Scheibes Glosse: Besser kommunizieren mit ChatGPT
Ich bin Einzelkind und Widder. Das ist manchmal eine recht explosive Kombination. Denn wenn ich schlechte Laune habe, dann so richtig. Bevor ich einen verbalen Flurschaden bei meinen Mitmenschen anrichte, konsultiere ich ab sofort lieber ChatGPT, um trotz des inneren Tourette-Tornados doch ganz freundlich zu antworten.
Ein befreundetes Pärchen fragt per WhatsApp an, ob wir denn nicht Lust hätten, mal wieder eine Runde um den Schlachtensee in Berlin spazieren zu gehen.
Meine ungefilterte Antwort würde wie folgt aussehen: „Bevor ich meine borstigen Kackstelzen stundenlang unmotiviert durch den herbstlichen Matsch schiebe und dabei von den Bäumen fallendes sterbendes Laub einatme, würde ich lieber eine Niere spenden gehen, aber ohne Betäubung.“
Ich fragte ChatGPT, wie man das auch freundlicher ausdrücken könnte. Der Vorschlag: „Oh wow, vielen Dank für deine wundervolle, geradezu herzerwärmende Einladung zu diesem zauberhaften Spaziergang um den See! Ehrlich, ich fühle mich zutiefst geehrt, wahrhaftig privilegiert und beinahe königlich gebauchpinselt, dass du ausgerechnet mich gefragt hast, dieses Naturerlebnis mit dir zu teilen. Aber – und das sage ich mit tränenschwerem Herzen, wehendem Drama und der Eleganz einer langsam herabsinkenden Seifenblase – ich muss leider, leider, leider absagen. Ich hoffe von ganzem Herzen, dass du trotzdem den vielleicht schönsten, spektakulärsten und sonnengeküsstesten Spaziergang aller Zeiten erlebst.“
Na bitte, die Beziehung ist gerettet. Aber es naht bereits das nächste Beziehungsdrama. Mein Freund Ingo möchte mich zur Schlagerparade mitnehmen. Schnell tippe ich: „Lieber schiebe ich mir gefräßige Wattwürmer ins Ohr oder haue mir mit dem Schmiedehammer auf den kleinen Zeh, bis der platt wie eine Briefmarke ist, als dass ich mir diese hirnzersetzende Misshandlung der ewig gleichen drei Akkorde anhöre.“
Aber der Ingo ist sensibel. Und deswegen kommt wieder ChatGPT zum Einsatz: „Lieber Ingo, tausend Dank für deine wirklich großartige Einladung zur Schlagerparade! Ich fühle mich zutiefst geehrt und ein bisschen wie der Auserwählte der guten Laune. Aber – und das sage ich mit bedauernder Zärtlichkeit – ich muss leider passen. Meine Ohren und die Schlagerwelt … wir führen eine schwierige, jahrzehntelange Fernbeziehung. Bitte nimm’s mir nicht übel. Ich wünsche dir die fröhlichste, glitzerndste, rhythmischste Zeit überhaupt – nur eben ohne mich. Mit herzlichem Schulterklopfen und liebevoller Bewunderung, dein schlagerempfindlicher Freund.“
Na bitte, es geht doch. Und es geht weiter. Ein Leser wünscht sich einen Artikel über das Liebesleben der quergestreiften Kellerassel. Da muss ich nicht lange überlegen. Ich formuliere eine erste Antwort: „Lieber werfe ich die Viecher in die Fritteuse, mache einen Crunch draus und paniere mir damit ein Schnitzel, anstatt meine wertvolle Zeit auf so einen Mist zu verschwenden, du Opfer.“
Meine Kollegen bremsen mich aus und erinnern an die Benutzung von ChatGPT. Da kommt auch schon die freundlichere Absage aus dem Rechner: „Lieber Leser, wir danken Ihnen aus tiefster, glühender, fast schon ehrfürchtig zitternder Redaktionsseele für Ihre atemberaubende Idee, das Liebesleben der quergestreiften Kellerassel journalistisch zu erleuchten. Wir waren kurz davor, standing ovations zu geben. Doch so furchtbar es uns das Herz zerreißt – wir müssen absagen. Unsere Zeitung wäre einfach nicht würdig, diese epische Assel-Leidenschaft in all ihrer emotionalen Wucht abzubilden.“
Zufrieden mit meiner neuen freundlichen Kommunikationsform steige ich in die Berliner U-Bahn – und werde gleich blöde angepöbelt. Na, das kann ich auch: „Du gehirnretardierte Amöbe, ich reiße dir das Rückgrat aus dem Körper und prügele dich damit aus der Bahn. Ich reiß dir die Augen raus und schieb sie dir verkehrt herum wieder in den Schädel zurück, damit du dich selbst auf die Suche nach deinem Schrumpfhirn machen kannst, du Testikelkobold und Klabusterbeeren-Lutscher.“
Aber ich habe ja ChatGPT auch auf dem Handy. Die KI rettet mir den Tag: „Mein Lieber, ich schätze Ihre beeindruckende Energie wirklich zutiefst, doch ich muss Sie herzlichst, ja geradezu liebevoll flehend bitten, mich jetzt in aller majestätischen Ruhe meinen Weg fortsetzen zu lassen. Sie wären ein wahrer Schatz, wenn Sie Ihre großartige Lautstärke ab sofort woanders entfalten und mich für den Rest der Fahrt in friedlicher Stille die Aussicht auf die Betonmauern des Tunnels genießen lassen. Vielen, vielen Dank – Sie wären mein Held des Tages!“ (Carsten Scheibe)
Dieser Artikel stammt aus „Unser Havelland“ Ausgabe 237 (12/2025).
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