Was kann denn schöner sein als Fliegen? Ich bin der Meinung – einfach alles. Wie cool ist das denn? Meine Bordkarte für den Flieger liegt digital im Wallet von meinem Smartphone. Hier ist ein QR-Code zu sehen, den man nur noch am Schalter einscannen muss – und schon kann man an Bord des Flugzeuges gehen. Im Wallet ist aber auf einmal statt meiner Bordkarte nur die digitale Karte vom Parkdienst am Flughafen zu sehen.
Ich wische mit dem Finger auf dem Display hin und her. Das Display friert ein. Absturz. Ich starte das Handy neu. Aber das dauert. Bis das Betriebssystem wieder erwacht, lasse ich einen Passagier nach dem anderen vor. Das erweckt Aufmerksamkeit. Jemand von der Security zeigt mit dem Finger auf mich, direkt daneben spricht jemand in ein Walkie-Talkie.
Am Eingang zum Flugzeug werde ich nett von einem Steward begrüßt. Wo ich denn sitzen würde? 48b. Das sei rechts runter, sagt er. „Ja, wenns links hoch wäre, würde ich ja auch direkt im Cockpit landen“, wage ich einen Scherz. Der kam nicht gut an.
Ich brauche Ewigkeiten, um zu meinem Platz zu gelangen. Jeder Passagier hat ja neben Bauchtasche und Rucksack auch noch ein sogenanntes „Bordgepäck“ mit dabei, das mit Gewalt in die obere Gepäckablage geprügelt werden muss. Ich bin mir sicher, dass ich bei diesem Bordgepäck auch eine Bettmatratze, einen lebendigen Truthahn und einen Kühlschrank gesehen habe. Aber ich kann mich auch irren.
Früher gab es außen am Flugzeugrand immer nur zwei Sitze. Aber die Inflation hat inzwischen auch im Flugzeugbauch angezogen. Inzwischen sind da drei Sitze untergebracht. Wohlgemerkt auf dem gleichen Platz. Ich setze mich hinund habe sofort das Gefühl, dass meine Oberarme an meinem Oberkörper festgetackert sind. Ich kann plötzlich nur noch die Unterarme bewegen.
Zum Glück habe ich noch genug Beinfreiheit. In den freien Platz zwischen meinen Knien stopfte ich die auf meinem Sitz liegende Decke, die ich nicht brauche. Das bereitgestellte Nackenkissen, das ich nicht benutze. Meine Jacke. Und meinen Rucksack. Das war es jetzt mit meiner Beinfreiheit.
Bis zuletzt habe ich Hoffnung, dass der Sitz neben mir leer bleibt. Vergebens. In letzter Sekunde erscheint ein gewaltiger Hühne, zwängt sich in den Sitz neben mir und drückt mit seiner reinen Körpermasse sofort meinen Ellenbogen von der gemeinsam genutzten Lehne. Ich bekomme Platzangst. Dann fixiert er einen Punkt an der Flugzeugdecke an und rührt sich fortan sieben Stunden lang nicht mehr. Das war es wohl mit einer Pinkelpause.
Urplötzlich schwingt der Sitz vor mir in die maximale Liegeposition. Die Lehne touchiert zitternd meine Nasenspitze. Jetzt spüre ich meine Knie nicht nur nicht mehr, sondern sehe sie auch nicht mehr.
Das warme Bordessen kommt. Mir gelingt es, die festgetackerte Alufolie vom Hauptgericht abzuziehen, ohne mir eine Schlagader an den scharfen Kanten aufzuschneiden. Ich wollte auch ungern derjenige sein, der die Durchsage „Ist denn wohl ein Arzt an Bord?“ provoziert. Gulasch mit Kartoffelbrei soll es geben, es schmeckt aber wie dunkelbrauner Tafelschwamm auf eingetrocknetem Seifenschaum. Die dunkle Soße tropft auf mein nagelneues helles T-Shirt.
Ich bekomme Durst und erhalte eine Cola im Plastikbecher. Leider ist so viel Eis im Becher, dass die Cola mit einem Schluck alle ist. Ich habe jetzt immer noch Durst, dafür aber für gefühlt mehrere Stunden einen leeren Plastikbecher in der Hand.
Am Ende muss ich doch aufs Klo. Und stelle fest: Wer hier in der engen Kabine heimlich Sex haben möchte, um zum „Mile High Club“ dazuzugehören, muss sehr biegsam sein. Und sehr, sehr horny. Ich hätte mehr Freude daran, hier einen Bakterienabstrich von den Oberflächen zu nehmen.
Bei der Landung höre ich plötzlich Würgegeräusche hinter mir. Das Kind, das die ganze Zeit gegen die Rückseite vom Sitz getreten hat, hat anscheinend Probleme. Das Geräusch ist sehr nah an meinem Ohr.
Mein Anschlussflug wurde wegen eines Streiks vom Servicepersonal gestrichen, ich muss deswegen fünf Stunden lang mit dem Mietwagen von Frankfurt am Main nach Berlin fahren. Die deutsche Freundlichkeit hat mich sofort wieder: „Wenn Sie den online reservierten Mietwagen zehn Minuten zu früh abrufen, zahlen Sie einen Tag mehr.“ – Im Auto habe ich aber endlich wieder Beinfreiheit und keine fremden Leute mehr neben mir. Nur riecht es leider die ganze Zeit nach Erbrochenem. Wo das wohl herkommt? (Carsten Scheibe)
Dieser Artikel stammt aus „Unser Havelland“ Ausgabe 242 (5/2026).