Scheibes Glosse: Drucktermin
Es gibt wirklich schlimme Naturkatastrophen. Einen glühenden Vulkanausbruch, einen brachialen Meteoriteneinschlag, einen wütenden Orkan. In die gleiche Kategorie fällt – der allmonatliche Drucktermin von „Unser Havelland“. Es ist eine desaströse Katastrophe biblischen Ausmaßes, die alle vier Wochen so zuverlässig wiederkehrt wie Herpes und dabei so willkommen ist wie der Gerichtsvollzieher und so viel Stress verursacht wie ein Influencer, der über den Weltfrieden spricht.
Ich wette, dass einer der vier Reiter der Apokalypse eine Uhr bei sich hatte. So eine richtig große, die er kreativen Schreiberlingen mit einem scheppernden Lachen ins Gesicht drückt, um sie auf eine der schlimmsten Erfindungen mittelalterlicher Foltertechnik hinzuweisen – den Drucktermin.
Abgabetermine, Deadlines, Drucktermine sind für uns Journalisten ein in Sekunden und Minuten gepresster Albtraum. Plötzlich kann man nicht mehr gemütlich an Worten, Sätzen und Formulierungen schrauben und feilen, sondern muss liefern, fertig sein, den Abschluss finden.
Wenn der Drucker bereits mit rollenden Augen an der Maschine steht und den Start-Knopf drücken möchte, dann wird das Red-Bull-Konzentrat direkt in die Vene injiziert, legt man sich ein Blättchen Traubenzucker unter die Zunge und klemmt sich die müden Augenlider nach zig durchgetippten Nächten mit Streichhölzern fest, damit sie nicht zufallen, bevor der letzte Punkt unter den letzten Satz getippt wurde.
Früher brauchte es den Vollmond, damit in sich ruhende Zeitgenossen auf einmal zu grimmig behaarten Werwolf-Killern wurden, die alles und jeden mit spitzen Krallen zerfetzt haben. Ich brauche keinen Vollmond. Ich brauche nur eine Deadline. Dann verwandele ich mich unter dem permanenten Druck nicht in einen edlen Diamanten, sondern in einen psychotischen Hulk, der an nichts anderes mehr denken kann als an den nahenden Drucktermin.
In dieser Phase ist an eine normale Kommunikation mit den Mitmenschen nicht mehr zu denken. Dann neige ich dazu, sämtliche Konventionen des menschlichen Miteinanders zu vergessen, allen Menschen ungefiltert die Meinung zu sagen und die Mitarbeiter ins Heim zu schicken. In diesen Tagen kurz vor Druck heißt es deswegen in der Redaktion am Telefon: „Der Chef kann gerade nicht.“ Die Kollegen wissen nur zu genau: Wir könnten Kunden verlieren, wenn der Chef grantig in den Hörer poltert und dabei völlig vergisst, charmant zu sein.
Normalerweise liegt der Drucktermin immer auf einem Freitag. Manchmal fällt er aber auch auf einen Montag. Da kann die Beste aller Ehefrauen schon einmal ins Büro rauschen und verlangen: „Das macht ihr aber nicht noch mal mit mir. Ein Drucktermin am Montag darf nicht sein. Dann muss ich den grantigen, unsensiblen, polternden, wehleidigen, jammernden, pöbelnden und destruktiven Oger das ganze Wochenende lang alleine ertragen. Das kommt überhaupt nicht in Frage. Das müsst ihr schon selbst erdulden. Ihr werdet schließlich dafür bezahlt. Ganz bestimmt gibt es da auch einen Posten Gefahrenzulage im Gehalt.“
Wenn der Drucktermin naht, muss sich alles fügen. Die letzten Texte sind zu schreiben, die Anzeigen müssen freigegeben werden, das Layout muss stehen, die Druckdatei darf keine Fehler aufweisen. Und alles muss auch noch Korrektur gelesen werden. Genau in dieser Zeit geht zuverlässig alles schief. Die eine Anzeige, die noch fehlt, kommt plötzlich im Quer- statt im Hochformat. Dringende Freigaben fehlen. Und die letzten Texte werden einfach nicht fertig.
Am Ende bin ich so geräuschempfindlich wie die Prinzessin auf der Erbse, so konzentriert wie ein Despot bei der Erringung der Weltherrschaft und so zeitsensibel wie jemand, dem die letzte Stunde geschlagen hat. Wenn das PDF mit der neuen Druckdatei zwei Sekunden vor dem aller-aller-allerletzten Drucktermin durch den Internet-Äther zur Druckerei geschickt wird, spüre ich eine schlimme Erschütterung des Raum-Zeit-Kontinuums, die man sicherlich noch in fernen Galaxien messen kann (und die sicherlich irgendwann garstige Außerirdische zu unserer Erde führen wird).
Insbesondere das geballte Korrekturlesen von 100 A4-Seiten direkt in den Stunden vor dem Druck führt bei mir dazu, dass ich mich am nächsten Tag an den eigentlichen Drucktermin nicht mehr erinnern kann. Der gesamte Tag, der für die Mitarbeiter im Büro meist traumatisch ist, ist dann komplett wie ausradiert, als hätte er nie stattgefunden. Die Festplatte im Hirn ist leer.
Das führt am Tag nach dem Druck dazu, dass die ganze Welt plötzlich wieder rosig, schön und voller Möglichkeiten erscheint. Es gibt keinen Zeitstress mehr, aber so viele neue Ideen, über was man denn eigentlich einen tollen Artikel schreiben könnte, nein, sogar – müsste. Und schon kommt im blinden Eifer des Gefechts die eine Idee auf, die die schlauen Mitarbeiter hassen, weil sie genau wissen, wie das endet: „Mensch, lass uns doch im nächsten Monat besser gleich 116 Seiten machen statt 100.“
Der Rumms, der dann zu hören ist, kommt daher, weil die Kollegen ohnmächtig von ihren Schreibtischstühlen gefallen sind. Ach Mensch, die sollen nicht so übertreiben. So schlimm war der Drucktermin in diesem Monat doch gar nicht. (Carsten Scheibe)
Dieser Artikel stammt aus „Unser Havelland“ Ausgabe 236 (11/2025).
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