Falkensee liegt mitten im Speckgürtel von Berlin. Wer hier wohnt, gehört ganz klar zu den Besserverdienenden im Land. Und trotzdem wird auch in den Supermärkten dieser Region geklaut, als gäbe es kein Morgen. Alexander Vujanov vom EDEKA im Wachtelfeld spricht das Problem ganz offen an und gibt erstaunt zu bedenken, dass im Alltag gar nicht die Bevölkerungsgruppen lange Finger machen, von denen man das wohl am ehesten erwartet hätte.
Alexander Vujanov (41) leitet den EDEKA-Markt im Wachtelfeld. Gut gelaunt streift er Tag für Tag durch seinen Markt, begrüßt die Leute mit Namen, ist immer für einen Spaß zu haben und hilft bei Fragen und Problemen gern weiter. Umso betroffener ist er, wenn seine Kunden plötzlich zu Langfingern werden und Ware aus dem Markt mitnehmen, ohne sie an der Kasse zu bezahlen.
Alexander Vujanov: „Es sind gar nicht die Bevölkerungsgruppen, von denen immer gesagt wird, dass sie klauen, die von unseren Kameras aufgezeichnet werden. Als ich den Markt vor drei Jahren übernommen habe, musste ich in den ersten zwei Wochen bestimmt an die 30 Stammkunden aussortieren, die bei uns fast jeden Tag etwas haben mitgehen lassen. Leider ist es so, dass Gelegenheit Diebe macht. Und gerade Alkohol und Kaffee haben inzwischen einen eigenen Schwarzmarkt und können schnell zu Geld gemacht werden. Bestimmte Artikel von Wert können wir deswegen gar nicht mehr frei im Markt platzieren. Sie werden weggeschlossen und nur noch nach Aufforderung herausgegeben.“
Für manche Kunden scheint das Klauen eine kreative Maßnahme zu sein, um die Inflation und damit die Teuerung im Supermarkt auszugleichen. Alexander Vujanov: „Die Leute fangen wirklich damit an, Alltagsgegenstände zu klauen. Wer beim Einkauf für etwa 100 bis 150 Euro Waren in den Korb legt, packt dann auch noch für 20 bis 30 Euro das Wurstpaket, die Zahnpasta oder eine kleine Seife in die Tasche, ohne an der Kasse dafür zu bezahlen.“

Wie kann man sich vor den diebischen Elstern schützen? Alexander Vujanov: „Man kann natürlich einen Ladendetektiv beauftragen, der aufpasst. Das ist aber ein hoher Kostenfaktor. Wir haben überall Kameras im Markt, aber die muss natürlich auch jemand die ganze Zeit über im Auge haben, was gar nicht möglich ist. Die Mitarbeiter passen natürlich auch auf, wenn sie im Markt unterwegs sind.“
Viele Supermärkte haben inzwischen Self-Checkout-Kassen, an denen der Kunde seine Waren selbst durch den Scanner zieht, um sie am Ende mit der Bankkarte zu bezahlen. Laden diese Kassen nicht auch dazu ein, den einen oder anderen Artikel beim Scannen zu „vergessen“?
Alexander Vujanov: „Es gibt einen schönen Fernsehbericht von Spiegel TV zum Thema, den man sich bei YouTube noch ansehen kann. Wenn man sich da die Kommentare durchliest, könnte man jeden zweiten Kommentator zur Anzeige bringen. Das sind echte Anleitungen zum professionellen Ladendiebstahl.“
Als die Self-Checkout-Kassen in den Supermärkten installiert wurden, hofften die Marktleiter, dass die Kunden auf diese Weise ihren gesamten Wocheneinkauf selbst einscannen. Inzwischen wurden die Kassen oft so reglementiert, dass die Kunden nur noch zehn Artikel scannen dürfen.
Alexander Vujanov: „Tatsächlich fällt es uns schwer, Mitarbeiter für die Kasse zu finden. Ich sage gern: Der Supermarkt ist die Luftpumpe, die den Ballon aufbläst, und die Kasse ist die Nadel, die den Ballon zum Platzen bringt. Die Self-Checkout-Kassen sollten das Personal entlasten. Leider sehen manche Kunden das eher als Einladung dafür, sich selbst eine Inflationsprämie zu gönnen. Die sagen sich: Ich habe das Recht, hier zu klauen, weil ich ja für den Markt die ganze Arbeit des Scannens mit erledige. Also landet der Joghurtbecher am Scanner vorbei im Korb. Zur Not bleibt ja immer noch die Ausrede, das sei aus Versehen passiert. Aber die Diebstahlrate ist der Grund, warum an den Self-Checkout-Kassen nur noch zehn Artikel gescannt werden dürfen.“
Die ersten Märkte trennen sich auch schon wieder von ihren Einkaufswagen mit eigenem Scanner, weil die Diebstahlquote hier noch höher ausfällt als bei den Self-Checkout-Kassen.
Alexander Vujanov: „Da wird wirklich mit vollem Bewusstsein gestohlen. Aus diesem Grund haben wir uns für unseren neuen Markt gegen diese rollenden Diebstahlhilfen entschieden. Ganz wichtig: Werden Kunden beim Diebstahl mit einem solchen Einkaufswagen mit Scanner erwischt, ist hier nicht mehr nur von einem einfachen Ladendiebstahl die Rede. Dann sprechen wir bereits von Cyberkriminalität, weil der Kunde den Computer betrügt. Hier warten deutlich höhere Strafen auf den Dieb.“

Könnte man mit Künstlicher Intelligenz (KI) die Langfinger nicht noch viel besser überwachen? Alexander Vujanov: „Ganz klar ist: Wir können nicht den ganzen Tag vor der Kamera verbringen. Eine KI-Unterstützung wäre da schon sehr wünschenswert. Die Programme, die bislang verfügbar sind, stehen aber noch ganz am Anfang. Sie schlagen auch Alarm, sobald der Kunde sein Handy in die Tasche steckt. Unser bestes Mittel gegen Ladendiebstahl ist Aufmerksamkeit. Wir sind präsent, wir sind freundlich, wir sprechen mit den Kunden. In einer solchen Umgebung ist die Wahrscheinlichkeit eines Diebstahls geringer, weil man sich beobachtet fühlt.“
Oft sind es Zufallsfunde, die dazu führen, dass ein Dieb „erwischt“ wird. Alexander Vujanov: „Da gibt es etwa die Omi, die Stammkundin ist und jeden Mitarbeiter persönlich umarmt, aber jeden Tag noch ein paar Artikel in der Brottüte mit ihren Brötchen versteckt. Wir hatten auch schon den Maseratifahrer, der alle zwei Tage ein Fleischpaket in der Jogginghose versteckt. Es war wirklich alles schon dabei. Es gab Diebe, die wollten mit einem ganzen Wagen voller Sachen davonlaufen. Das ist aber den Mitarbeitern aufgefallen, weil der Wagen wirklich sinnlos vollgepackt wurde. Da haben die Kollegen inzwischen ein Auge für.“
Wie geht das Team mit einem enttarnten Ladendieb um?
Alexander Vujanov: „Wir versuchen, den Kunden direkt zu konfrontieren. Wir sprechen in einem solchen Fall immer sofort ein Hausverbot aus – meistens direkt in der Kassenzone, damit die übrigen Kunden es auch mitbekommen, dass wir auf der Hut sind und durchgreifen. Die ertappten Kunden reagieren ganz unterschiedlich. Meist sind sie einsichtig und bezahlen den Einkauf und die Vertragsstrafe. Es gibt Leute, die sind uneinsichtig und behaupten, sie hätten nichts gestohlen, obwohl vier Videos das Gegenteil beweisen. Diese Kunden bringen wir zur Anzeige. Ich habe immer vollstes Verständnis, wenn es den Menschen schlecht geht. Da würde ich noch sagen: Hier, nimm die Bratwurst oder das Brot auch noch mit. Die Kunden, die bei uns stehlen, sind aber in keiner Notsituation. Man muss sich immer darüber im Klaren sein, dass ein Diebstahl nicht nur den großen EDEKA-Konzern betrifft. Wir alle arbeiten hart für unser Geld. Man bedient sich an meinem Portemonnaie und an denen meiner Mitarbeiter. Da geht es um Gelder, die am Ende in der Kasse fehlen. Es gibt keine Versicherung, die das auffängt. Über das Jahr gerechnet ist das ein signifikanter Betrag, der mir fehlt, um etwa die Gehälter der Kollegen zu erhöhen.“
Die verrücktesten Geschichten hat Alexander Vujanov bereits erlebt: Die Dame, die unter einem riesigen Sombrero ein Tiefkühlhähnchen versteckt hat. Der Ladendieb, der sich zwei leere Flaschen in die Jacke genäht hat, um hier heimlich Schnaps umzufüllen. Die Mutter, die alle Eier im Eierkarton gegen Überraschungseier für die Kinder ausgetauscht hat.
Alexander Vujanov: „Oft bin ich persönlich enttäuscht. Dann sage ich auch: Solange mein Name über der Ladentür steht, möchte ich Sie hier nicht mehr wiedersehen. Dafür liebe ich die ehrlichen Kunden, die zu mir kommen und sagen, letztens hätte die Kasse einen Sechserträger Wasser nicht richtig gescannt und den wollten sie noch rasch nachträglich bezahlen. Die haben bei mir für immer einen Stein im Brett.“
Was wird eigentlich am liebsten geklaut? Alexander Vujanov: „Alles, was klein ist. Lippenstifte, Zahnpasta, Cremes, kleine Gewürztüten. Und Pralinen. Warum auch immer man solche Dinge stiehlt.“
Was fällt sonst auf? Alexander Vujanov: „Bei Kindern gilt Klauen noch immer als Mutprobe. Das war schon immer so. Das wird sich auch nicht mehr ändern. Letztens haben wir einen Jungen erwischt, der wurde von Mitschülern aus seiner Klasse zum Klauen gezwungen. Dem wurde in Aussicht gestellt, dass er dann in die Clique aufgenommen wird. Das ist natürlich sehr traurig. Die älteren Jugendlichen versuchen eher, eine Flasche Schnaps für eine Party mitgehen zu lassen.“ (ϑ Text/Fotos: CS)
Dieser Artikel stammt aus „Unser Havelland“ Ausgabe 245 (8/2026).