Scheibes Glosse: Einzelkinder
Ich schlage keine Frauen, ich ärgere keine kleinen Kinder, ich verpetze keine Falschparker, ich beleidige keine Mitmenschen. Ich werfe keinen grün leuchtenden atomaren Müll in den Wald, trete keinen Hund, schimpfe beim Autofahren nur wenig und halte Frauen gern die Tür auf. Ich bin also wirklich kein Monster. Tatsächlich scheine ich aber etwas noch viel, viel Schlimmeres zu sein. Denn ich bin – ein Einzelkind.
Ich kann mich noch gut an eine Unterrichtsstunde in der frühen Grundschule erinnern. Nach langen Diskussionen wurde in der Klasse mit vier Gegenstimmen beschlossen, dass alle Einzelkinder egoistisch, verwöhnt und sozial völlig inkompetent sind. Die vier Gegenstimmen lassen sich schnell erklären: Das waren wir vier Einzelkinder in der Klasse. Alle anderen Schüler hatten Geschwister. Na super.
Inzwischen hat sich die Zahl relativiert. Das Verhältnis liegt aktuell bei 4:1. Das bedeutet: Jedes vierte Kind in Deutschland ist ein Einzelkind. Trotzdem spricht man weiterhin sehr gern vom “Einzelkind-Syndrom”. Wir gelten als sozial äußerst schwierig und schwer verhätschelt. Wir sollen das Lieblingsobjekt komplett eskalierender Helikoptereltern sein. Alle machen gern einen weiten Bogen um uns. Dabei waren auch berühmte Leute wie etwa der Physiker Albert Einstein, der Schriftsteller Erich Kästner und der Erfinder Leonardo da Vinci Einzelkinder.
Ein echter Vorteil ist natürlich: Als Einzelkind musste ich nie darum kämpfen, wer denn nun das letzte Bonbon bekommt. Kein Geschwisterkind hat je meine Comics zerrissen oder meinen Action-Jim-Puppen den Kopf abgerissen. Niemand hat mit dreckigen Fingern auf mich gezeigt und gepetzt: “Der war’s”. Ich war es ja sowieso, es gab ja keine anderen Verdächtigen.
Für meine Eltern war der Status des Einzelkindes oft genug ein Gewinn. Ich konnte stundenlang auf Autofahrten still auf der Rückbank sitzen und mir selbst spannende Geschichten im Kopf erzählen. Oder Ewigkeiten aus dem Fenster schauen, um die Autokennzeichen von fremden Städten zu notieren. Da gab es von mir kein einziges “Sind wir bald da?” Ich brauchte nur ausreichend Gespensterkrimi-Hefte als Futter, um den Autotrip nach Portugal zu überstehen, ohne zu nerven.
Klar ist natürlich, dass man so ganz alleine auf mitunter recht befremdliche Ideen kommt – und Hobbys entwickelt, die nicht ganz normal klingen. Wie sonst kommt man auf den Gedanken, Kreuzspinnen frei im Kinderzimmer zu züchten, Cartoons aus allen Zeitschriften der Eltern auszuschneiden, ein eigenes Stöpsel-Magazin mit Auflage 1 zu malen oder in ganz Berlin jede Apotheke mit dem Fahrrad anzufahren, um Apothekennotdienstpläne zu sammeln? Sorgen hatten meine Eltern erst, als ich mir im Luftschutzbunker im Wohnblock meiner Großeltern ein eigenes Chemielabor eingerichtet habe. Und womit hatten sie das? Mit Recht!
Klar ist: Ich habe dank fehlender Geschwister nie gelernt, mich richtig mit anderen Kindern zu streiten. Ich zwirbele nicht die Brustwarzen meiner Kontrahenten, ziehe nicht an Haaren und kenne auch diesen speziellen Würgegriff für Geschwister nicht, bei dem man mit der Nase in der schwitzigen Achselhöhle des Peinigers landet. Ich kann Streitigkeiten nicht mit dem Klatscher eines nassen Badehandtuchs beenden, ich stelle anderen Leuten kein Bein und lege ihnen auch keine tote Maus unters Kopfkissen.
Was ich als Einzelkind aber gut kann: Pläne schmieden, wie man sich Monate später für eine erlittene Schmach rächt. Mit einem sinistren Plan, der so gemein, penibel ausgearbeitet und fürchterlich ist, dass er jedem intergalaktischen Bösewicht aus einem Marvel-Comic würdig wäre. Also mindestens Thanos-Niveau.
Was ich als Einzelkind so gar nicht gut kann – teilen. Wenn ich etwas zu Essen vor mir habe, dann frage ich andere am Tisch niemals und auf gar keinen Fall, ob sie denn einmal probieren wollen. Wie kommt man denn auf so einen Gedanken? Stattdessen schlinge ich beide Arme schützend um den Teller. Und verteidige meine Beute. Das gleiche Verhalten habe ich auch bei Kindern gesehen, die im Heim aufgewachsen sind.
Mitdenken bei gemeinsamen Mahlzeiten kann ich als Einzelkind auch ganz besonders schlecht. Oft beiße ich bereits in meine fertig geschmierte Brötchenhälfte – und vergesse, den anderen am Tisch überhaupt auch nur ein Brötchen zu reichen, geschweige denn die Butter. Meine Mitmenschen reagieren fassungslos, aber ich bin unschuldig: Ich bin nun einmal ein Einzelkind.
Das Einzelkind kommt auch dann zur Geltung, sobald ich einmal krank bin. Ich möchte dann nicht umsorgt und betüdelt werden. Stattdessen reicht mir ein einsamer Platz auf dem Sofa aus. Lasst mich einfach alle in Ruhe, lasst mich sterben. Und fegt meinen erkalteten Körper anschließend mit dem Besen vor die Tür, falls die Krankheit doch stärker war als das Leben.
Leider kann man das Einzelkind-Gen nicht vererben. Wenn man dann doch gleich zwei Kindern das Leben schenkt, staunt man als Einzelkind nur umso fassungsloser, wenn sich plötzlich die gesamte Bandbreite des Geschwisterlebens vor einem entfaltet: “Mir ist langweilig”, “Sind wir bald da?”, “Der hat meinen letzten Keks gegessen”. (Carsten Scheibe)
Dieser Artikel stammt aus „Unser Havelland“ Ausgabe 235 (10/2025).
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