Die Dorfkirche Schönwalde bekommt ihre dritte Glocke zurück!
Wie deutsche Geschichte plötzlich ganz lebendig werden kann, zeigte sich am 20. Juni mitten in Schönwalde-Glien und zwar im Ortsteil Dorf. Hier steht die kleine Dorfkirche der evangelischen Gemeinde. Im Glockenturm hängen zwei Glocken, eine große und eine mittlere. Die kleine, im Krieg eingeschmolzen, wurde nun endlich erneuert. Vor gut 75 Zuschauern wurde sie mit reiner Manneskraft in die Höhe gehoben: Nun ist das „fis“ wieder da!
Um die Bedeutung einer kleinen Glocke und ihres „fis“ zu erfassen, muss man einen kleinen Exkurs in die Vergangenheit unternehmen.
Wir schreiben das Jahr 1685. Im katholischen Frankreich kommt es zum Edikt von Nantes und damit zur Aufhebung der Toleranz gegenüber der evangelischen Glaubensauffassung. Auch der evangelische Offizier Imbert Rollaz du Rosey muss sich entscheiden: Gibt er seinen Glauben auf oder riskiert er es, vertrieben zu werden? Er folgt dem Ruf des Edikts von Potsdam. In dem reicht der Große Kurfürst den französischen Evangelen die Hand und bietet ihnen Asyl in Brandenburg an. Der Hugenotte Imbert Rollaz du Rosey macht Karriere am Brandenburger Hof und heiratet Dorothea Charlotte von Meinders. Aus ihrer Ehe gehen fünf Kinder hervor.
Der jüngste Sohn heißt Otto Rollaz du Rosey. Er erbt das Gut Schönwalde. Von hier aus hat er einen direkten Blick auf die alte Dorfkirche, die wohl in Trümmern liegt oder zumindest arg heruntergekommen ist. So stiftet er 1737 ein neues Kirchlein inklusive des Geläuts. Das besteht aus drei Glocken unterschiedlicher Größe.
Der heutige Pfarrer Martin Burmeister sagt: „Alle drei Glocken waren aus Bronze und läuteten, um zum Bibelwort und Gebet zu rufen. An alle ihre Klänge hefteten sich Wünsche, Bitten und Notrufe zu Gott.“
Die beiden Weltkriege sorgten leider dafür, dass alle drei Glocken eingeschmolzen wurden. 1917 wurden die mittlere und die kleine Glocke beschlagnahmt, um aus ihnen Kanonen zu fertigen. 1944 war auch die große Glocke an der Reihe.
In der Nachkriegszeit konnten die beiden großen Bronzeglocken erneuert werden. Allein – der dritte Platz blieb leer.
Kai Neuse vom Gemeindekirchenrat: „Am 20. Juni 2023 um 18 Uhr geschah in der Dorfkirche Schönwalde in Schönwalde-Dorf etwas ganz Besonderes: Die Kirche bekam endlich wieder ihre dritte und kleinste Glocke zurück. Durch die dritte Glocke kann nun wieder der komplette B-Moll-Dreiklang im Kirchturm erklingen. Es fehlte bisher das ‚fis‘.“
Der Kreis zur Vergangenheit schließt sich, weil die dritte Glocke von den Hamburger Eheleuten Petra und Imbert Rolla du Rosey gespendet wurde. Imbert Rolla du Rosey ist der letzte Nachfahre von Otto Rollaz du Rosey, der einst die Kirche hat bauen lassen. Entsprechend bewegt war der Spender auch, als er die frisch gegossene Glocke mit seinem eingeprägten Familienwappen und den Namen von ihm und seiner verstorbenen Frau erblickte.
Pfarrer Martin Burmeister: „Die Geschichte der Familie du Rosey in Schönwalde ist die Geschichte von einstmals Vertriebenen, die hier eine neue Heimat fanden. Möglich wurde das durch das feste Vertrauen in Gott, dass er Schutz und Schirm für die Schwachen, Verfolgten und Trauernden ist. Möge die kleine Glocke auch diese Botschaft mit ihrem Klang über diesen Ort legen.“
Gegossen wurde die neue Glocke im westfälischen Gescher durch die Gießerei Petit und Edelbrock. Der Prozess des Glockengießens hat über ein Jahr gedauert. Für Verzögerungen sorgte neben Corona auch ein ärgerlicher Materialdiebstahl. Verantwortlich für alle Planungen rund um die Glocke war „Glocken-Schmidt“ alias Wolfgang Schmidt aus Berlin. Er hatte im Vorfeld dafür gesorgt, dass die fertige Glocke mehrere Stunden lang sandgestrahlt und am Ende sogar grob gestimmt wurde. Vor Ort kümmerte sich ein Mitarbeiter darum, dass die Glocke gut vertäut wurde, damit sie mit reiner Manneskraft über einen Flaschenzug in die Höhe gehievt werden konnte – die Mitglieder des Gemeindekirchenrats legten bei diesem feierlichen Akt selbst mit Hand an. Von Hand zog Wolfgang Schmidt die Glocke dann in den Glockenturm, um sie fachmännisch in den Dachstuhl zu integrieren.
Vorher hatte Imbert Rolla du Rosey selbst die Ehre, den Glockenschlegel in die Glocke zu hängen und die Glocke erstmals anzuschlagen: Zuvor hatte ja noch niemand ihren Klang hören können.
Dass die Glocke ausgerechnet am UNO-Gedenktag für Geflüchtete auf der ganzen Welt in den Glockenturm verbracht wurde, war keine Absicht, aber im eigenne geschichtlichen Kontext natürlich umso passender.
Die drei Glocken werden nun an ein neues elektronisches Läutwerk angeschlossen. Erstmals zum Einsatz kam das klingende Dreigespann am 25. Juni – beim Gottesdienst und beim Sommerfest der Kirchengemeinde. Dabei wurde die neue Glocke durch Pfarrer Burmeister, dessen Gemeinde etwa tausend Mitglieder zählt, auch zeremoniell geweiht.
Lothar Lüdtke aus Schönwalde-Dorf: „Es ist für den Ort wirklich sehr schön, dass unsere kleinste Glocke wieder da ist.“ (Text/Fotos: CS)
Dieser Artikel stammt aus „Unser Havelland“ Ausgabe 208 (7/2023).
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