Scheibes Glosse: Digitalchaos
Wir leben im Zeitalter der Digitalisierung. Es könnte so ein schönes, einfaches Zeitalter sein. Wenn es nicht immer wieder Probleme geben würde. Das weiß jeder, der schon einmal ein neues Passwort vergeben musste und das nicht geschafft hat, weil es zwingend eine bestimmte Länge, diverse Sonderzeichen und außerdem Großbuchstaben nicht am Anfang oder am Ende, sondern unbedingt in der Mitte aufweisen muss. Neben diesem Klassiker gibt es aber noch die eine oder andere weitere Digital-Hölle am Wegesrand.
Wir fliegen um die Welt. Scheitern aber bereits bei der Essensbestellung am Flughafen. Während wir darauf warten, dass unser Gate besetzt wird und wir in den Flieger einsteigen können, macht sich im Reisestress ein kleines Hüngerlein bemerkbar.
Sollen wir noch rasch etwas essen vor Ort, auch wenn die Preise am Flughafen bestimmt exorbitant hoch sind? Ach, na klar. Wir können uns ja eine Pizza oder eine Pasta teilen. Wir setzen uns also in ein kleines Bistro – und warten. Niemand kommt, auf dem Tisch liegt auch keine Speisekarte. Nach gefühlt zehn Minuten erbarmt sich jemand vom Service-Team: “Ja, haben Sie denn noch nicht den QR-Code gescannt?”
Tatsächlich klebt ohne weitere Erklärung ein QR-Code auf dem Tisch. Wir lernen, dass wir diesen Code mit der Kamera-App des Smartphones abscannen sollen. Dann würde uns der Code auf eine Homepage führen. Hier könnten wir die Speisekarte einsehen, die Bestellung aufgeben und am Ende auch gleich bezahlen. Wie cool ist das denn?
Das machen wir doch gleich. Leider werden wir zunächst aufgefordert, uns im System anzumelden. Gefühlt an die zweihundert leere Datenfelder warten auf uns. Name, Adresse, Geburtsdatum, Zahlungsmethode – alles muss erfasst werden. Wir sind abgenervt: Echt jetzt? Wir wollten doch nur rasch eine Pizza essen.
Am Ende füllen wir das Formular trotzdem aus, dem Hunger sei es geschuldet. Per Fingerdruck wird das Formular abgeschickt: ERROR. Gleichzeitig wird das Formular geleert, sodass wir noch einmal von vorne beginnen müssen. Und wieder: ERROR.
Der freundliche Kollege erscheint wieder am Tisch: “Und klappt alles?”
Nein, nix klappt.
“Oh, dann spinnt das System wieder einmal. Da kann ich dann auch nichts machen.”
Wir fragen nach: “Sie stehen doch vor uns. Können Sie uns nicht einfach irgendeine Pizza bringen und wir zahlen in bar?”
Der arme Mann wird kreidebleich. Als ob wir ihn gebeten hätten, seine kleine Schwester in den Abwasserkanal zu schubsen. “Nein, nein, das geht nicht. Es gibt gar kein Bargeld mehr bei uns. Und ohne Online-Bestellung gibt es auch keine Pizza.”
Wir stehen auf und eilen erbost zu einem griechischen Imbiss. Pide-Brot mit Füllung schmeckt schließlich auch sehr gut. Der freundliche Grieche strahlt uns an: “Haben Sie schon den QR-Code gescannt?”
Das Steuerbüro schickt mir eine E-Mail. Solche E-Mails sind im besten Fall kritisch zu sehen. Sie enthalten mitunter sehr private und sehr finanzielle Informationen. Der Datenschutz greift. Die Geheimhaltung gilt.
Also sind diese Mails kodiert: “Diese E-Mail enthält vertrauliche Daten, welche vom Absender über die DATEV E-Mail-Verschlüsselung versendet wurden. Zum Entschlüsseln doppelklicken Sie den Anhang ‘secure-email.html’ und melden sich mit Ihrem Passwort am Entschlüsselungsportal an.”
Äh? Passwort? Wie lautet das gleich noch? Ah, da ist es ja. Ich habe es groß mit Edding auf meine Schreibtischunterlage geschrieben. Aber ich muss noch mehr tun, wenn ich die Mail im iPhone öffnen möchte: “Um die verschlüsselte Nachricht mit iOS lesen zu können, benötigen Sie die kostenlose App Viewer by SEPPmail. Um die Entschlüsselung mit dem SEPPmail Viewer zu starten, drücken Sie lange auf den Anhang ‘secure-email.html’ und wählen Sie in der Auswahl die Funktion Teilen und anschließend den SEPPmail Viewer aus.”
Ach kommt, Leute, schickt mir doch den Kram lieber unverschlüsselt per Mail zu. Als GmbH stehen alle meine Firmenzahlen doch eh alle offen im Netz, weil ich sie für den Bundesanzeiger melden muss.
Ein Positivbeispiel für eine gelungene Digitalisierung: U-Bahn fahren in New York. Ich suche in einer U-Bahn-Station am Broadway nach einem Fahrkartenautomaten und habe schon richtig Horror vor verschiedenen Tarifzonen, Rabattsystemen und Alterseinteilungen der Fahrgäste.
Und dann das: Es gibt gar keinen Fahrkartenautomaten. Man geht einfach ans Drehkreuz, hält sein Handy mit Apple Pay an ein Display – und schreitet durch. Damit ist man für das Fahren mit der New Yorker U-Bahn autorisiert, bis man die unterirdischen Gänge wieder durch ein Drehkreuz verlässt.
Dieses System hält zuverlässig alle Personen von den Bahnsteigen fern, die hier nichts zu suchen haben. Sogar die öffentlichen Toiletten sind sauber.
Ich schaue am Ende auf meine Kreditkartenabrechnung: Zwei Dollar und ein paar Cents hat mich eine Fahrt gekostet. Warum geht so etwas in Deutschland nicht? (CS)
Dieser Artikel stammt aus „Unser Havelland“ Ausgabe 232 (7/2025).
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