Einmal im Monat, meist am dritten Mittwoch im Monat, lädt die Brandenburgische Genealogische Gesellschaft (BGG) Roter Adler e.V. zu ihrem Geschichts-Salon Falkensee ein. Das Thema am 18. Februar war ein ganz besonderes: Der Falkenseer Architekt Gereon Legge spürte der Geschichte vom berühmten Hexenhaus nach – und kam in seinem Vortrag durchaus zu ganz neuen Erkenntnissen.
Das Falkenseer Hexenhaus in Finkenkrug, in dem heute der Spitzenkoch Edmund Becker eine deutsch-französische Fusionsküche auf den Teller bringt, steht nicht nur wegen seiner Kulinarik hoch im Kurs. Auch seine in Deutschland einmalige Architektur ist absolut sehenswert: Das Haus ist aus kompletten Eichenstämmen mit Rinde errichtet worden – und macht so seinem Rufnamen „Hexenhaus“ alle Ehre.
Gereon Legge spürt als Architekt natürlich eine besondere Verbindung zum Hexenhaus, zu dem es in ganz Deutschland kein vergleichbares Äquivalent gibt. Und so hat er sich ganz in seine Geschichte vertieft. Er ist – zusammen mit seiner Mitstreiterin Claudia Schmidt – Spuren nachgegangen, hat Dokumente gesichtet, Zeitzeugen befragt und sich als architektonischer Sherlock Holmes versucht. Seine Ergebnisse hat er am 18. Februar im Geschichts-Salon Falkensee in den Räumen vom ASB-Mehrgenerationenhaus vorgetragen, noch ausführlicher kann man sie im Heimatjahrbuch 2026 des Museums nachlesen.


Klar muss den Hexenhaus-Freunden sein, dass der Eichenbau nicht für sich alleine betrachtet werden darf. Der ursprüngliche Bauherr war vor über 120 Jahren der Berliner Alexander Steinmetz, der Handelsvertreter für edle Papiere war und eine Fabrik für die Herstellung von Luxuspapieren und Knallbonbons hatte. Er hatte im Jahr 1901 das Grundstück „Am Rosengarten“ im neuen Villenvorort Neu-Finkenkrug mitten im Seegefelder Forst erworben. Auf einer Lichtung mit Wald errichtete er in den kommenden Jahren sehr schnell die „Villa Storchennest“ mit einer verputzten Fassade, das Birkenhaus mit einer Fassade aus Birkenstämmen und schließlich das „Landhaus Waldtraut“ als das heutige Hexenhaus. Alle drei Häuser gibt es noch. Die „Villa Storchennest“ hat nun allerdings eine hölzerne Fassade bekommen. Und die Birkenstämme vom Birkenhaus sind außen den Ameisen zum Opfer gefallen, hier lassen sich die Birkenstämme nur noch im Inneren bestaunen.
Gereon Legge: „Lange hieß es, der Alexander Steinmetz habe die drei Häuser im Grünen für seine drei Töchter gebaut. Das kann aber so nicht stimmen. Eine Tochter ist bereits mit vier Monaten gestorben. Dann blieben nur noch zwei Kinder übrig – Sohn Hellmuth und Tochter Bertha. Auch der Name ‚Landhaus Waldtraut‘ wirft Fragen auf. Denn die Frau von Alexander Steinmetz hieß nicht so.“
Alexander Steinmetz hatte nicht lange Freude an den drei Häusern in einer neu umgesetzten Parkanlage vor den Toren Berlins. Gereon Legge: „Bereits Ende 1904 musste Alexander Steinmetz das Gelände verlassen, 1905 kam es zu einer Zwangsversteigerung. Die Gründe dafür wissen wir leider nicht. Neuer Eigentümer war ein Rudolf Fürle. Er starb ein Jahr später und vererbte das Grundstück mit den drei Häusern an seine Nichte und seinen Neffen, damals drei und fünf Jahre alt. Bis nach dem 2. Weltkrieg wurden die Häuser immer wieder vermietet, dann fand sich wieder ein neuer Käufer. Auch er vermietete die Häuser.“


Auffällig ist, dass die drei Häuser in Finkenkrug im Grunde genommen ungewöhnlich klein sind. Gereon Legge: „Das Hexenhaus hatte ursprünglich nur einen Grundriss von 5 x 8 Metern. Ein Jahr später kam es zu einer Erweiterung, später wurde das Haus noch einmal mit einem Anbau ergänzt. Erst da bekam es die Ansicht und Form, die man von heute kennt. Die Stämme mit Rinde, die Tür mit dem metallenen Hirschkäfer, das Geländer auf der Dachterrasse aus kompletten Ästen – das alles hält nun schon seit über hundert Jahren. Erdacht hat das Hexenhaus übrigens ein Carl Voigt aus Eisleben, der selbst zwar Zimmermann, aber kein Architekt war. Er hatte auf eine bildhafte und naturnahe Architektur gesetzt. Das ist in meinen Augen aber kein reiner Jugendstil, wie sonst immer gern behauptet wird.“
Zumindest das Hexenhaus steht inzwischen unter Schutz. Gereon Legge: „Es gibt für Falkensee eine gut gefüllte Liste mit Denkmälern. Allerdings sind hier tatsächlich nur 20 Gebäude zu finden. Aufgeführt sind etwa das Rathaus, die Kirchen – und seit dem Jahr 2000 auch das Hexenhaus.“
Wie ging es aber nun mit der Geschichte des Hexenhauses weiter? In der DDR-Zeit hat sich die Kommunale Wohnungsverwaltung (KWV) um die Vermietung des Objektes gekümmert. Das Hexenhaus wurde also nicht öffentlich genutzt, es war einfach ein privat bewohntes Haus mit einer mehr als ungewöhnlichen Fassade.
Gereon Legge: „Insbesondere nach der Wende verfiel das Hexenhaus, Fotos von 1995 und ’96 zeigen einen ruinösen Zustand. 1996 zog der letzte Mieter aus, es regnete durch das defekte Dach hinein. Wie sollte man das Hexenhaus retten? Es wurde ein Verein gegründet, der Geld sammeln wollte. Auch versuchte man, das Haus der Stadt Falkensee zu verkaufen. Vergeblich, dafür war kein Geld da.“
2006 kam es zu einer Zwangsversteigerung. Dr. Lothar Hardt aus Monaco erhielt den Zuschlag. Er investierte in der Folge viel Geld, um eine denkmalgerechte Sanierung durchzuführen – und überzeugte seinen Freund Edmund Becker 2009, in der ungewöhnlichen Immobilie eine Gastronomie zu eröffnen – ‚Edmonds Literaturcafé Hexenhaus‘ war geboren. Der letzte Coup: Der Falkenseer Immobilienmakler Stephan Schacher kaufte das Grundstück mit dem Hexenhaus 2021 – das Restaurant blieb allerdings bestehen.


Richtig spannend wurde es NACH dem Vortrag. Cornelia Kotzian meldete sich ganz spontan und verkündete in der mehr als interessierten Runde: „Ich bin im Hexenhaus aufgewachsen, ich habe mit meiner Mutter von 1956 bis 1979 im Hexenhaus gewohnt. Da, wo heute die Toiletten sind, war unser Kohlenkeller. Es wurde nie richtig warm im Hexenhaus. Es gab damals einen Speiseaufzug, um das Essen aus der Küche nach oben zu bringen.“ Die anderen Kinder suchten damals nach einer Hexe im Hexenhaus. Cornelia Kotzian: „Aber ich wollte doch viel lieber eine Prinzessin sein!“ Sie nannte das Hexenhaus deswegen auch ihr „Märchenschloss“. Und: „Vor uns haben Ziegen in dem Haus gehaust.“
Zu dem Vortrag hatten Cornelia und ihr Mann Konrad Kotzian auch ein Familienfotoalbum mit vielen Schwarz-Weiß-Aufnahmen zum Leben im Hexenhaus mitgebracht – was für ein spannender Ausklang für den Abend. (Text/Fotos: CS)
Dieser Artikel stammt aus „Unser Havelland“ Ausgabe 240 (3/2026).