Am 26. Oktober 1806 besichtigte Napoleon höchstpersönlich die kurz zuvor von den französischen Truppen eingenommene Zitadelle Spandau. Diese Episode wurde am 12. und 13. September passend zum Tag des offenen Denkmals noch einmal aufwendig nachgestellt – mit über 200 historisch gekleideten Personen. Beim historischen Spektakel waren Zuschauer sehr willkommen; ein Eintritt wurde nicht verlangt.
Preußen erklärte Frankreich 1806 den Krieg. Nach den vernichtenden preußischen Niederlagen bei Jena und Auerstedt am 14. Oktober 1806 rückten Napoleons Truppen in Richtung Berlin vor. Am 24. Oktober kapitulierte die Spandauer Zitadelle vor den Franzosen. Am 26. Oktober 1806 besichtigte Napoleon persönlich die Zitadelle und die Befestigungsanlagen.
Exakt dieses historische Szenario wurde am 12. und 13. September noch einmal nachgespielt – im Rahmen des Tages des offenen Denkmals. Für die Besucher war das Ereignis völlig kostenfrei. Sie durften sich frei auf dem Gelände der Zitadelle bewegen und auch die verschiedenen Ausstellungen und Museen besuchen.
Was aber niemand verpassen wollte: Um 10 Uhr morgens standen knapp 200 historisch gewandete Personen Spalier, um auf Napoleon und seine Entourage zu warten. Die Trommler waren bis weit nach Spandau hinein zu hören – und dann schritt auch schon Napoleon höchstpersönlich durch das Tor der Festung, um sich die Zitadelle zeigen zu lassen.



Armin Brenker gehörte zu den Personen, die die Besucher im historisch korrekten Kostüm begeisterten. Er sagte: „Ich bin der Korporal Brenker vom königlich preußischen Prinz-Heinrich-Füsilier-Regiment. Wir garnisonieren hier auf der Zitadelle. Heute bin ich der Kommandeur der Zitadelle und führe die Infanterie.“
Und er erklärte: „Diese historische Veranstaltung über das ganze Wochenende nennt sich eine Zeitreise. Dabei steht Napoleon im Mittelpunkt, der 1806 befohlen hat, die Festung einzunehmen, um sie anschließend zu besichtigen. Das wurde gerade im Kommandantenhaus zelebriert. Da wurde auch mit echten Kanonen geschossen, wenn auch ohne Kugeln.“
Die Zeitreise war aber nicht allein auf die Zeit des Vierten Koalitionskriegs innerhalb der Napoleonischen Kriege beschränkt. Armin Brenker: „Zeitreise bedeutet, dass wir von der Landsknechtzeit bis in die kaiserliche preußisch-königliche Zeit verschiedene Epochen aus dem 18. und 19. Jahrhundert abbilden. Auch der amerikanische Bürgerkrieg spielte bei der Darstellung eine Rolle.“
Die Zuschauer konnten sich im Innenhof der Zitadelle (www.zitadelle-berlin.de) ganz nach Belieben umschauen. Hier hatten die Regimenter, Landsknechte und US-Soldaten ihre Lager eingerichtet, exerzierten auf dem Platz oder säuberten ihre Waffen, wenn sie nicht gerade über dem offenen Feuer Kaffee kochten.



So konnte man vor Ort die Preußische Artillerie von 1740 aus Neustadt, die Virginia Miliz von 1776, die Kurmärkische Landwehr von 1813 oder das 6. schwere amerikanische Artillerieregiment von 1861 bestaunen. Auch die Leichte preußische Feldartillerie Grafenhainichen aus der Dreispitz-Zeit, die Kaiserliche Landknechtartillerie und die Französisch-Sächsische Artillerie 1. Regiment zu Fuss waren mit vor Ort.
Organisiert hatte das gesamte Spektakel die Ehrenlegion der Artillerie aus dem 1. Triptiser Schützenverein e.V. (www.1-triptiser-schuetzenverein.de) in Kooperation mit dem Spandauer Amt für Weiterbildung und Kultur, Fachbereich Kultur.
„Das historische Kostümspektakel verbindet eine lebendige Darstellung mit spannenden Einblicken in die Geschichte einer der besterhaltenen Renaissancefestungen Nordeuropas“, so hieß es vorab in einem Infotext. Und genau das stimmte. Die historisch gewandeten Darsteller vor Ort ließen sich nicht zweimal bitten, Details zu ihrem Auftreten zu erklären.
Johannes Brenneisen von der Kurmärkischen Landwehr von 1813 (www.kurmaerkische-landwehr.de) erzählte etwa: „Unsere Landwehr war in den Befreiungskriegen zwischen 1813 und 1815 sehr aktiv. Ihr war es gelungen, den Usurpator, diesen Franzosenkaiser namens Napoleon, wieder aus Preußen herauszutreiben. Die Landwehren wurden ab dem Frühjahr 1813 von den preußischen Kreisen und Provinzen aufgestellt. Hier dienten Männer, die über ein Losverfahren gezogen wurden oder die sich freiwillig gemeldet hatten. Sie wurden von den Kreisen mit dem Lederzeug, der Patronentasche und einem Gewehr ausgestattet. Der Rest wurde mitgebracht. Meist hatte man dafür die Sonntagskleidung blau eingefärbt. Am Kragen konnte man sehen, woher die Landwehr kam. Die Kurmark hatte rote Kragen, die aus Schlesien gelbe und die aus Pommern weiße. Die Landwehren aus Westpreußen hatten schwarze Kragen. Die Landwehr bestand vor allem aus Bauern und Knechten. Sie sind teilweise barfuß in die Schlacht gezogen, weil sie keine Schuhe hatten. Sie haben oft das, was die Franzosen liegengelassen hatten, einkassiert.“



Ein Problem in der damaligen Zeit waren die Gewehre. Das waren Vorderlader aus England, aus Schweden und aus anderen Ländern. Da gab es große Probleme mit den Kalibern – die Munition musste ja zum Gewehr passen. Kompanien wurden so eingerichtet, dass alle Soldaten das gleiche Gewehr hatten.
Johannes Brenneisen: „Die Gewehre haben nicht sehr genau geschossen, sie hatten eine unglaubliche Streuung. In einer Schlacht haben die Soldaten deswegen in Linien gekämpft. Wenn etwa 250 Soldaten gleichzeitig in eine Richtung geschossen haben, dann hat man im Kugelhagel schon irgendeinen Gegner getroffen. Zumal man oft in zwei oder drei Reihen geschossen hat. Bei den Franzosen waren die Generäle und Führungsoffiziere übrigens wunderbar goldglänzend geschmückt und mit einem Federbusch auf dem Kopf ausgestattet, das war für die Scharfschützen natürlich ein Geschenk. Vertrieben haben die Franzosen schlussendlich aber die einfachen Landwehrsoldaten. Das waren ja Bauern. Die haben die leergeschossenen Gewehre einfach umgedreht und sie wie einen Dreschflegel eingesetzt. Das kannten die Franzosen nicht – und sind weggerannt.“ (ϑ Text/Fotos: CS)
Dieser Artikel stammt aus „Unser Havelland“ Ausgabe 247 (10/2026).




























