Immer, wenn der Berliner glaubt, wirklich alles schon einmal gesehen zu haben, passiert doch wieder etwas Neues. In der ersten Augustwoche gab es Anlass zum Staunen: Auf dem Wannsee schipperten plötzlich bunte Autos über das Wasser. Über 200 Freunde der Amphibienfahrzeuge trafen sich zur „Amphib 2026“ in der Hauptstadt – und zeigten, dass ihre Autos per Schiffsschraube auch auf dem Wannsee fahrtüchtig sind.
Donnerstag, der 6. August, 14:30 Uhr: Am Imchenplatz in Kladow standen viele Schaulustige mit gezückten Kameras Spalier. Sie schauten an der Vogelinsel vorbei auf den Wannsee, um die ersten schwimmenden Autos der „Amphib 2026“ angemessen begrüßen zu können.
Jürgen Gößling (65) hatte das nach eigenem Bekunden „weltgrößte Treffen von Amphibienfahrzeugen“ in Berlin-Kladow organisiert – es fand vom 1. bis zum 8. August statt. Über 200 Teilnehmer aus einem Dutzend Nationen waren mit ihren eigenen 70 Schwimmfahrzeugen angereist, um die ungewöhnlichen Automobile gemeinsam auszufahren – auf dem Wasser.
Die Geschichte dazu ist folgende: 1987 trafen sich zum allerersten Mal viele Schwimmwagenfreunde in Holland, um ihre wassertauglichen Fahrzeuge auf den Niederrhein zu steuern. Das war ein so großer Spaß, dass man sich in der Folge darauf verständigte, das in jedem Jahr zu wiederholen – immer eine ganze Woche lang und immer in einem anderen Land. So kamen die Besitzer ehemaliger Militärfahrzeuge oder kultiger Privatschwimmautos in den kommenden Jahren auch nach Amsterdam, Paris und London. Die Gruppe nennt sich „Les Amis de l’Amphibie“, das jährliche Treffen wird als „Amphib“-Event bezeichnet.



Jürgen Gößling war in diesem Jahr mit einem GAZ 46 unterwegs: „Das ist ein russisches Fabrikat. Das Baujahr schätze ich auf 1951. Ganz genau kann man das aber nicht sagen. Es wurden nur sehr wenige Exemplare hergestellt. Es gibt auf der ganzen Welt nur noch ganz wenige GAZ 46, die nicht im Museum stehen. Dieses Amphibienfahrzeug mit seinem grünen Anstrich wurde ursprünglich für den militärischen Einsatz konstruiert.“
Drei Jahre lang hat der Dortmunder die „Amphib 2026“ in Berlin zusammen mit seiner Frau geplant – und ist froh, dass er den Staffelstab nun an den nächsten Freiwilligen übergeben darf: „Ich bin hellauf begeistert, wie gut die Zusammenarbeit mit den Berliner Behörden funktioniert hat. Die Wasserschutzpolizei, das Wasser- und Schifffahrtsamt, die Polizei – wir sind überall auf offene Türen gestoßen. Alle haben uns unterstützt. Die Wasserpolizei hat uns sogar jeden Tag begleitet. Sie haben zu schnelle Boote angehalten, damit sie keine Wellen schlagen, die uns ins Auto schwappen.“
Denn sobald die straßentauglichen Fahrzeuge erst einmal im Wasser schwimmen, werden sie nur noch von kleinen Propellern angetrieben – und schaffen dann nur noch etwas mehr als zwei Knoten. Das sind umgerechnet vier Stundenkilometer.
Einige der kuriosen Schwimmfahrzeuge waren übrigens schon 1944 bei der Landung der Alliierten in der französischen Normandie mit dabei. Andere Fahrzeuge wie das Amphicar wurden Anfang der 60er Jahre in Berlin-Reinickendorf für die zivile Belustigung gebaut.
Am 6. August ging es am Vormittag in der Marina Lanke los. 70 Fahrzeuge steuerten unbekümmert die Fluten an und schipperten nach dem ersten Wasserkontakt vier Stunden lang gemütlich über den sonnigen Wannsee, um gegen 14:30 Uhr die öffentliche Rampe in Kladow anzusteuern – für die „Ausfahrt“.



Von hier aus ging es weiter auf den Campingplatz Berlin-Kladow im Krampnitzer Weg. Auf dem Platz hatten die internationalen Freunde der Amphibienfahrzeuge ihr Hauptquartier bezogen – für das gesellige Miteinander und für die Übernachtung. Engländer, Belgier, Niederländer, Deutsche und Schweizer kamen hier über ihr Hobby zusammen – viele von ihnen kennen sich bereits seit Jahren und haben die Plaketten der „Amphib“-Treffen der letzten Jahre auf ihre Autokarosserien geklebt. Im nächsten Jahr werden sich fast alle in Norwegen wiedersehen – zur „Amphib 2027“. Jürgen Gößling: „Wir sind kein Club, wir sind kein Verein, wir sind Familie.“
Armin Wiss ist 92 Jahre alt. Er war mit einem Volkswagen Typ 166 Schwimmwagen aus dem Zweiten Weltkrieg nach Berlin gereist: „Ich besitze das Auto schon seit 45 Jahren. Heute ist es so: Man fährt das Auto eine Stunde lang und repariert es anschließend zehn Stunden lang. Nach einer Runde im Wannsee muss ich in allen Lagern schauen, ob Wasser eingedrungen ist.“
Florian Kütter (32) aus Crailsheim bei Heilbronn stach mit einem knallroten Amphicar Typ 770 in See: „Der Wagen kommt ja aus Berlin. Ich finde es spannend, mit dem Auto auf der Straße zu fahren und im Wasser zu schwimmen. Man ist in beiden Elementen unterwegs. Dafür braucht man übrigens eine Wasserzulassung und einen Wassersportführerschein.“
Jürgen Gößling: „Fast jeder von uns ist ein echter Schrauber. Du kannst diese Autos nicht in eine Werkstatt bringen. Deswegen waren auch einige spektakuläre Eigenbauten mit dabei.“ (ϑ Text/Fotos: CS)
Dieser Artikel stammt aus „Unser Havelland“ Ausgabe 246 (9/2026).











