Falkenseer Busbahnhof in Not: Das Deutschland-Ticket hat Schuld!
Im Kiosk am Busbahnhof in Falkensee können nicht nur Fahrscheine für Bus und Bahn gekauft werden. Der Kiosk ist eine Krafttankstelle im Herzen der Stadt, hier gibt’s heißen Kaffee, süßes Seelenfutter und gute Laune, vor allem Dank der beiden Herren hinter dem Verkaufstresen. Kevin Brumbach betreibt den Falkenseer Bahnhofskiosk, unterstützt wird er von seinem Mitarbeiter Mario Scheffel. Doch die Institution ist in Gefahr, denn seit der Einführung des Deutschland-Tickets schrumpfen die Einnahmen.
Da staunten Kevin Brumbach und Mario Scheffel nicht schlecht, als am 20. Februar plötzlich Deutschlands Außenministerin Annalena Baerbock bei ihnen im Kiosk stand. Ob die Geschäfte gut laufen würden, wollte sie wissen. „Nee“, sagte Mario Scheffel und erklärte umgehend, woran das liege. Das Deutschland-Ticket sei Schuld, seit dessen Einführung verkaufen sie im Kiosk kaum noch Einzelfahrscheine. „Für diese Verkäufe erhalten wir nämlich eine Provision“, erklärte Mario Scheffel. Die Politikerin zeigte sich erstaunt. „Das habe ich nicht gewusst“, sagte sie.
Die Autorin dieser Zeilen wusste das auch nicht. Bis vor kurzen kaufte auch ich noch meine Fahrscheine im Kiosk. Denn der Automat auf dem Bahnsteig spricht einen Slang aus irgendeinem Zipfel der hintersten Galaxie, den ich beim allerbesten Willen nicht verstehe. Stehen noch mehr Menschen mit einem Mangel an kosmischen Fremdsprachenkenntnissen am Automaten, besteht die Gefahr, den Zug zu verpassen. Also gehe ich lieber gleich in den Kiosk. Da kann ich noch ein Sandwich oder eine Zeitschrift für unterwegs mitnehmen, das ist alles viel stressfreier als das Stirnrunzeln am Automaten. Nun bin ich aber inzwischen in der Moderne angekommen und kaufe mein Ticket mit einer App am Handy.
Eine Woche nach dem Besuch durch Annalena Baerbock besuchte ich Kevin Brumbach und Mario Scheffel noch einmal in ihrem Kiosk am Falkenseer Bahnhof. Meine neue App sei auch so ein Problem für die beiden. Die Online-Ticketbuchungen machen ihnen ebenfalls das Leben schwer. Schnell wird klar: Das Deutschlandticket ist für sie nur die Spitze des Eisbergs.
Neben Fahrscheinen werden im Kiosk am Busbahnhof auf rund 80 Quadratmeter Fläche süße und herzhafte Snacks angeboten. Es gibt Kaffee, Erfrischungsgetränke, Tabakwaren und Presseerzeugnisse. Der kleine Bistrobereich lädt Reisende zum Verweilen ein.
2011 hatte Kevin Brumbach den Kiosk von der Stadt angemietet, davor hatte er seine Tickets aus einem Container heraus verkauft.
Damals wie heute verkaufte er Tickets für den DB-Fernverkehr und für den Verkehrsverbund Berlin Brandenburg (VBB).
„Als wir eröffneten, bekamen wir noch 2 bis 9,5 Prozent Provision auf jedes verkaufte Ticket im DB-Fernverkehr. Im letzten Jahr wurden die Verträge erneuert, nun bekommen wir nur noch zwei Prozent von jedem verkauften Ticket“, erklärte Kevin Brumbach. Vom VBB bekomme er 9,5 Prozent Provision für jedes verkaufte Ticket.
Seit der Einführung des Deutschlandtickets im Mai 2023 rauschte die Anzahl der verkauften Einzelfahrscheine allerdings in den Keller. Auch die Monatskarten werden nun kaum noch nachgefragt.
„Mir sind auf diese Weise etwa 60 Prozent der Kundschaft weggebrochen. Wir hatten sonst 65.000 bis 70.000 Euro Umsatz im Ticketverkauf im Monat. Jetzt sind es nur noch 25.000 bis 30.000 Euro“, sagte Kevin Brumbach. Die daraus fällig werdende Provision von 7,5 Prozent fehle ihm schmerzlich.
Der Mangel an Ticketkäufern hat aber weitere Folgen. Viele Kunden, die bislang ein Ticket gekauft hatten, haben sich zugleich auch einen Snack oder einen Kaffee gegönnt. Auch diese Einnahmen fehlen. „Um das aufzufangen, haben wir nun Lotto mit reingenommen“, erklärte der Kioskbetreiber. Dennoch, im letzten Jahr habe er bereits eine Mitarbeiterin entlassen müssen.
Während Kevin Brumbach erzählte, betrat ein Busfahrer den Kiosk und der Chef sprach ihn sogleich an: „Ihr verkauft doch auch, seit es das Deutschlandticket gibt, weniger Fahrscheine, oder?“ Der Busfahrer nickte zustimmend, weiter äußern mochte er sich in der Sache aber nicht. Also habe ich bei Havelbus nachgefragt. Die Sprecherin Silke Van Ballaer bestätigte, dass es trotz Zuwachs der Kundenzahlen Einbußen im Ticketverkauf gäbe. Sie erklärte: „Deshalb sind wir auf die sogenannte ‚Billigkeitsleistung Deutschland ÖPNV‘ angewiesen.“ Das Land Brandenburg schafft damit einen Ausgleich „nicht gedeckter Ausgaben und Aufwendungen im Zusammenhang mit der Einführung des Deutschlandtickets.“
Mit dem Problem ist der Kioskbetreiber am Bahnhof auch nicht allein. Der Geschäftsführer der Rosenthal-Gruppe, Marc Rosenthal, ist seit rund 25 Jahren mit dem Verkauf von Fahrkarten und Reisebedarf im Geschäft. Er ist an 67 Standorten in zehn Bundesländern präsent, so auch in Brandenburg. Eine der von ihm betreuten Verkaufsstellen befindet sich in einem Container am Bahnhof in Nauen.
„Die Einnahmen sind je nach Standort um bis zu 70 Prozent eingebrochen“, erklärte er zu den Auswirkungen des Deutschland-Tickets: „Kunden, die früher ein Monatsticket gekauft haben, kommen jetzt nicht mehr in die Verkaufsstellen.“
Und er fügte hinzu: „Da wurde von der alten Regierung ein kompletter Berufszweig am grünen Tisch abgeschafft.“ Dennoch sind die Mitarbeiter weiter in den Verkaufsstellen vor Ort, nehmen Anfragen und Beschwerden entgegen. „Der Service wird von den Betreibern der DB, wie auch im Öffentlichen Nahverkehr, gern genutzt, nur eben nicht bezahlt“, erklärte Rosenthal weiter. Ohne das Deutschlandticket habe er rund zwei Millionen Euro mehr im Monat umgesetzt. Standorte, die vorher 200.000 Euro einnahmen, schließen jetzt mit 60. 000 Euro im Monat ab. In den vergangenen 25 Jahren im Geschäft habe er bereits so einiges gesehen. „So eine Situation wie jetzt haben wir aber noch nie erlebt“, sagt er.
Zurück nach Falkensee. Hier treibt Kevin Brumbach bereits die nächste Sorge um. Ab August wird die Bahnstrecke Berlin-Hamburg unter Komplettsperrung saniert. Das heißt, am Bahnhof Falkensee wird bis zum nächsten Frühjahr kein einziger Zug mehr halten. 170 Busse sollen auf der gesamten Strecke im Schienenersatzverkehr fahren. Einige davon auch in Falkensee.
„Das wird das komplette Chaos hier am Busbahnhof geben“, orakelte Kevin Brumbach. Und wer die Verkehrssituation vor Ort kennt, ahnt: Diese Vorahnung kommt nicht von ungefähr. Ob sich dann noch weniger Kunden in den Kiosk verirren als jetzt schon, wird sich zeigen. Die Sorge bleibt. (Text/Fotos: Silvia Passow)
Dieser Artikel stammt aus „Unser Havelland“ Ausgabe 229 (4/2025).
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