
Nauener Nachtwächter: “Ja, wir schlüpfen in eine Figur hinein, in eine Figur aus der Vergangenheit. Dabei bewahren wir das alte Wissen und geben es weiter an die interessierten Gäste unserer Führungen und Veranstaltungen. Diese Nachtwächter-Gruppe ist schon eine tolle Truppe. Erst 2022 waren ganz viele von ihnen bei einem großen Treffen hier in Nauen mit dabei.”
Wenn Sie jetzt als Nachtwächter unterwegs sind, haben Sie ja immer mehrere Sachen mit dabei. Einmal den Hut mit der abfallenden Krempe. Da haben wir ja schon gehört, wofür der gut sein könnte. Sie haben aber auch eine Laterne, eine Hellebarde und ein Trinkhorn mit dabei.
Nauener Nachtwächter: “Herr Scheibe, ich bin empört. Trinkhorn! Ihr wisst doch, der Nachtwächter trinkt nicht. Das ist nämlich gar kein Trinkhorn, das ist ein Rufhorn. Da kann man hineinblasen, um dem Horn einen höchst eindringlichen Alarmton zu entlocken.
Wenn es beim Bauer Hübner brennt, dann bläst der Nachtwächter in sein Rufhorn, um mit dem lauten Tröten die ganzen Nachbarn zu wecken. Das war so etwas wie eine frühe Sirene. Bei dem Signal sprangen alle aus den Betten und griffen nach den bereitstehenden Wassereimern, um anschließend zum Brandherd zu laufen. Jeder Hof hatte damals seine bereitstehenden Wassereimer.”
Früher gab es in Nauen doch einmal richtig viele Brauereien. Was ist eigentlich aus denen geworden? Trinken die Nauener kein Bier mehr?
Nauener Nachtwächter: “Es war damals ein echtes Problem, sauberes Wasser zu bekommen. Das Wasser, das die Straßenpumpen hervorbrachten, das war nicht sauber. Das war alles Brauchwasser. Auch auf den Höfen gab es eine Pumpe für Wasser. Wo stand die aber immer? Direkt neben dem Misthaufen.
Damals hatte fast jeder zweite Hof in Nauen ein eigenes Braurecht. Rund 300 Häuser gab es. Und 176 Braurechte. So konnte man das Wasser mit Alkohol genießbar machen. Am Ende blieben nur drei Brauereien übrig. Die letzte Nauener Brauerei war die von Max Kerkow. Da ist der Braumeister im Krieg geblieben. Und wenn du keinen Braumeister hast, darfst du auch kein Bier mehr herstellen.”
Nun gehen wir einmal wieder zurück in die Gegenwart, nehmen den Hut ab und legen das Rufhorn beiseite. Jetzt fragen wir: Wer ist denn eigentlich der Mensch hinter dem Nauener Nachtwächter? Wer ist Wolfgang Wiech?
Wolfgang Wiech: “Also ich bin jetzt knapp 75 Jahre alt. Im nächsten Jahr dürfen Sie gern vorbeikommen und mit mir anstoßen. Rechtzeitig vor der Rente habe ich mich gefragt, ja, was mache ich denn später einmal? Ich wollte nicht auf dem Sofa enden und morgens um zehn an meinem zweiten Bier nippen. Also bin ich aktiv, gesellschaftlich aktiv. Ich habe mich schon immer für die Geschichte von Nauen interessiert. Ich sehe mich als Nauener Nachtwächter nicht als Künstler, sondern als Stadtführer, als Gästeführer. Das mache ich jetzt in der passenden Gewandung auch schon seit nunmehr 20 Jahren.”
Heute gibt es ja das Internet. Wenn man sich aber für die Geschichte von früher interessiert, ist es doch unheimlich schwer, die passenden Texte zu finden. Wo also bekommt man all das Wissen darüber her, was vor Hunderten von Jahren in Nauen passiert ist?
Wolfgang Wiech: “Ja, die kleinen Geschichten, die man sich so erzählt, die habe ich selbst alle aufgeschnappt. Von den Alten, die sie noch kannten, und die zum großen Teil nun auch schon wieder verstorben sind. Das alte Wissen muss bewahrt werden. Aus diesem Grund schreibe ich die Geschichten auch auf und veröffentliche sie Jahr für Jahr mit finanzieller Unterstützung der Stadt Nauen in kleinen Broschüren, die man auf meinen Führungen durch Nauen erstehen kann. Die Führungen finden übrigens nicht regelmäßig statt. Sie werden aber in den Veranstaltungskalendern der Region und auf meiner Homepage (https://nauener-nachtwaechter.beepworld.de) veröffentlicht.”
Zum Schluss: Was ist toll an Nauen und was nicht?
Wolfgang Wiech: “Toll ist unsere schöne, frisch restaurierte Altstadt. Nicht so toll ist, dass in der Altstadt noch das gewisse Leben fehlt, da muss noch mehr Aufenthaltsqualität her.” (Fragen / Fotos: CS)
Bei der Erstellung des YouTube-Videos half uns Marvin Zinke aus Brandenburg an der Havel.
Dieser Artikel stammt aus „Unser Havelland“ Ausgabe 236 (11/2025).
Seitenabrufe seit 27.11.2025:
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